Ein Zürcher will die Genfer Oper zur Nummer 1 der Schweiz machen

Aviel Cahn startet als Operintendant in Genf. Mit einem ambitionierten Programm und einer eigenen Glace.

«Challenge» ist sein Lieblingswort: Aviel Cahn im Genfer Grand Théâtre.

«Challenge» ist sein Lieblingswort: Aviel Cahn im Genfer Grand Théâtre. Bild: Nicolas Schopfer /GTG

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Die Wände im Intendantenbüro sind noch leer, die Möbel provisorisch. Und vor allem fehlt der Bildschirm, der es dem neuen Chef des Théâtre de Genève erlauben würde, die Proben zu verfolgen. Wie sehr ihn das nervt, das sagt Aviel Cahn gleich nach der Begrüssung.

Nein, es läuft nicht ganz reibungslos mit dem Amtsantritt des 45-jährigen Zürchers. Das Genfer Opernhaus war nach der aufwendigen Renovation erst im vergangenen Januar wieder eröffnet worden, mit Verspätung, mitten in der Spielzeit. Und während das Publikum die liebevoll rekonstruierten Details in den Foyers bewundern kann, kämpft man hinter den Kulissen immer noch mit der Infrastruktur.

Monate werde es dauern, bis das Haus einigermassen dort sein werde, wo er es haben wolle, sagt Cahn und spült den Ärger dann mit einem Schluck Wasser herunter. Lamentieren nützt ja nichts. Und überhaupt, viel lieber spricht er über sein erstes Saisonprogramm, mit dem er einiges bewegen und aufbrechen will hier in Genf.

Avancierter, politischer, einladender

«Challenging» sei das, «das Theater Genf hat ein eher rigides Image.» Passend zu einer Stadt, die er als «silomässig» erlebt: «Da gibt es die international community, die alten Genfer Familien, die Orientalen, die Alternativen – und alle verkehren nur in den eigenen Kreisen.» Nicht einmal die Kulturszenen mischen sich, «wer avantgardistisch ausgerichtet ist, ging bisher nicht in die Oper.» Das soll sich ändern.

Avancierter, auch politischer als unter seinem Vorgänger Tobias Richter soll das Programm werden. Und einladender, nicht nur für Habitués. Darum heisst das Theatercafé neuerdings La plage: Weil sich am Strand alle möglichen Leute treffen. Und weil gerade hier, mitten in der Stadt, schon das Wort Sehnsüchte weckt – nicht nur nach dem immerhin ziemlich nahen See, sondern nach Freiheit überhaupt.

Und während Cahn erzählt, verzahnen sich die Assoziationen wie von selbst: Die Opernhausleute waren ja tatsächlich im Genfer Strandbad in den letzten Tagen und haben gratis Glace verteilt, ein blaues Fior di Latte mit knusprigem Zitronentopping, das man zusammen mit einer Genfer Gelateria als Marketinggag für die Eröffnungspremiere mit Philip Glass’ «Einstein on the Beach» lanciert hat.

Blaues Fior di Latte mit knusprigem Zitronentopping: Diese Glace wurde für die Eröffnungspremiere von «Einstein on the Beach» kreiert. Foto: PD

Plage, Beach – voilà, passt alles. Und von Einstein ist es dann nur noch ein Gedankensprünglein bis zum Cern, dem in Genf angesiedelten Kernforschungsinstitut.

So tickt Cahn, so tickte er schon in den letzten zehn Jahren als Intendant der Vlaamse Opera in Gent und Antwerpen, die unter seiner Leitung einen beachtlichen Aufschwung erlebte; deutlich jüngeres Publikum und erhöhtes Medieninteresse inklusive. Bei jedem Stück sucht er die aktuelle Anbindung, den Haken, mit dem er auch Opernskeptiker an die Angel bekommt.

Wobei er nun auch in Genf darauf achtet, dass dieser Haken zum Stück passt: Wenn er etwa die im Exil lebende türkische Autorin Asli Erdogan neue Dialoge für Mozarts «Entführung aus dem Serail» schreiben lässt, ist das nicht nur ein PR-Trick; es verspricht tatsächlich einen neuen Blick auf das Werk.

Aviel Cahn hat Jus studiert und noch während des Studiums eine Künstleragentur gegründet.

So sehr Aviel Cahn die öffentliche Aufmerksamkeit im Blick hat, sein Antrieb ist die Kunst. Ursprünglich hätte er Tenor werden wollen; als er merkte, dass es für eine Gesangskarriere nicht reichen würde, hat er Jus studiert bis zum Doktorat und noch während des Studiums eine Künstleragentur gegründet.

Es folgten: Projekte in Peking, ein paar Jahre im Planungsbüro der Oper Helsinki, Leitung der Sparte Oper in Bern, Gründung eines Gesangswettbewerbs, eine Stippvisite beim Zürcher Kammerorchester, dann mit 35 der Sprung nach Belgien, auf den ersten Intendantenposten. Hauptsache vorwärts, aufwärts, in hohem Tempo und manchmal auch mit jener «jugendlichen Rüpelhaftigkeit», die sich Cahn einst selbst zugeschrieben hat.

Aviel Cahn träumt schon von Shuttlebussen, die das auswärtige Publikum in die Stadt bringen könnten. Foto: Nicolas Schopfer (GTG)

Das ist nun schon länger her, inzwischen wirkt er gelassener. Sein Lieblingswort ist zwar immer noch «challenge», wobei er gleichermassen sich selber und seine Umgebung herausfordern will. Und als Netzwerker ist er nach wie vor unermüdlich, längst ist er in Kontakt mit all den Genfer «Silos».

Aber während er früher immer schon den übernächsten Karriereschritt anpeilte, denkt er nun in längeren Phasen. Die zehn Jahre an der Vlaamse Opera seien ideal gewesen, und auch in Genf will er eine Weile bleiben: «Es braucht ein paar Jahre, bis man etwas aufgebaut hat und anfangen kann, damit zu spielen.»

Erst mal muss der Bildschirm her

Erst recht, wenn man ambitionierte Ziele verfolgt: Die Genfer Oper solle die Nummer eins werden in der Schweiz, hatte Aviel Cahn nach seiner Wahl vor zwei Jahren verkündet. Die grössere Bühne als das Zürcher Opernhaus hat man schon, jetzt braucht es die entsprechenden Aufführungen.

In den kommenden Monaten dürfte Christian Josts neue Oper nach Xavier Kollers Oscar-prämiertem Film «Reise der Hoffnung» über Genf hinaus Interesse wecken, auch die Schweizer Erstinszenierung von Olivier Messiaens monumentalem «St. François d’Assise», und natürlich die umtextierte «Entführung aus dem Serail».

Aviel Cahn träumt da schon von Shuttlebussen, die das auswärtige Publikum in die Stadt bringen könnten, «mit dem Auto nach Genf ist schwierig im Stossverkehr, und mit dem öffentlichen Verkehr kommt man nach 23 Uhr nicht mehr weit.» Aber das ist Zukunftsmusik, erst muss jetzt mal der Bildschirm her. Der Rest kommt später.

Und in ein paar Jahren dann, zweifellos: Der nächste, noch grössere Challenge für Aviel Cahn.



«Einstein on the Beach»: Ein Kultstück erlebt seine Schweizer Erstaufführung

Daniele Finzi Pasca und seine Truppe nutzen alles, was die Bühne hergibt. Foto: Carole Parodi

Ein Trip, eine Zumutung, eine Konzentrationsübung für Musiker: Philipp Glass’ «Einstein on the Beach» ist vieles, aber sicher nicht das, was das Genfer Opernpublikum bisher gewohnt war. So musste man diese Schweizer Erstaufführung, die gestern ihre umjubelte Premiere feierte, auch als Statement verstehen: Es wird jetzt alles anders hier. Und zwar knapp vier Stunden lang, ohne Pause.

Immerhin, man darf den Saal jederzeit verlassen. Das ist zwar umständlich wegen der engen Sitzreihen im Grand Théâtre, aber es gehört zum Konzept von Glass' Kultstück; die Bars in den Foyers sind geöffnet und werden rege besucht.

Viel Akrobatik, keine Story

Die meisten kommen aber wieder zurück, es gibt schliesslich einiges zu sehen. Bei der Uraufführung 1976 war Robert Wilsons streng stilisiertes Lichttheater integraler Bestandteil des Werks. In Genf nun war Daniele Finzi Pasca für die Regie zuständig; er hat einst den Cirque du Soleil erfunden, kennt sich also ebenfalls aus mit Licht, Schatten, Farben und allerlei Bühnentricks.

Da wächst Einsteins Büchergestell in den Himmel, Fahrräder schweben durch die Luft, man spielt Federball oder hebelt mit der vertikalen Projektion von horizontalen Turnereien die Schwerkraft aus. Es gibt viel Akrobatik, viel Symbolik, ein paar Scherzchen und ein Pferd. Poesie in Grossbuchstaben, hergestellt mit allem, was die Bühnentechnik hergibt.

Einsteins Büchergestell wächst in den Himmel. Foto: Carole Parodi

Das ist viel, und doch nicht ganz genug. Denn die Bildsprache bleibt unverbindlich. Klar, das Stück hat keine Story, und die rezitierten Texte über Feminismus oder Paris wirken heute reichlich angestaubt. Man müsste sie neu befragen, Distanz markieren, was auch immer; Finzi Pasca dagegen begnügt sich damit, optische Effekte darüber zu legen. Man schaut, betört und betäubt. Manche schlafen auch.

Die Musiker allerdings, die sind hellwach. Unter der Leitung des Zürchers Titus Engel singen und spielen Studierende der Genfer Musikhochschule, die offenbar tief eingetaucht sind in Glass’ Stil. Da werden Motive und Harmonien mit fast mechanischer Präzision repetiert, repetiert, leicht variiert, repetiert. Und gleichzeitig klingt das Ganze so frei und unverkrampft, dass man tatsächlich wieder einmal hört, welch revolutionäre Kraft die Minimal Music einst angetrieben hat.

Weitere Aufführungen bis am 18. September. www.gtg.ch

Erstellt: 12.09.2019, 16:08 Uhr

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