Eine Dirigentin stellt sich der Tradition

Mirga Grazinyte-Tyla gab ihren Einstand in der ausverkauften Tonhalle Maag.

Mirga Grazinyte-Tyla hat kürzlich als erste Dirigentin überhaupt einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon unterzeichnet.

Mirga Grazinyte-Tyla hat kürzlich als erste Dirigentin überhaupt einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon unterzeichnet. Bild: Getty Images

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Die Erwartungen sind gross, wenn Mirga Grazinyte-Tyla aufs Podium steigt. Denn die litauische Dirigentin hat eine denkbar schnelle und steile Karriere gemacht: 2016, mit erst 29 Jahren, wurde sie zur Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra gewählt und trat damit in die Fussstapfen von Kalibern wie Simon Rattle oder ­Andris Nelsons.

Kürzlich hat sie als erste Dirigentin überhaupt einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon unterzeichnet. Die Medien lieben sie, und die Veranstalter stehen Schlange – im Moment allerdings vergeblich: Nach der Geburt ihres Sohnes hat sie mitgeteilt, sie wolle in den nächsten zwei Jahren ausschliesslich ihre Birminghamer dirigieren und auf Gastaufführungen verzichten. Im zweifellos berechtigten Vertrauen darauf, dass man sie nicht vergessen wird in dieser Zeit.

Nun kam sie also im Rahmen der Migros-Classics-Reihe erstmals nach Zürich mit ihrem ­Orchester. In der ausverkauften Tonhalle Maag präsentierte sie ein Programm, das auf dem Papier nach einem reizvollen Konzept aussah: Arthur Honeggers «Pastorale d'été» zum ­Auftakt, Brahms' als «Pastorale» bekannte Sinfonie Nr. 2 als ­Abschluss – das passt.

Schneller, langsamer

Im Konzert war die Wirkung dann etwas anders. Da schrumpfte Honeggers Achtminüter zur hübschen, sonnig interpretierten Aufwärmübung für zwei Schlüsselwerke, mit denen sich Mirga Grazinyte-Tyla der Tradition stellte: Sowohl Schumanns Klavierkonzert als auch die Brahms-Sinfonie sind Prüfstücke, mit denen jeder Interpret gegen eine lange Aufführungsgeschichte und entsprechende Hörerwartungen anzutreten hat. Viel Ballast liegt auf diesen Werken, man kann ­erdrückt werden davon oder zur Schaufel greifen.

Grazinyte-Tyla wählte ein Schäufelchen. Die rabiate Annäherung an eine Partitur ist nicht ihre Sache, sie bevorzugt den musikantischen Zugriff. Vor allem bei Brahms setzte sie dabei auf bewegliche Tempi; fast ununterbrochen wurde beschleunigt und gebremst, mit dem paradoxen Resultat, dass die ständigen Wechsel bald einmal monoton wirkten. Packend klang da erst das Finale, in dem die Musik stärker ist als jeder interpretatorische Einfall: Sie stürmt vorwärts, und Grazinyte-Tyle stürmte mit – so schwungvoll und stilsicher und vergnügt, dass sie das Publikum und die Musiker gleichermassen mitriss.

Und Schumanns Klavierkonzert? Hier fiel vor allem auf, dass die Solistin Yuja Wang nicht wirklich ab Boden kam. Vielleicht fehlte ihr die virtuose Heraus­forderung, vielleicht war das Tempo zu bedächtig für sie. ­Dafür hob sie in den Zugaben ab, und wie: Immer noch schneller, noch frecher, noch glitzernder spielte sie, die Tasten müssen ­geglüht haben. Die Ohren jedenfalls taten es.

Erstellt: 28.05.2019, 08:27 Uhr

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