Der originellste Schweizer Pianist

Der Lausanner Cédric Pescia lernt derzeit Tabla, die indische Kesseltrommel – weil ihn das für sein Klavierspiel inspiriert. Ein Treffen.

Spielt Bach übermütiger und improvisatorischer als Glenn Gould: Cédric Pescia. Foto: Fabienne Andreoli

Spielt Bach übermütiger und improvisatorischer als Glenn Gould: Cédric Pescia. Foto: Fabienne Andreoli

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Man sitzt schon fast eine Stunde beim Kaffee, hat über Bach und die Welt geplaudert, der Barpianist spielt sich lautstark warm, und eigentlich stünden alle Zeichen auf Ende Interview. Aber dann sagt Cédric Pescia ganz nebenbei, dass er jetzt übrigens Tabla lerne, jenes indische Instrument also, das aus zwei verschieden grossen Trommeln besteht – und man bleibt dann doch noch einmal sitzen.

Dass Pescia ein origineller Kopf ist, war ja schon vorher klar. Der 42-jährige Lausanner und Wahlberliner gehört zu jener bemerkenswert grossen Gruppe von Schweizer Pianisten, die zwar (noch) nicht zu den Superstars zählen, aber doch eine schöne internationale Karriere verfolgen. Pescia tut es vor allem in der welschen Schweiz, in Frankreich und Deutschland; in der Deutschschweiz sind andere unterwegs (der Röstigraben existiert auch in dieser Branche).

Mit seinen CDs fiel er allerdings auch hier immer wieder auf: als einer, der keine Angst hatte, mit Bachs «Goldberg-Variationen» zu debütieren. Und dann mit Werken von Bloch oder Cage oder Enescu Aufnahmen nachschob, die jeden Marketingberater zur Verzweiflung bringen würden. Pescia kann es sich leisten, schliesslich hat er seit 2012 eine fast volle Stelle als Professor an der Genfer Musikhochschule.

Keine Antworten, aber Inspiration

Und nun lernt er also Tabla. Warum? Die Antwort ist eine typische Pescia-Antwort: «Weil dabei mein ganzes Wissen über Musik überhaupt nichts gilt.» Schliesslich funktioniert die indische Musik ganz anders als die westliche, freier, offener, gleichzeitig formelhafter. Vor allem sei das Zeitgefühl anders, sagt ­Pescia, «oft passiert nicht viel in der indischen Musik». Da könne er als Pianist sehr viel lernen, etwa für die Gestaltung von langsamen Tempi. Für das, was zwischen den Noten steht.

Das ist es, was Pescia auch beim klassischen Repertoire interessiert. Früher habe er die Noten als Anfang gesehen, «inzwischen beschäftige ich mich viel mehr mit dem, was davor war: Was hat den Komponisten dazu gebracht, aus der Stille heraus genau diese Noten zu schreiben? Welcher Gedanke, welcher Gestus, welche Art der Improvisation?» Konkrete Antworten gibt es nicht auf solche Fragen. Aber es verändert die Interpretation, wenn man sie sich stellt.

Tschaikowsky? Lieber nicht

Dass für Cédric Pescia die glitzernde Virtuosität nicht an erster Stelle kommt, ist da rasch klar. Sein Weg ist ein anderer, und er betrat ihn relativ spät. Sieben Jahre alt war er, als ein Pianist seine Schule besuchte: «Danach wollte ich nur noch Klavier spielen.» Seine Eltern hatten zwar keinerlei Interesse an Musik, aber sie kauften ihm ein Klavier – und liessen ihn machen. Das sei sein Glück gewesen, sagt er: «Ich wurde nie gepusht, und lange habe ich mehr gespielt als wirklich geübt.» Denn eigentlich wollte er Arzt werden wie sein Vater oder Philosophie studieren. Aber mit den ersten Konzerten war dann alles klar: «Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, auf einer Bühne zu spielen.»

Er hat dann also doch zu üben begonnen. Und 2002 in den USA einen renommierten Wettbewerb gewonnen, die Gina Bachauer International Artists Piano Competition in Salt Lake City. Das hat ihm viel Aufmerksamkeit gebracht, viele Angebote und auch ein paar Erkenntnisse. Zum Beispiel die, dass russische Musik nichts ist für ihn: «Nach dem Wettbewerb wurde ich immer wieder für Tschaikoswky-Konzerte eingeladen, aber die habe ich so schlecht gespielt, das war wirklich Unsinn.»

Jedes Stück ein Abenteuer

Also konzentrierte er sich bald wieder auf das, was ihm wirklich liegt. Auf Bach, auf Schumann – und auf die Musik der letzten fünfzig Jahre, auf Gérard Grisey, Karlheinz Stockhausen, John Cage. Pescia gehört zu den wenigen Pianisten, die viel neue Musik spielen, ohne sich auf sie zu spezialisieren. Gerade kürzlich hat er zusammen mit zwei Studenten an der Genfer Hochschule Pierre Boulez’ «Sur Incises» aufgeführt, «ein wirklich schwieriges Stück, wir haben sechs Monate daran gearbeitet». Gleichzeitig nähert er sich dem Barockmeister Girolamo Frescobaldi an, «irgendwann werde ich es schaffen, seine Musik auch auf dem Klavier adäquat zu spielen».

Bei Johann Sebastian Bach ist er längst so weit. Schon als Kind hat er diese Musik geliebt, ­später hat er sie sozusagen eingekreist: am Cembalo nachempfunden, woher sie kam; und am Steinway ausprobiert, was alles in ihr drin steckt. Kürzlich hat er nun das «Wohltemperierte Klavier» auf CD herausgebracht – und dabei das Kunststück geschafft, dass man beim Hören kein einziges Mal an Glenn Gould denkt, dessen rhythmusbetonter Stil die pianistische Bach-Interpretation bis heute prägt. Pescia spielt kantabler als Gould, auch übermütiger und improvisatorischer: als sei jedes Stück ein Abenteuer mit offenem Ausgang.

Cédric Pescia spielt Bach Präludium und Fuge in e-Moll aus Bachs «Wohltemperiertem Klavier»

Das ist kein Zufall. Denn als Pescia ins Aufnahmestudio ging, hatte er keine festgelegte Interpretation im Kopf – sondern für jedes Präludium und jede Fuge zwei, drei oder auch fünf verschiedene Varianten. Ausser den Noten sei ja nichts vorgeschrieben, «die Musik ist sehr offen, und diese Offenheit sollte man sich als Interpret bewahren». Indem man zum Beispiel bei einem Stück das Tempo auch mal verdoppelt. Oder eine ganz andere Artikulation wählt. Oder leise spielt, was beim letzten Durchgang laut war. Am Ende, sagt Pescia, habe der Tonmeister Johannes Kammann entschieden, welche Kombination der Versionen auf die Vierfach-CD kommt: «Er kennt mich gut und weiss, was ich mag. Und ich hätte keine Energie gehabt, das alles noch einmal durchzuhören.»

Er setzt sie halt lieber für anderes ein. Für die nächsten Auftritte. Für die Konzertreihe, die er in Lausanne betreut. Für die Tabla. Fürs Unterrichten. Fürs Pendeln, «weil in Genf der Job so wunderbar ist und in Berlin das Leben». Und, immer mehr, auch für Besuche in Schulen. An seinem Beispiel sehe man ja, was das bewirken könne, sagt er grinsend; ausserdem sei es immer eine interessante Erfahrung. Nicht zuletzt, weil neuere Werke in den Schulzimmern weit besser ankommen als in den Konzertsälen: ­«Chopin finden die Kinder meist uninteressant, aber zu Ligeti fallen ihnen die verrücktesten Dinge ein.»

Ihm selber, so darf man vermuten, ebenfalls.

Cédric Pescia: J.S. Bach, Das Wohltemperierte Klavier (4 CDs, La dolce volta).

Weitere international erfolgreiche Schweizer Pianisten

Oliver Schnyder

Oliver Schnyder spielt Brahms' Intermezzo op. 118/2.

Geboren 1973 in Brugg, hat Oliver Schnyder erste Erfolge in den USA gefeiert, bevor er sich in der Heimat etablierte. Inzwischen hat er den Geheimtipp-Status längst hinter sich: als gefragter Solist, als ebenso uneitler wie hochkarätiger Kammermusiker. Und als kluger Programmgestalter – beim Piano District in seinem Wohnort Baden oder im kommenden Sommer beim Davos Festival.

Francesco Piemontesi

Francesco Piemontesi spielt Claude Debussys «Feux d'artifice».

Francesco Piemontesi, geboren 1983 in Locarno, hat fast auf der ganzen Welt konzertiert, bevor er – auch dank seiner Mentorin Martha Argerich – im Schweizer Konzertbetrieb ankam. Er hat die mangelnde Förderung einheimischer Talente immer wieder kritisiert. Inzwischen gehört er zu den gefragtesten Schweizer Solisten, lebt in Berlin und leitet die Settimane Musicali Ascona.

Mélodie Zhao

Mélodie Zhao spielt Listzs «Mazzeppa» aus den «12 Études d'exécution transcendante».

Geboren 1994 in Bulle, lebte Mélodie Zhao zunächst in China, studierte dann in Genf und übernahm bereits als 14-Jährige eine Gastprofessur im chinesischen Shengli. Rekordmässig jung und bemerkenswert reif spielte sie 2014 alle Beethoven-Sonaten ein. Auch als Liszt-Interpretin hat sie sich einen Namen gemacht. Als Hobby nennt sie das Pistolenschiessen – weil es die Konzentration fördert.

Teo Gheorghiu

Teo Gheorghiu spielt Schuberts Impromptu Nr. 4. Foto: Roshan Adihetty

Dank seinem Auftritt in Fredi Murers Film «Vitus» 2005 wurde Teo Gheorghiu, geboren 1992 in Männedorf, zum berühmtesten Wunderkind der Schweiz. Seither tut er als sensibler, aber durchaus auch kräftig zupackender Interpret alles, um dieses Etikett loszuwerden. Er lebt in London, wo er studiert hat, tritt aber auch häufig in der Schweiz und insbesondere in Zürich auf.

Louis Schwizgebel

«Six-Bach» mit Louis Schwizgebel.

Geboren 1987 in Genf als Sohn des Animationsfilmers Georges Schwizgebel und einer chinesischen Mutter, hat Louis Schwiz­gebel nicht nur schnelle Finger, sondern auch Humor: Sein Youtube-Video «Six-Bach» ist zweifellos die sportlichste Bach-Variante, die je gespielt wurde. Auch er lebt inzwischen in London; Ende Januar debütiert er mit Beethoven beim Musikkollegium Winterthur.

Beatrice Berrut

Beatrice Berrut spielt Liszts «Consolation»«» Nr. 3. /span>

Die 1985 in Genf geborene Walliserin liess sich in der russischen Klaviertradition ausbilden. Berruts Spiel ist kraftvoll, farbig, üppig; einen besonderen Draht hat sie zu Liszts Musik. Gefördert wurde sie unter anderem vom Geiger Gidon Kremer. Sie ist zwar (noch) nicht an den ganz grossen Adressen angekommen, aber mit Rezitalen und als Kammermusikerin dennoch weltweit unterwegs. (suk) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.01.2019, 10:45 Uhr

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