Ein Clown von 140 Tonnen

Spektakuläre Premiere bei den Bregenzer Festspielen: Ein riesiger Clownkopf wird zur Kulisse von Giuseppe Verdis «Rigoletto».

«Il clown è mobile»: Das Bühnenbild im Bodensee ist enorm wandelbar. Foto: Karl Forster

«Il clown è mobile»: Das Bühnenbild im Bodensee ist enorm wandelbar. Foto: Karl Forster

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Es blitzt und donnert und schifft in Strömen – aber nur auf der Bühne, zum Glück. Die Bregenzer Premiere von Verdis «Rigoletto» ging bei kitschigstem Sonnenuntergang und angenehmen Temperaturen über die Seebühne, die so wieder einmal zeigen durfte, dass sie keinen realen Himmel braucht, um ein zünftiges Gewitter zu produzieren. Bühnentechnik genügt.

Und ja, die Bühnentechnik ist eindrücklich an diesem Abend. Ein knapp 14 Meter hoher Clownkopf ragt aus dem Wasser, daneben seine fast so grossen Hände; die eine hält einen riesigen Ballon, die andere kann jedes Fingerglied einzeln bewegen und tut es auch fast unablässig. Der Regisseur Philipp Stölzl hat dieses Bühnenbild entworfen, 46 Firmen waren beteiligt am Bau, 140 Tonnen schwer ist das Ganze, auf 119 Pfählen verankert im See. Und während man noch staunt über die spektakulären Dimensionen und Zahlen, die in Bregenz mindestens so wichtig sind wie die Besetzungsliste, runzelt man doch auch die Stirn: ein Clown? Echt jetzt?

Rigoletto ist in Verdis Oper ja kein Clown, sondern ein Narr am Hof des Herzogs von Mantua. Eine düstere, verquälte Figur, die dem durchaus verständlichen Fluch des alten Monterone so verzweifelt auszuweichen versucht, dass er erst recht eintrifft. Will man hier nun etwa einen heiteren «Rigoletto» zeigen, eine clowneske Revue zu Verdis Musik? Man ahnt Übles, als schon vor der Vorstellung Zirkusakrobaten durchs Publikum wirbeln und den Bühnenbildkopf bekraxeln (dass einige von ihnen später im See landen werden, ist da schon klar).

Überall wird gesungen – auch hinter den Zähnen des Clownkopfs. Foto: Keystone

Aber dann kommt die positive Überraschung. Denn der Clownkopf kann nicht nur den Kiefer öffnen, die Augen bewegen, sich heben und senken. Er hat auch das, was man bei den Sängerinnen und Sängern der Distanz wegen nicht wahrnimmt: eine Mimik. Drohend kann er dreinblicken oder verträumt, lauernd oder liebevoll. Und wenn im Laufe des Abends seine Halskrause zerbricht und sein Gesicht sich zum Totenschädel reduziert, dann ist das eine durchaus passende Metapher für das, was dem Rigoletto in Verdis Oper geschieht.

Mélissa Petit hat als Gilda nicht nur ihre Stimme zu bieten. Sie ist auch schwindelfrei – und bereit, nass zu werden.

Auch das Schicksal seiner schönen Tochter Gilda ist im Bühnenbild angelegt. Rigoletto will sie für sich behalten, niemand soll sie sehen, höchstens in die Kirche darf sie gehen; er nennt das Liebe. Hier nun hält er sie in seiner Hand, im wahrsten Sinne des Wortes: Gilda lebt auf einer der Bühnenhände, beschützt und gefangen. Und wenn sie sich in der schönsten Szene des Abends davonträumt und dank 1300 Kubikmetern Helium im leuchtenden Ballon in den Nachthimmel schwebt – dann schaut ihr der Bühnenbildkopf nach, bewundernd, besitzergreifend. Sie wird ihm nicht entkommen.

Mélissa Petit gibt diese Gilda bei der Premiere, die dem Zürcher Opernhauspublikum bestens bekannte französische Sopranistin; in späteren Aufführungen wird sie sich mit zwei anderen Sängerinnen abwechseln. Sie hat – wie alle Protagonisten – mehr zu bieten als nur eine Stimme: Schwindelfrei ist sie; bereit, nass zu werden. Sprintstark auch, die Wege sind weit auf der Bregenzer Bühne. Dass sie dabei nicht nur ihre Töne trifft, sondern tatsächlich singt, innig und leicht und ergreifend: Das ist nun wirklich zirkustauglich.

Beschützt und gefangen: Rigoletto (Vladimir Stoyanov) sorgt dafür, dass seine Gilda (Mélissa Petit) auf der Bühnenhand bleibt. Foto: Karl Forster

Dass die 6800 Zuschauer es auch hören, ist dagegen einmal mehr das Resultat der Bregenzer Technik. Ein eigens entwickeltes Soundsystem kommt hier zum Einsatz, auf das man zu Recht mindestens so stolz ist wie auf die Bühnenbauten. Wie kompliziert es sein muss, alle Stimmen perfekt auszusteuern, merkt man in den seltenen Momenten, in denen ein Sänger plötzlich zu leise wirkt. Ansonsten stimmt alles: Der Klang kommt von dort, wo die Figur steht; und er trägt selbst im Pianissimo. Vor allem die Dialoge zwischen Gilda und Rigoletto (Vladimir Stoyanov) klingen so intim, als seien die beiden tatsächlich zu Hause in ihrer Stube.

Auch die Koordination mit den Wiener Symphonikern klappt. Das Orchester spielt im Festspielhaus, das Publikum sieht es auf Monitoren – sozusagen als Beleg dafür, dass der Klang nicht ab Konserve kommt. Der Dirigent Enrique Mazzola schlägt flotte Tempi an, schliesslich muss die Aufführung in zwei Stunden durch sein. Und das Publikum wartet ja sowieso auf die vielen berühmten Melodien, die zweifellos der Hauptgrund dafür waren, dass man den «Rigoletto» zum ersten Mal auf die Seebühne gebracht hat. Vor allem der Herzog von Mantua hat einen Hit nach dem anderen: «Questa o quella», «Bella figlia dell’amore» – da könnte fast jede(r) mitsingen.

Am Ende bleibt vom Clownkopf nur noch der Schädel – und von Rigolettos Glück gar nichts mehr. Foto: Keystone

Dann kommt auch noch «La donna è mobile», jene Arie, die in jeder zweiten Pastawerbung abgenudelt wird und fast wie ein Zitat wirkt, wenn sie auf der Bühne erklingt. Dass man sich dafür etwas Besonderes einfallen liess, ist Bregenzer Ehrensache. Also zappeln nun vier vielbrüstig kostümierte Akrobatinnen an den Fingern der Bühnenhand, während der Zirkusdirektor alias der Herzog (Stephen Costello) mit der Peitsche knallt – womit man dann doch noch bei der Revuenummer angelangt wäre und bei einer Komik, die wohl nicht ganz freiwillig ist.

Aber das macht nichts. Wenn sich der Herzog bei der Wiederholung der Arie tiefenentspannt in höchster Höhe in eine Hängematte legt, ist man wieder versöhnt. Denn das passt nun wieder bestens zum Motto des Abends, das da lautet: Il clown è mobile. Wandelbar, launisch, unergründlich. Aber wenn er einen beim Schlussapplaus aus seinen Riesenaugen anguckt, mag man ihn wirklich gern.

Für die «Rigoletto»-Aufführungen in diesem Sommer gibt es nur noch Restkarten; nächstes Jahr wird das Stück noch einmal gespielt. Eine virtuelle Tour durchs Bregenzer Bühnenbild gibt es hier.

Erstellt: 18.07.2019, 15:40 Uhr

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