Er kann alles – ausser Russisch

Der deutsche Pianist Alexander Krichel hat auch in Mathematik, Biologie und Sprachen Preise geholt. Nun kommt er in die Schweiz.

Multitalent am Klavier: Alexander Krichel tritt nächste Woche in Zürich und Bern auf.

Multitalent am Klavier: Alexander Krichel tritt nächste Woche in Zürich und Bern auf. Bild: Erik Wieder

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Vielleicht erwähnt man bei einem wie Alexander Krichel am besten erst einmal, was er nicht kann: Russisch zum Beispiel, und das ist durchaus erwähnenswert bei einem Pianisten, der sich als «russisch geprägt» bezeichnet und fünf Sprachen beherrscht (eine sechste versteht er immerhin). Seine erste Klavierlehrerin war Russin, er konnte nicht sprechen mit ihr, was kein Nachteil gewesen zu sein scheint; die gemeinsame Sprache war dann halt die Musik.

Auch sein wichtigster Lehrer, Vladimir Krainev, war Russe. Krichel hatte sich nach dem Abitur ausschliesslich fürs Studium bei ihm beworben; ein anderer Lehrer wäre für ihn nicht infrage gekommen. Wenn es nicht geklappt hätte bei Krainev, so hat er einmal gesagt, hätte er wohl Medizin studiert.

Das Erstaunliche daran ist, dass man Krichel zutraut, dass er es tatsächlich getan hätte. Die Musik war zwar schon immer wichtig für den 1989 geborenen Hamburger, sein Talent wurde früh entdeckt. Aber der Sohn eines deutschen Ingenieurs und einer italienischen Biologin hatte auch andere Interessen und Begabungen. Er gewann nicht nur Jugendmusikwettbewerbe, sondern auch Preise beim deutschen Bundeswettbewerb Fremdsprachen, bei «Jugend forscht» im Bereich Biologie und an der Mathematik-Olympiade. Die Aufnahmeprüfung in die Förderklasse der William-Stern-Gesellschaft für hochbegabte Mathematiker an der Universität Hamburg hat er mit Auszeichnung geschafft.

Der Kopf hätte ihm also zweifellos vieles ermöglicht, aber das Herz zog dann doch in Richtung Musik. Als Krainev zusagte, war alles klar. Krichel wurde Pianist, und die Erfolge kamen rasch: Mit 24 Jahren hatte er einen Exklusivvertrag bei Sony und einen Echo Klassik als Nachwuchskünstler in der Tasche. Inzwischen kann man den «Nachwuchs» streichen, Krichel hat längst einen vollen Konzertkalender mit vielen guten Adressen drin. Und nun auch wieder eine neue CD, die sechste schon. Titel: «An die ferne Geliebte».

Widmung an die Grossmutter

Der Titel stammt von Beethovens Liederzyklus, den Krichel hier in der Klavierbearbeitung von Franz Liszt eingespielt hat. Wer diese «ferne Geliebte» sein könnte: Darüber wurde schon immer gerätselt. Krichel sympathisiert mit jener Hypothese, die den Zyklus nicht als persönliche Liebeserklärung des Komponisten, sondern als Auftragswerk versteht; Beethoven soll es für seinen Gönner Fürst Joseph von Lobkowitz komponiert haben, dessen Frau gestorben – und damit unendlich «fern» – war.

Auch Krichels Adressatin lebt nicht mehr. Er widmet die CD seiner Grossmutter, die er zwanzig Minuten vor jedem Konzert angerufen habe, wie er im Booklet schreibt; «dieses Gefühl, dass ich mich auf dem Podium wohlfühle, hatte sehr mit ihr zu tun».

Aber auch jenseits des persönlichen Hintergrundes ist dieses Werk genau richtig für ihn. Denn zu seinen Spezialitäten gehört das pianistische Singen – jene paradoxe Kunst, mit einzeln angeschlagenen Tasten eine kantable Linie zu gestalten. Wie er Melodie und Begleitung gleichzeitig auseinanderhält und koppelt; wie er auf Höhepunkte hinspielt, die Musik atmen lässt, einer Geste hinterherhorcht: Das wirkt tatsächlich oft vokal gedacht.

Gefühlvoll spielt Krichel diesen Beethoven-Zyklus, ohne sich im Gefühligen zu verlieren. Er ist kein Klaviersoftie. Aber auch kein Mathematiker hinter den Tasten: «In der Mathematik findet man irgendwann die Wahrheit, in der Musik nicht», hat er einmal gesagt – darum geht es. Um die Offenheiten in einer Struktur, um das Unsagbare hinter den Noten. Um die Suche nach etwas, das man nie ganz erreicht.

Dicht und doch leicht

Krichel kommt ihm allerdings immer wieder nahe, auch in den anderen Werken auf dieser CD. «Liebesleid» und «Liebesfreud», die der Violinvirtuose Fritz Kreisler für sich geschrieben hatte, präsentiert er in Rachmaninows Bearbeitung als glitzernde Bravourstücke. In Schumanns Sinfonische Etüden op. 13, dem einzigen originalen Klavierwerk, lotet er dagegen seelische Tiefen und geradezu orchestrale Klangfarben aus.

Und dann gibt es zuletzt noch Isoldes «Liebestod» aus Wagners «Tristan», ebenfalls in einer Version von Franz Liszt: Fast neun Minuten dauert dieses Stück, und es ist entsprechend der Vorlage dicht – an Tönen wie an Emotionen. Aber in Alexander Krichels Interpretation wirkt es gleichzeitig verblüffend leicht, ruhig, transparent. Selbst in den aufgewühltesten Passagen bleibt sein Spiel gestochen scharf, das Entrückte wird mit markanten Bässen sicher verankert. Und zuletzt verabschiedet sich die Musik wie von selbst in die Stille.

CD: Alexander Krichel, «An die ferne Geliebte» (Sony Classical).

Gesprächskonzerte: Zürcher Kaufleuten, Dienstag, 19. März, 20 Uhr. Französische Kirche Bern, Mittwoch 20. März, 19.30 Uhr.

Alexander Krichel spielt den «Liebestod» aus Wagners «Tristan und Isolde» in der Klavierversion von Franz Liszt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2019, 08:48 Uhr

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