Er dirigierte mit der Kraft eines Hypnotiseurs

Einen Herzinfarkt auf dem Podium überlebte Mariss Jansons. Nun ist der grosse lettische Dirigent aber 76-jährig gestorben.

Er machte die Osloer Philharmoniker zum internationalen Spitzenorchester: Mariss Jansons.

Er machte die Osloer Philharmoniker zum internationalen Spitzenorchester: Mariss Jansons. Bild: Keystone

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Er war kein Grübler, kein Theoretiker, kein Revolutionär. Auch kein Jetset-Dirigent, kein Despot, kein Entertainer. Was Mariss Jansons nicht war, ist einfach zu sagen. Aber was war er? Was machte ihn aus? Das lässt sich weit schwerer in Worte fassen. Man musste es schon in seinen Konzerten erleben: Wie da plötzlich eine gebannte Atmosphäre aufkam im Saal. Wie Publikum und Orchester gemeinsam in den Sog der Musik gerieten. Wie der Klang greifbar wurde, raumfüllend, hypnotisch. Man vergass es nicht so schnell wieder.

Als Sohn eines Dirigenten und einer Sängerin hatte Jansons, geboren 1943 in Riga, schon immer mit Musik gelebt. Er studierte Violine, Klavier und Dirigieren in Leningrad, später wurde er in Wien Schüler von Hans Swarowsky und Herbert von Karajan. Seinen ersten Chefposten erhielt er 1979 in Oslo, 21 Jahre lang blieb er dort: als einer, der mit Geduld und Energie etwas aufzubauen verstand.

Fragile Gesundheit, starke Ausstrahlung

1996 erlitt er während einer Osloer Aufführung der «Bohème» einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt, der umso schicksals­hafter wirkte, als schon sein ­Vater nach einem Herzanfall beim ­Dirigieren gestorben war. Seither blieb Jansons’ Gesundheit fragil – im Kontrast zu seiner Ausstrahlung als Dirigent.

Wo immer Jansons Chefdirigent wurde, blühten die Orchester auf. Mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra (1996–2004) etablierte er sich in den USA. Seit 2003 leitete er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, von 2004 bis 2015 zusätzlich das Concertgebouw Orchestra in Amsterdam.

Zürcher Sternstunden

Dazu kamen Gastdirigate: nicht allzu viele, Jansons gehörte nicht zu den Glamour-Touristen unter den Dirigenten. Bei den Wiener Philharmonikern war er oft, eine Zeit lang dirigierte er auch regelmässig das Zürcher Tonhalle-Orchester. Unvergessen ist zum Beispiel seine Interpretation von Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 im Sommer 2002: Die Schönheit und die Verzweiflung, die Wärme und die Härte dieser Musik hat man selten so eindrücklich erlebt wie hier.

Schostakowitsch war ein zentraler Komponist für Jansons, genau wie Mahler oder Strauss. In ihren Werken konnte der Ausdrucksmusiker jene glühende Intensität, jene emotionale Tiefe und Wahrhaftigkeit entwickeln, mit denen er das Publikum und die Orchester gleichermassen begeisterte.

In den letzten Monaten musste er aus gesundheitlichen Gründen immer wieder Konzerte absagen. Nun ist Mariss Jansons 76-jährig in St. Petersburg gestorben.

Erstellt: 01.12.2019, 17:34 Uhr

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