«Ein Rülpser in einer Arie kommt nicht gut an»

Der grosse Bariton Michael Volle debütiert im Zürcher Opernhaus als Nabucco. Sein Rezept: keine Allüren. Und keine Kohlensäure.

«Arroganz ist mir ein Horror»: Michael Volle auf der Opernhaus-Probebühne. Foto: Dominique Meienberg

«Arroganz ist mir ein Horror»: Michael Volle auf der Opernhaus-Probebühne. Foto: Dominique Meienberg

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«Ich bin Gott», singt Nabucco in Verdis Oper. Kennen Sie als Sänger dieses Gefühl von Grössenwahn?
Das fängt ja gut an! (lacht). Aber im Ernst: Wir sind immer gefährdet, natürlich. Denn wir machen ja etwas völlig Unnatürliches. Wir singen unnatürlich, wir bewegen uns unnatürlich, und wir müssen sehr exhibitionistisch sein. Die Leute bezahlen viel Geld, um uns zu hören, man bekommt ständig Bestätigung. Da kann es schon vorkommen, dass man seine Grenzen vergisst. Ich nehme mich da nicht aus.

Aber?
Es kommt auf den Typ an, wie man mit solchen Situationen umgeht. Für mich als pietistischer Pfarrerssohn ist Überheblichkeit eine Todsünde, Arroganz ist mir ein Horror.

Den Nabucco geben Sie nun als Rollendebüt. Da darf man nicht zweifeln an seinen Fähigkeiten.
Man lernt mit den Jahren, sich einzuschätzen. Und klar, man muss seine Fähigkeiten auch annehmen – das hat nichts mit Arroganz zu tun. Ich weiss zum Beispiel, dass es mir leichtfällt, mich in ganz verschiedene Charaktere zu versetzen. Mein Bruder ist Schauspieler, der hat einmal gesagt: Wenn du zu einer Figur eine besondere Nähe verspürst, dann bringt das eine Saite in dir zum Schwingen. Klingt toll, stimmt aber nicht unbedingt. Ich gebe zum Beispiel wahnsinnig gern den Scarpia in der «Tosca», aber ich glaube jetzt nicht, dass ich eine böse Monstersaite in mir habe. Oder Wozzeck, dieser arme Mensch: Für diese Partie wäre ich ja eigentlich viel zu privilegiert. Aber sie liegt mir.

Wie gehen Sie denn konkret vor, wenn Sie eine neue Rolle lernen?
Ich kann nicht Klavier spielen, also besorge ich mir Aufnahmen, von denen ich weiss, dass mir die Sänger gefallen. Beim «Nabucco» war es jene von Riccardo Muti, mit Matteo Manuguerra in der Titelrolle. Ich kannte das Stück kaum vorher, ausser dem berühmten «Va, pensiero» natürlich – ich war ja auch mal in Verona.

Michael Volle und Anna Smirnova bei den Proben im Zürcher Opernhaus. Regie führt Andreas Homoki. Foto: Monika Rittershaus

Was haben Sie entdeckt beim Hören?
Es ist wirklich tolle Musik, nicht nur Tschingdarassabum, auch wenn es eine frühe Verdi-Oper ist; das hat schon erstaunlichen Tiefgang. Die Partie des Nabucco selbst ist eher einfach gestrickt, melodisch und harmonisch; also nicht allzu schwierig zu lernen. Aber man muss sie doch drinhaben. Mit dem Klavierauszug in der Hand kann man nicht proben.

Stichwort Vorbereitung: Der Tenor Roberto Alagna hat letztes Jahr sein Bayreuther Debüt abgesagt, weil er den Text nicht konnte.
Heikles Thema! Warum macht man so etwas öffentlich? Er hätte ja auch sagen können, er sei krank geworden. Aber jenseits der Frage der Kommunikation: Man muss einfach kollegial sein bei der Vorbereitung. Um den anderen gerecht zu werden, aber auch sich selbst. Dann geht man offen und willig in die Proben und schaut, was passiert.

Und, was passiert?
Bei Rollendebüts ist es immer dasselbe. Wenn ich eine neue Szene probe, versage ich erst einmal komplett, ich vergesse alles, den Rhythmus, die Melodie. Einfach weil ich mich so auf das Szenische konzentriere. Darum ist es auch gut, Debüts in Neuproduktionen zu machen: Da hat man sechs Wochen Zeit für die Proben und kann alles in Ruhe zusammenfügen. Ein Rollendebüt nach zwei, drei Tagen, wenn man in irgendeine Wiederaufnahme einsteigt – das ist nicht zu empfehlen für die Nerven.

«Ich will es schön haben in einer Produktion, künstlerisch und menschlich.»Michael Volle

Wie sind denn Ihre Nerven? Immer noch besonders angespannt vor einem Debüt? Oder gewöhnt man sich daran?
Es gibt schon eine gewisse Routine. In dreissig Bühnenjahren lernt man, wie man mit Stresssituationen umgehen kann – mit einem Debüt, aber auch mit einem wild gewordenen Regisseur oder Dirigenten. Und man hat auch eine andere Position. Das heisst jetzt nicht, dass ich mich unmöglich benehmen muss, ich bin gut erzogen. Aber es hilft, wenn man respektiert wird. Wenn dann etwas schiefläuft, kann man auch eingreifen; das traut man sich als Anfänger nicht.

Wo greifen Sie ein?
Ich will es schön haben in einer Produktion, künstlerisch und menschlich. Ich arbeite für mein Leben gern, und ich kann es nicht ausstehen, wenn man Zeit vergeudet. Oder wenn jemand die Diva oder den Divo gibt: Das sollen die tun, wenn ich nicht dabei bin.

Auch Sie könnten den Divo geben: Ihr «Nabucco»-Debüt wird live auf Arte übertragen. Wie gehen Sie in eine solche Aufführung? Haben Sie irgendwelche Rituale?
Nein. Es gilt dasselbe wie vor jedem Auftritt: möglichst wenig kohlensäurehaltige Getränke. Ein Rülpser während einer Arie kommt nicht gut an.

Rollendebüts plant man ja in der Regel sehr sorgfältig. Warum kommt der Nabucco nun genau hier, genau jetzt?
Keine Ahnung! Mir wurde diese Partie noch nie vorher angeboten. Das gehört zu den negativen Mechanismen in unserem Geschäft: Man wird in Schubladen gesteckt, aus denen man nur sehr schwer wieder herauskommt. Bei mir war es das deutsche Repertoire, Wagner und Strauss.

Der Hans Sachs in Wagners «Meistersingern» gehört zu Michael Volles Paraderollen. Hier ein Ausschnitt aus Stefan Herheims Salzburger Inszenierung.

Andere Sänger würden alles geben, um in Bayreuth als Hans Sachs gefeiert zu werden.
Das war ja auch sehr wichtig. Der Sachs ist die grösste, schwerste Rolle in meinem Stimmfach, und er ist mir nun tatsächlich auch als Figur nahe; er wird immer eine zentrale Partie bleiben für mich. Aber es gibt eben auch anderes, und es ist schade, wenn man da keine Chancen bekommt.

Auch erstaunlich: Ich hätte gedacht, dass Sänger von Ihrem Kaliber die Partien auswählen können.
Nicht unbedingt. Es gab an grossen deutschen Bühnen Leute, die mir ins Gesicht gesagt haben: Herr Volle, Sie werden im italienischen Fach keine Karriere machen. Das hat mich wahnsinnig geärgert, aber auch angespornt. Und da muss ich nun den ehemaligen Zürcher Operndirektor Alexander Pereira erwähnen: Er hat mich als Marcello in Puccinis «La Bohème» gebucht oder als Ford in Verdis «Falstaff». Auch deshalb freut es mich, den Nabucco nun in Zürich zu singen. Und, um schon etwas über die Zukunft zu verraten: Ich werde hier auch Operette machen – noch so eine Sparte, die bisher zu kurz kam. Auch darauf freue ich mich sehr.

Aber Wagner-Angebote sind schon auch noch willkommen?
Das kommt drauf an. Kürzlich habe ich ein Angebot für den Telramund im «Lohengrin» abgelehnt, den finde ich völlig uninteressant. Ein böser Brüller. Gut, wenn meine Frau, die auch Sängerin ist, als Elsa dabei wäre, dann würde ich es mir noch einmal überlegen. Aber sonst nicht.

Premiere von Verdis «Nabucco» im Zürcher Opernhaus: Sonntag, 23. Juni, 19 Uhr. Liveübertragung auf Arte Concert.

Erstellt: 20.06.2019, 14:41 Uhr

Michael Volle

Der 1960 in Freudenstadt im Schwarzwald geborene Bariton Michael Volle hat seine Karriere einst in Mannheim begonnen. Von 1999 bis 2007 sang er im Ensemble des Zürcher Opernhauses, wo er ganz unterschiedliche Rollen übernahm: Beckmesser und Don Giovanni, Jewgeni Onegin oder den Barak in Strauss' «Frau ohne Schatten». Auch später blieb er Zürich verbunden; 2012 hat er hier als Hans Sachs in Wagners «Meistersingern» debütiert. In dieser Rolle wird er inzwischen auch in Bayreuth gefeiert. Ansonsten ist er von der Mailänder Scala über Wien, Paris und London bis zur New Yorker Met an allen grossen Bühnen gefragt. Volle lebt mit der Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer und zwei Kindern in Berlin. (suk)

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