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Er bringt Klassik und Games zusammen

Schubert im Wald, Game-Musik im Konzertsaal: Der Schweizer Pianist Mischa Cheung ist ebenso eigenwillig wie erfolgreich unterwegs.

Er kommt ins Spiel, wenn Ungewohntes gefragt ist: Mischa Cheung in seinem Kellerstudio. Foto: Urs Jaudas
Er kommt ins Spiel, wenn Ungewohntes gefragt ist: Mischa Cheung in seinem Kellerstudio. Foto: Urs Jaudas

Kürzlich hat er im «Zauberwald Lenzerheide» Schubert und Schostakowitsch gespielt, in einer Guerillaclassics-Aktion, bei minus 8 Grad. In der Gessnerallee am vergangenen Wochenende war es wärmer, aber ebenfalls speziell, denn die von ihm mitkonzipierte Musik zu Alexandra Bachzetsis’ Performance «Chasing a Ghost» beharrt manchmal minutenlang auf einem einzigen Ton. Und nun steht also der Auftritt in der Tonhalle Maag bevor, mit dem Gershwin Piano Quartet: Vier Flügel, vier Pianisten, vier Arrangeure – ein ungewöhnliches Abenteuer.

Man könnte es vielleicht so sagen: Wo immer ein Pianist gefragt ist, der Dinge tut, die andere nicht tun – dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Mischa Cheung ins Spiel kommt. Der Wahlzürcher grinst, wenn man ihn auf dieses Jobprofil anspricht, und fügt dann gleich ein «aber» an: «Eigentlich bin ich sehr verwurzelt in der klassischen Tradition, ich fühle mich ihr auch wirklich verpflichtet.»

Das Klavier war dann doch stärker

Kein Wunder, denn angefangen hat alles tatsächlich sehr klassisch. Als Mischa Cheung 1984 in Liestal geboren wurde, als Sohn einer Baselbieter Krankenschwester und eines Hongkonger Pianisten, waren seine Geschwister 12 und 14 Jahre alt – und übten Klavier. Auch der Nachzügler wurde gefördert, heute sind alle drei als Pianisten unterwegs.

«Dieses ständige Reisen, das muss man wollen», sagt Mischa Cheung. Er wollte es nicht, dem Ruhm zum Trotz.

Es hätte auch anders kommen können; im Gymnasium interessierte sich Mischa Cheung für Physik und Astronomie, für Computer und Fotografie. Aber das Klavier war dann doch stärker, und das Studium bei Konstantin Scherbakov hat ihn tief geprägt: «Dieser strenge Sinn für Qualität und Präzision wird mich immer begleiten.» Nicht nur, wenn er heute als Scherbakovs Assistent an der Zürcher Hochschule der Künste unterrichtet. Sondern auch, wenn er sich engagiert für Musik, die andere als «Unterhaltung» abtun.

Hier muss nun die Rede auf Spark kommen, auf die «klassische Band», mit der Cheung vier Jahre lang aufgetreten ist. Es ist eine deutsche Band, ein Quintett, das mit klassischen Instrumenten, Rock-Auftritt und einer minimalistisch angehauchten und mit Folk-Elementen durchsetzten Hochdruckmusik international erfolgreich wurde. Man war in Japan, Frankreich, Holland unterwegs, «ich hatte da wirklich etwas gefunden, das mir liegt». Aber irgendwann wurde eine Entscheidung fällig, «dieses ständige Reisen: Das muss man wollen.»

Cheung wollte nicht, dem Ruhm zum Trotz. Er braucht einen fixen Ort, und er will seine Familie nicht nur per Skype sehen. Bevor er einen in den Keller führt, der dank selbst montiertem Schaumstoff zu einem akustisch brauchbaren und erst noch nachbarschaftsfreundlichen Studio geworden ist, zeigt einem die zweieinhalbjährige Tochter ihre Pixi-Büchlein. Dass auch der Vater sie auswendig kennt, ist da rasch klar.

Das Publikum ist verkleidet

Reisen tut er trotzdem noch, nun für ein Projekt mit Game-Musik. «Final Fantasy» heisst das Computerspiel, das seit den 1980ern Kult ist und das musikalische Material liefert für die Konzerte, die man «betont klassisch» hält: Ouvertüre, Klavierkonzert, Sinfonie, alles basierend auf den Game-Motiven. Cheung spielt die Klavierkonzerte, oft in hochkarätigem Rahmen: begleitet vom London Symphony Orchestra etwa, auch im Amsterdamer Concertgebouw war er schon.

Nur das Publikum ist anders als in klassischen Konzerten. Die meisten sind jung, manche verkleiden sich als Spielfiguren, «viele sind zum ersten Mal in so einem Saal, aber durch die Games haben sie einen Bezug zur Musik». Cheung wiederum hat einen Bezug zu diesem Publikum – «als ehemaliger Gamer kenne ich diese Welt».

Andere Welten gilt es zu erschaffen. Etwa jene von Friedrich Guldas «Concerto for myself»: Mischa Cheung ist der Erste, der das zwischen Neoklassik und Jazz angesiedelte Werk des grossen Exzentrikers eingespielt hat, die Noten liegen noch da: Vieles steht nicht drin, über weite Strecken ist Improvisation gefragt, «aber weil der Orchesterpart detailliert ausnotiert ist, bewegt man sich auf ziemlich schmalem Grat». Die Improvisationen müssen stilistisch passen, sie sollen sich mischen mit dem Orchesterklang und dennoch jene Freiheit haben, auf die Gulda pochte: Keine leichte Aufgabe.

Aber eine, für die Cheung sich anderswo bestens vorbereitet hat. Seit 2007 spielt er im Gershwin Piano Quartet, zusammen mit André Desponds, Stefan Wirth und Benjamin Engeli: mit Kollegen also, die aus ganz unterschiedlichen Ecken des Musikbetriebs kommen.

Das spiegelt sich auch in den Arrangements, die jeder von ihnen schreibt. Cheung hat für das aktuelle Programm den ersten Satz von Rachmaninows Sinfonischen Tänzen bearbeitet, «nahe am Original, ich habe nur einzelne Linien und ein paar Gags dazugeschrieben». Dabei hatte er stets die Kollegen im Ohr: «Man weiss schon, der kann sich komplizierte Akkorde gut merken, oder jener hat ein starkes Rhythmusgefühl.»

Mischa Cheung selber hat vor allem dies: keine Berührungsängste, dazu hohe Ansprüche. Eine ebenso rare wie gefragte Mischung. Es laufe gut im Moment, sagt er, «ich habe meine Nische gefunden». Dann korrigiert er sich: «Eher meine Nischen.» Der Singular wäre für einen wie ihn definitiv zu wenig.

Konzert mit dem Gershwin Piano Quartet: Zürich, Tonhalle Maag, 7. Februar, 19.30 Uhr.

CD mit Werken von Friedrich Gulda, Sergei Prokofjew und Francis Poulenc (Sony)

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