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Eine Karriere auf der Kippe

Mit Daniele Gatti wird ein weiterer prominenter Dirigent von der #MeToo-Welle erfasst. Im Zürcher Opernhaus wundert man sich darüber.

Susanne Kübler
Gatti ist 56 Jahre alt; anders als ältere wegen #MeToo entlassene Dirigenten hat er neben seinem Renommee auch seine Zukunft zu verlieren. Bild: Keystone
Gatti ist 56 Jahre alt; anders als ältere wegen #MeToo entlassene Dirigenten hat er neben seinem Renommee auch seine Zukunft zu verlieren. Bild: Keystone

Es waren nur ein paar Zeilen auf der Website des Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra – aber sie schlugen ein wie eine Bombe: Man habe die Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten Daniele Gatti per sofort beendet, stand da. Der Grund: Gatti soll Musikerinnen sexuell belästigt haben. Erste Vorwürfe waren in der «Washington Post» aufgetaucht; zwei Sopranistinnen schilderten dort Vorfälle aus den Jahren 1996 und 2000. In der Folge haben dann auch Musikerinnen des Concertgebouw Orchestra «unangebrachtes Verhalten» ihres Chefdirigenten beklagt. Das reichte für eine fristlose Entlassung.

Nun sucht das Concertgebouw fieberhaft nach Ersatzdirigenten für die Konzerte, die mit Gatti geplant waren – das Lucerne Festival vermerkt ein «NN» beim Gastspiel der Amsterdamer vom 5./6. September. Gatti wiederum versucht alles, um seinen Ruf zu retten. Zusammen mit Krisenspezialisten der New Yorker Agentur Reputation Doctor hat er ein Schreiben verfasst, in dem er die Vorwürfe bestreitet und sich gleichzeitig entschuldigt, falls sich tatsächlich jemand belästigt gefühlt haben soll. Und er droht mit gerichtlichem Vorgehen, wenn die «Hetzkampagne» fortgesetzt werde, die nach seiner Entlassung eingesetzt habe.

Ökonomische Bedenken

Es steht viel auf dem Spiel für ihn: eine Karriere, die mit der Berufung nach Amsterdam 2016 auf ihrem Höhepunkt angekommen war – und die noch eine Weile dauern müsste. Gatti ist 56 Jahre alt; anders als der 75-jährige James Levine und der 81-jährige Charles Dutoit, die bisher prominentesten #MeToo-Fälle im Klassikbetrieb, hat er neben seinem Renommee auch seine Zukunft zu verlieren.

Vor allem der Fall Dutoit dürfte Gatti zu denken geben. Während Levine formell angeklagt wurde wegen Vergewaltigung, haben bei Dutoit weit geringere Vorwürfe gereicht, um ihn aus dem Konzertbetrieb zu verbannen. Mehrere Orchester haben die Zusammenarbeit mit ihm beendet; das kanadische Radio nennt seinen Namen nicht mehr, wenn eine seiner Aufnahmen mit dem Orchestre Symphonique de Montreal gesendet wird. Und der Plattengigant Universal Music hat dafür gesorgt, dass in der Jubiläums-CD-Box des Verbier Festivals keine Aufnahmen mit Dutoit und Levine vorkommen; beide waren Chefdirigenten des Festivalorchesters.

So sehr jeweils die moralische Haltung hinter solchen Entscheiden betont wird: Mindestens so gewichtig sind die ökonomischen Bedenken. Wollen die Leute Konzerte hören mit Dirigenten, von denen es heisst, dass sie in der Garderobe Musikerinnen bedrängen? Lassen sich im heutigen gesellschaftlichen Klima CDs dieser Dirigenten verkaufen? Vermutlich nicht – also trennt man sich von ihnen, möglichst rasch: um sich zu distanzieren, aber auch, um leere Säle und Kassen zu vermeiden. Wie viel wirklich hinter den Vorwürfen steckt und wie schwerwiegend diese sind, ist bald einmal sekundär.

«Ein toller Dirigent»

Dass es da zu überzogenen Reaktionen kommen kann, ist klar. Und es könnte durchaus sein, dass Gattis fristlose Entlassung in diese Kategorie gehört. Soweit bisher bekannt ist, wird ihm nichts juristisch Relevantes vorgeworfen; etliche Musikerinnen und Musiker des Concertgebouw Orchestra haben sich mit ihm solidarisiert.

Auch vom Zürcher Opernhaus, wo Gatti von 2009 bis 2012 Chefdirigent war, bekommt er Unterstützung. Sie habe nie irgendwelche Geschichten gehört, sagt eine Musikerin, «er ist ein toller Dirigent, und wir bedauern es, dass er seit Pereiras Abgang nicht mehr als Gast kommt». Luka Kalas, damals Presseverantwortlicher des Opernhauses, winkt ebenfalls ab: «Es gab nie Probleme, auch keine Gerüchte; das Orchester hat sehr gern mit ihm zusammengearbeitet.»

Ob diese Unterstützung ausreicht, um die #MeToo-Welle zu stoppen, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Da stehen etliche illustre Termine in Gattis Kalender: Konzerte in München und bei den Berliner Philharmonikern, ein «Rigoletto» in Rom. Ob er sie behalten wird, ist allerdings unklar; man diskutiere den Fall, heisst es bei den Veranstaltern.

Sicher ist dagegen, dass Gatti gegen das Concertgebouw Orchestra klagen wird. Wohl nicht, um den Bruch zu kitten. Aber um seine Karriere anderswo fortsetzen zu können.

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