Eine Dirigentin stopft Lücken

Die Zürcherin Lena-Lisa Wüstendörfer gräbt vergessene Schweizer Werke aus. Und hat dafür ein eigenes Orchester gegründet.

Die Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer hat einst als Assistentin von Claudio Abbado begonnen. Foto: Urs Jaudas

Die Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer hat einst als Assistentin von Claudio Abbado begonnen. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Anfang war Verlegenheit. Immer wieder, erzählt Lena-Lisa Wüstendörfer beim Treffen zuoberst im Zürcher Prime Tower, sei sie vor internationalen Engagements nach Schweizer Orchesterwerken gefragt worden, «und es fielen mir kaum welche ein.» Klar, es gibt viel Zeitgenössisches, auch einiges aus dem früheren 20. Jahrhundert, von Arthur Honegger etwa, oder von Othmar Schoeck. Aber Klassik? Romantik? Da war praktisch nichts.

Also machte sie sich auf die Suche. Und fand so vieles, dass sie beschloss, ein Orchester dafür zu gründen: das Swiss Orchestra, das einen englischen Namen trägt, weil es in allen Schweizer Landesteilen auftreten soll. Mindestens zwei Projekte pro Jahr will man stemmen, bei denen Schweizer Sinfonik auf berühmte Werke trifft, «damit wir die Schweizer in der Tradition verorten können».

Ein Schweizer Don Giovanni

Beim allerersten Konzert wird nun zum Beispiel eine Ouvertüre von Jean Baptiste Edouard Dupuy (ca. 1770–1822) zu entdecken sein, der neben seiner Musik auch eine höchst interessante Biografie zu bieten hat. Nach seinem Studium in Paris wirkte er an den Königshöfen von Dänemark und Schweden; er war der Erste, der dort Mozart-Opern aufführen liess, wobei er den Don Giovanni gleich selber sang. Passenderweise: Er selber war offenbar ein erfolgreicher Don Juan, jedenfalls wurde er in flagranti mit der Frau des dänischen Kronprinzen ertappt und sofort des Landes verwiesen.

Lena-Lisa Wüstendörfer erzählt die Geschichte gern, sie wird sie auch im Konzert erzählen. Denn die 1983 geborene Zürcherin hat sich schon immer interessiert für das, was hinter der Musik steht. Parallel zum Studium an der Basler Musikhochschule hat sie deshalb an der Uni Basel Musikwissenschaften studiert, vor kurzem ist unter dem Titel «Klingender Zeitgeist» ihre Dissertation über die Interpretationsgeschichte von Mahlers Sinfonie Nr. 4 herausgekommen.

Lena-Lisa Wüstendörfer mag «spannende Dinge», sie dürfen gern auch experimentell sein: Diese «Sheherajazz»-Aufnahme entstand 2016.

Dirigieren einerseits, dissertieren andererseits: Wichtiger als eine steile Karriere war Lena-Lisa Wüstendörfer immer, dass sie «spannende Dinge» machen kann. Begonnen hat sie einst als Assistentin von Claudio Abbado, gleich nach dem Studium. Seither dirigierte sie Orchester wie das Zürcher Kammerorchester oder das Luzerner Sinfonieorchester, sie leitet den traditionsreichen Berner Bach-Chor – und hat sich dabei einen Namen gemacht als eine, die ihre Prioritäten gern etwas anders setzt als üblich.

Das tut sie durchaus mit Erfolg. Auf der ersten Tournee des Swiss Orchestra spielt der Pianist Oliver Schnyder das vierte Klavierkonzert von Dupuys weitaus berühmterem Zeitgenossen Ludwig van Beethoven. Und auf der zweiten wird Heinz Holliger ein Werk von Frank Martin präsentieren, das einst für ihn entstanden ist. Wie schafft man es, für ein noch frisch gegründetes Orchester zwei der profiliertesten Schweizer Solisten zu gewinnen? Lena-Lisa Wüstendörfer lacht: Die Idee habe den beiden wohl gefallen.

So unbedingt Lena-Lisa Wüstendörfer das Projekt realisieren wollte, so nüchtern kalkulierte sie.

Eine weitere Frage stellt sich: Wie finanziert man so etwas? «Mit dem Üblichen: Stiftungen haben etwas beigetragen, wir haben einen Verein gegründet mit einem Freundeskreis.» Das klingt nun allerdings einfacher, als es ist – und verrät einiges über die Mischung aus Taktik, Optimismus, Vernetzungsgeschick und ansteckender Begeisterung, mit der Wüstendörfer ihr Projekt angepackt hat. So unbedingt sie es realisieren wollte, so nüchtern kalkulierte sie: «Es ist wichtig, dass die Rahmenbedingungen fürs Orchester stimmen.»

Die Musikerinnen und Musiker, die dabei sind, hätten sonst auch nicht mitgemacht. Es sind gute, zumeist junge Leute, einige spielen in grossen Schweizer Sinfonieorchestern, andere sind kammermusikalisch unterwegs. Wüstendörfer hat mit allen schon irgendwo zusammengearbeitet, sie hat also Vertraute zusammengetrommelt – ganz ähnlich wie ihr einstiger Mentor Claudio Abbado.

Konzertkleider aus der Männerabteilung

Zwei weitere Mentoren erwähnt sie noch: Roger Norrington einerseits, der Spezialist fürs Historische, dessen vibratofreien Stil sie bei Mahler «erst als Schock, dann als faszinierende Entdeckung» erlebt hat. Und andererseits Sylvia Caduff, die mittlerweile 82-jährige Schweizer Dirigentin, die einst als zweite Frau überhaupt die Berliner Philharmoniker dirigiert hat – und ihr unter anderem den Tipp gab, Konzertkleider in der Männerabteilung zu kaufen, «weil man ja immer die Arme oben hat, da braucht es längere Pullis».

Im Moment allerdings braucht Lena-Lisa Wüstendörfer vor allem gute Nerven. Das Swiss Orchestra hat noch kein Stammpublikum, auch noch kein Renommee: «Unser Startkapital ist die Überzeugung, eine Lücke in der Schweizer Musikgeschichte schliessen zu können.» Die Ouvertüre des Jean Baptiste Edouard Dupuy ist da zweifellos ein vielversprechender Anfang.

Konzerte: 20.10., Zürich, Tonhalle Maag; 21.10., Bern, Casino; 24.10. St. Gallen, Tonhalle; 27.10., Genf, Victoria Hall. Informationen und Tickets unter www.swissorchestra.ch und in Postfilialen.

Erstellt: 15.10.2019, 06:12 Uhr

Artikel zum Thema

Klassiker der Woche: Die Steilstarterin

Mirga Gražinyte-Tyla ist 29 Jahre alt – und frisch gewählte Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra. Mehr...

Disziplinierte Befreiung

Zeitgenössische Musik ist unzugänglich? Nicht, wenn die Sängerin und Dirigentin Barbara Hannigan auf dem Podium steht. Derzeit ist sie Artiste étoile beim Lucerne Festival. Mehr...

Wie Erdogan die klassische Musik lieben lernte

Der Pianist Fazil Say will eigentlich nur musizieren. Doch nun steckt er mitten im türkischen Kulturkampf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...