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Höllenritt zu Mozart

An den Salzburger Festspielen wird Mozarts Oper «Idomeneo» das Liebliche gründlich ausgetrieben. Die Protagonisten leiden, das Publikum jubelt.

Drei verzweifelt Liebende: Paula Murrihy als Idamante, Nicole Chevalier als Elettra and Ying Fang als Ilia (von links) in der «Idomeneo»-Inszenierung der Salzburger Festspiele
Drei verzweifelt Liebende: Paula Murrihy als Idamante, Nicole Chevalier als Elettra and Ying Fang als Ilia (von links) in der «Idomeneo»-Inszenierung der Salzburger Festspiele
Keystone

Fünfzehn Arien hat Wolfgang Amadeus Mozart für sein Familien- und Sohnesopferdrama «Idemeneo» geschrieben. Dirigent Teodor Currentzis und Regisseur Peter Sellars haben für die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele ein Drittel dieser Arien gestrichen, ebenso den Grossteil aller rezitierenden Sprechgesangspassagen. Eingefügt haben sie dafür das so hinreissende Rondo KV 505, ein orchesterbegleitetes Duett für Hammerklavier und Sopran. Und die verbleibenden Arien sind alles andere als langweilig.

Denn Ausnahmeregisseur Peter Sellars ist das wandelnde schlechte Weltgewissen der Opernszene. Er verwandelt jede Arie in eine Ensembleszene, immer sind die Arien bei ihm Erklärungen an die Mitspieler und die Menschheit. Da wird zum Beispiel die Troianerin Ilia von den siegreichen Griechen verhört. Sie erzählt von ihrem Herrschervater Priamos, von dessen und ihrer Brüder Tod, von ihrer Liebe zum Siegersohn Idamante. Diese Liebe hat sie mit verheerender Wucht überfallen. Ying Fang mischt Verzweiflung und Liebespein, sie atmet ihr Unglück-Glück in hohen feinen Linien.

Elettras und Idamantes glückliche Stunden sind gezählt. Bild: Keystone
Elettras und Idamantes glückliche Stunden sind gezählt. Bild: Keystone

Paula Murrihy gibt den Prinzen Idamante herb, scheu und zunehmend aller Lebenssicherheit beraubt. Nicht nur, weil sich Idamante seinerseits in die Feindin Ilia verliebt, aber eine geliebte Frau hat, sondern auch, weil sein Vater Idomeneo, Herrscher in Kreta, Murks gebaut hat. In Seenot hat dieser gelobt, im Fall seiner Rettung den ersten Menschen zu opfern, dem er an Land begegnet. Der dann sein Sohn Idamante ist. Russell Thomas als Titelheld läuft deshalb sorgenbedrückt auf der Bühne herum, der Täter als ein bemitleidenswertes Opfer.

Sellars übersetzt die archaische Idee des Kindesopfers ins Heute. Er zeigt Idomeneo als Vertreter der herrschenden Politikergeneration, die für das eigene bequeme Leben bereit ist, selbst das liebste Kind zu opfern. Zudem tut Idomeneo sein Opfergelübde in einer Naturkatastrophe, die heute zunehmend als von Menschen verursacht verstanden wird.

Schon bei Mozart werden die Folgen von Überheblichkeit, Hass und Krieg klar benannt: Sie zerstören alle menschliche Bindungen. Aber schon Mozart stemmt sich gegen diese Zerstörung. Wenn zuletzt eine göttliche Stimme Idomeneo von seinem Königsamt und damit von seinem Gelübde entbindet, dann geschieht das im Namen der Liebe.

Kein Fortschritt ohne Schmerz

Liebe ist das beherrschende Thema in Sellars‘ Inszenierung, und Liebe heisst für ihn Teamarbeit. Deshalb ist kein Sänger bei seinen Arien allein auf der Bühne. Zudem tritt, wie bei Sellars typisch, die ganze Welt auf: unter anderem eine Chinesin, zwei Schwarze, ein Neuseeländer, eine Tänzerin aus Honolulu.

Dirigent Teodor Currentzis, gebürtiger Grieche, macht in Europa derzeit die spektakulärste Musikerkarriere seit Karajan. Der Chor, den er aus Perm mitgebracht hat, ist schier überwältigend.

So wird dieser Abend schon durch die Besetzung zu einem Appell an die Menschheit, mit ihrem selbstzerstörerischen Tun aufzuhören und umzudenken. Das geht weit über das übliche Operngeschäft hinaus. Genau das ist jedoch schon der Subtext des «Idomeneo»-Librettos, das auf Umsturz, Neuanfang und die Umwertung aller fragwürdig gewordenen Werte abzielt. Am deutlichsten macht das Levy Sekgapane als Idomeneos Chefberater. Sein Sprechgesang ist ein verzweifelt heftiger Aufruf im Sinne der Friday-for-Future-Jugendbewegung.

Elettra am Ende. Zumindest tänzerisch geht es um sie herum leicht zu. Bild: Keystone
Elettra am Ende. Zumindest tänzerisch geht es um sie herum leicht zu. Bild: Keystone

Mozart weiss in der Figur der Elettra allerdings auch, dass Liebe und Umdenken furchtbares Leid bedeuten können. Nicole Chevalier macht einen Höllenritt der Gefühle durch. Sie kann verliebt zwitschern, aber auch eine furiose Hassszene hinlegen, die das Publikum begeistert goutiert. Dann bricht sie zusammen und liegt als sichtbares Opfer auf der Bühne, als Menetekel dafür, dass kein Fortschritt ohne schmerzliche, auch brutale Einschnitte zu haben ist.

Währenddessen zeigen Brittne Mahealani Fuimaono und Arikitau Tentau tänzerisch, wie mühelos überraschend das Crossover zwischen Mozarts München und dem Pazifik heute funktionieren kann.

Genauso dirigiert auch Teodor Currentzis das fabelhafte Freiburger Barockorchester. Alle Musiker, die Cellisten ausgenommen, stehen beim Spielen, und die so gewonnene Freiheit ist hörbar. Currentzis‘ rastlose Hände wühlen die Abgründe aus der Partitur heraus. Er ist der grandiose Erbe der beiden wegweisenden Mozartdirigenten der letzten Jahrzehnte: Er verbindet die Leichtigkeit und Eleganz John Eliot Gardiners mit der herben, existenziellen Nachdrücklichkeit Nikolaus Harnoncourts und treibt beider Ansätze ins Extreme weiter. Kein Wunder, dass dieser derart und unbedingt als Zeitgenosse dirigierte Mozart manche Zuhörer erschreckt. Hier hat sich alles Liebliche mozartausgekugelt.

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