Ein Instrument wie ein Chamäleon

Es ist ja eigentlich nicht vorgesehen, dass Musik von Haydn, Ligeti oder Dowland mit dem Akkordeon gespielt wird. Die Schweizerin Viviane Chassot tut es trotzdem – überzeugend. Und demnächst auch in Zürich.

Geschickt (oder frech) genug: Viviane Chassot hat ein sicheres Gespür dafür, was sich für das Akkordeon arrangieren lässt. Foto: Marco Borggreve

Geschickt (oder frech) genug: Viviane Chassot hat ein sicheres Gespür dafür, was sich für das Akkordeon arrangieren lässt. Foto: Marco Borggreve

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M-ta-ta, m-ta-ta, und dann noch eine süffige Melodie dazu: Man könnte direkt ins Walzern kommen bei diesem Stück, irgendwo in einer Beiz auf dem Land, wo es zum Beispiel auf einer Drehleier gespielt würde. Aber statt einfacher Drehleier-Musik hören wir hier eine höchst raffinierte Komposition: György Ligeti hat sie sich Anfang der 50er-Jahre aus­gedacht, ihr den Titel «Musica ricercata VI» gegeben und dafür gesorgt, dass man beim Mitwippen rasch auch zum Staunen und Stutzen kommt.

Der Akkordeonistin Viviane Chassot kommt dieses Stück gerade recht. Zwar ist es ursprünglich für Klavier geschrieben worden, aber die Handorgel passt bestens zu seinem quasivolkstümlichen Cha­rakter. Auch die Brüche im Stil bringt dieses Instrument erst recht zur Geltung: schroffe Dissonanzen, abrutschende Klangmassen, überdrehte Wendungen – das klingt wunderbar, und manchmal wunderbar schräg.

Viviane Chassot über ihre Beziehung zum Akkordeon. Video: art-tv-ch

Also eben nach Viviane Chassot. Sie kam einst zum Akkordeon, weil man in Wollerau, wo sie aufgewachsen ist, halt Akkordeon spielte als Kind. Aber schon bald war ihr klar, dass die im Dorf in verschiedenen Vereinen und Ensembles gepflegte Volksmusik nicht ihre Sache ist. Ihr zweites Hobby war das Ballett, und da hatte sie mit Musik von Tschaikowsky oder Haydn zu tun, die sie weit mehr ansprach.

So studierte sie dann in Bern, bei Teodoro Anzellotti, der viel dazu beigetragen hat, dass das Akkordeon allmählich salon- respektive konzertsaal­fähig wurde: Mit seiner legendär gewordenen Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen etwa, aber auch mit zeitgenössischen Werken.

Duette mit dem Zitherspieler

Auch Chassot ist oft zeitgenössisch unterwegs, und längst international. Mit Dirigenten wie Simon Rattle oder Riccardo Chailly hat sie zusammengearbeitet, kürzlich sass sie wieder einmal im Tonhalle-Orchester, in der Zürcher Aufführung von Peter Eötvös’ «Oratorium balbulum». Aber sie lässt sich keineswegs in die Neue-Musik-Schublade versorgen, sondern sucht sich ihr Repertoire in der ganzen Musikgeschichte zusammen – ohne Vorurteile und mit sicherem Blick dafür, was sich für ihr Instrument arrangieren lässt, wenn man nur geschickt (oder frech) genug ist.

Ein paar ihrer Funde hat sie auf ihrer zweitneusten CD «Objets trouvés» präsentiert, einer Duoaufnahme mit Martin Mallaun, der mit seiner Zither ebenfalls ein Exot ist im Klassikzirkus. Neben Stücken aus Ligetis Zyklus «Musica ricercata» finden sich da messerscharfe Tangos von Astor Piazzolla, eleganter Barock von François Couperin – und fünf hinreissend gespielte Stücke von John Dowland. Wer je daran gezweifelt hat, dass das Akkordeon eine zarte, melancholische Seele hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Chassot spielt Piazollas «Adios Nonino». Videos: Viviane Chassot

Ein Chamäleon sei ihr Instrument, hat Viviane Chassot einmal sehr zu Recht gesagt – wobei dieses Chamäleon ein Spätentwickler war. Als es 1829 erfunden wurde, war es noch wenig geeignet für klassische Bedürfnisse: Zu simpel war die Mechanik, mit der sich nur Begleitungen realisieren liessen. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts war das Instrument technisch so ausgereift, dass man darauf auch komplexere Musik spielen konnte.

Haydns volkstümliche Motive

Zum Beispiel die Musik von Joseph Haydn. Mit Sonaten von ihm hat Chassot einst den Pianisten Alfred Brendel begeistert, der nicht leicht zu begeistern ist: «Frische, Kontrolle und Empfindsamkeit wirken auf das Schönste zusammen», befand er. Dasselbe könnte man nun auch über ihre allerneuste CD mit Haydns Klavierkonzerten wieder sagen – und hinzufügen, dass das Akkordeon Facetten dieser Werke zum Vorschein bringt, die man im Original glatt überhören könnte. Den tänzerischen Schwung etwa, die fast volkstümlichen Motive, die Haydns Inspirationsquellen verraten. Aber eben auch die Raffinesse zeigen, mit der er sie in etwas ganz anderes verwandelt hat.

Haydns Klavierkonzerte mit dem Kammerorchester Basel.

Das ist das Aufregendste an Chassots Interpretationen: dass sie Brücken schlägt über den Graben zwischen Hoch- und Volkskultur, der erst im letzten Jahrhundert so wirklich tief geschaufelt worden ist. Dass sie dabei weder den Klang ihres Instruments noch die künstlerischen Ansprüche der Werke kompromittiert. Und dass sie das alles ohne missionarischen Eifer tut: Sie will weder «neues Publikum erreichen» noch «zeigen, wozu ein Akkordeon fähig ist». Sie will Musik machen. Und tut das so, dass man unbedingt mehr hören will von dieser Musik.

Erwähnte CDs: Objets trouvés, Werke von Ligeti, Dowland, Couperin, Cage und Piazzolla (Genuin). Haydn: Klavierkonzerte Hob. XVIII Nr. 3, 4, 7 und 11, mit dem Kammerorchester Basel (Sony).

Das Gesprächskonzert mit Viviane Chassot im Zürcher Kaufleuten findet am Mittwoch, 26. April, um 20 Uhr statt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 22:16 Uhr

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