«Er ist einer der wenigen Musiker, die echt sind»

Nicht nur Stargeigerin Patricia Kopatchinskaja spricht in Superlativen über Heinz Holliger, dem nun zwei Konzerte in Zürich gewidmet sind.

Der Komponist, Dirigent und Oboist Heinz Holliger gehört zu den farbigsten Persönlichkeiten im Schweizer Kulturbetrieb. Foto: Reto Oeschger

Der Komponist, Dirigent und Oboist Heinz Holliger gehört zu den farbigsten Persönlichkeiten im Schweizer Kulturbetrieb. Foto: Reto Oeschger

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Er ist Oboist, Komponist, Dirigent; ein Literaturkenner auch, ein Sprachkünstler, der so pointiert über seine Musik sprechen kann, dass selbst Kompliziertes plötzlich einfach wirkt. Ein genuiner Schweizer zudem, der sich für aussterbende Dialekte, lebendige Volkskultur und allerlei vergessene und an den Rand gedrängte Figuren dieses Landes interessiert. Ein vielfacher Preisträger schliesslich, der alle Preisgelder gleich wieder weitergibt. Kurz: Heinz Holliger ist eine der farbigsten Persönlichkeiten im Schweizer Kulturbetrieb.

Und: einer jener Sonderfälle, die ebenso geschätzt wie gemocht werden – das merkt man, wenn man mit Musikerinnen und Musikern über Holliger spricht. Im Vorfeld der Zürcher Konzerte, die an diesem Wochenende unter dem Label «Focus Contemporary» als eine nachgereichte Hommage zu seinem 80. Geburtstag stattfinden, haben wir einige von ihnen befragt.

Was macht Heinz Holligers Musik aus?

Matthias Arter, Oboist beim Collegium Novum: «Oft ist seine Musik von einer Komplexität und Dichte, die es schwierig macht, beim ersten Hören die einzelnen Ebenen wahrzunehmen. Ein quasi nicht analytisches ‹Genusshören› kann interessanterweise helfen, seine Musik besser zu erfassen. Die Menge der detaillierten Angaben täuscht darüber hinweg, dass er den Interpretinnen und Interpreten grosse Freiheiten gibt, die man unbedingt nutzen muss. Er ist sich durchaus bewusst, dass er seine Stücke auch anders hätte komponieren oder notieren können; er musste aus pragmatischen Gründen EINE Möglichkeit wählen.»

Vanessa Szigeti, Violinistin im Tonhalle-Orchester: «Holligers Musik ist komplex, interessant und anspruchsvoll. Sie ist aber nicht einfach kompliziert, sie ist durchdacht. Er vermittelt viel während der Probenarbeit, schafft Kontext und Hintergrund, das macht seine Musik lebendig.»

Martina Schucan, Cellistin beim Collegium Novum: «Holligers Kompositionen liegt ein immenses Wissen über Musik und ein spezifisches Interesse an Sprache und Literatur zugrunde. Er kombiniert diese Erfahrungen mit einer subjektiven, inspirierten Expressivität, die eng mit dem Atmen und der menschlichen Stimme verbunden ist. Ob in einem einzelnen Schlagzeugpart oder in seiner wunderbaren Oper «Lunea», immer schafft er einen unerschöpflichen Farbreichtum.»

Welche Schwierigkeiten bieten seine Werke?

Vanessa Szigeti: «Das Einstudieren ist sehr anspruchsvoll. Man braucht eine Vorstellung dieser komplexen Klanglichkeit und muss rhythmisch hyperstabil sein. Es gibt zudem so viele Details, so viele Bilder, die man verorten können muss. Die Anordnung der Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, die eigene Position ist überdies völlig ungewohnt.»

Matthias Arter: «Technisch verlangt er meist die instrumental schwierigsten Dinge und nicht ‹was gut liegt fürs Instrument›. Dies hat System und ist Absicht, getreu seiner Überzeugung, dass Kunst nicht in der Mainstream-Mitte entstehen kann, sondern nur an der Rändern des gerade noch Möglichen oder auch des knapp nicht mehr Möglichen.»

Florian Walser, Klarinettist im Tonhalle-Orchester: «Mich fasziniert Heinz Holligers Vorstellung von moderner Komposition. Sein Blick ist präzise, es wird an jedem Detail geprobt. Das ist eine Chance; die Herausforderung ist es für uns Orchestermusiker, dass wir auch den grossen Bogen im Blick behalten.»

Wie ist die Zusammenarbeit mit Heinz Holliger?

Vanessa Szigeti: «Meine erste musikalische Begegnung mit Heinz Holliger war auch mein allererstes Orchesterkonzert im Studium. Das war am Conservatoire de Paris, und ich war 17, er dirigierte. Das ist eine schöne Erinnerung, schon damals war die Zusammenarbeit mit ihm sehr angenehm. Er arbeitet präzise und weiss, was er will. Heinz Holliger ist ein wunderbarer Mensch.»

Matthias Arter: «Eines seiner wichtigsten Credos ist, dass die Kunst im Moment neu entstehen muss. Ein Reproduzieren als etwas immer Gleiches interessiert ihn nicht. Das spürt man sowohl an den Proben als auch an den Konzerten mit ihm. Er versucht immer, die Idee hinter einem Stück herauszuarbeiten, ganz egal, ob er an seinen eigenen Werken arbeitet oder an Musik von anderen KomponistInnen.»

Christopher Whiting, Violinist im Tonhalle-Orchester: «Heinz Holligers Gedankengänge sind schnell, es braucht grosse Konzentration, um ihm zu folgen. Er ist ein Idealist, der mit einer Lupe über die Partitur geht. Es ist ihm wichtig, das Orchester und über das Orchester das Publikum für seine Musik zu gewinnen. Neue Musik braucht eben mehr Überzeugungsarbeit.»

Patricia Kopatchinskaja, Geigerin: «Wenn ich Heinz Holligers Violinkonzert mit ihm spiele, dann ist das ein absolutes Lebensereignis für mich. Man kann nicht anders als vollkommen in diese Musik einzutauchen. Ich bin dann dieser verrückte, geniale Maler Louis Soutter, von dem das Werk handelt, ich bin die Schatten und die Risse in diesen Bildern, die Pinselstriche, das Licht, die Energie, der Atem, das Geschehen. Heinz trägt unendlich viele Geschichten mit sich herum; er ist einer der schmerzvoll wenigen Musiker, die echt sind. Beim Zusammenspiel mit ihm, beim Reden, Zuhören oder einfach In-seiner-Nähe-sein – da ist einem eigentlich immer bewusst, mit welch singulärer Persönlichkeit man es zu tun hat.»

Benjamin Glorieux und Sara Picavet spielen Heinz Holligers «Romancendres»; im Tonhalle-Konzert wird das Werk von Anita Leuzinger und Anton Kernjak gespielt.

Erstellt: 28.11.2019, 12:23 Uhr

Focus Contemporary

Im Mai ist Heinz Holliger achtzig geworden – nun wird in zwei Konzerten nachgefeiert. Morgen Freitag spielen Patricia Kopatchinskaja und das Tonhalle-Orchester unter seiner Leitung das Violinkonzert «Hommage à Louis Soutter». Dazu führen die Tonhalle-Cellistin Anita Leuzinger und der Pianist Anton Kernjak Holligers Schumann-Hommage «Romancendres» auf (Tonhalle Maag, 19.30 Uhr). Am Samstag kombiniert dann das Collegium Novum Zürich Holligers Werke «Ma'mounia» und «A plume éperdue» mit Kompositionen von Sergej Newski, Isabel Mundry und Mark Andre (Tonhalle Maag, 20 Uhr).

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