Er kam, schwieg und siegte

Der Sibirier Kirill Petrenko ist der neue Chef der Berliner Philharmoniker. Nun begeisterte er am Lucerne Festival.

Kirill Petrenko hat sich seinen Ruf als Ausnahmedirigent hart erarbeitet. Foto: Priska Ketterer/Lucerne Festival

Kirill Petrenko hat sich seinen Ruf als Ausnahmedirigent hart erarbeitet. Foto: Priska Ketterer/Lucerne Festival

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Zu den ehernen Gesetzen des Konzertbetriebs gehört dieses: Wo immer ein Dirigent einen Chefposten antritt, einen neuen Saal einweiht oder ein Jubiläum feiert, greift er zu Beethovens Sinfonie Nr. 9. Ausnahmen bestätigen die Regel – aber ausgerechnet Kirill Petrenko, der 47-jährige Sibirier, der sich seinen Ruf als Ausnahmedirigent hart erarbeitet hat, ist keine. Vor einer Woche ist er mit dem üblichen «Freude schöner Götterfunken» als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gestartet.

Aber Moment, nicht gleich wegzappen, hinhören lohnt sich: Das hat nun auch das Luzerner Gastspiel der Berliner gezeigt. Zum Aufwärmen gab es da (wie schon in Berlin) die «Sinfonischen Stücke» aus Alban Bergs «Lulu», was man schon fast als politisches Statement lesen konnte: Die Nazis lehnten diese Oper einst ebenso heftig ab, wie sie Beethovens Neunte vereinnahmten. Und diese Neunte wurde danach nicht zelebriert, auch nicht krampfhaft gegen den Strich gebürstet, sondern auf allerhöchstem Niveau genossen.

Genau so muss ein Neustart klingen, dachte man nach den ersten Takten: so lebendig, freudig, geschmeidig. Und als dann im Finale der fabelhafte Berliner Rundfunkchor einsetzte, als Petrenko die Klangmassen nach Belieben kanalisierte und fliessen liess, konnte man im Einklang mit Schillers Text nur noch konstatieren: Da ist nun wirklich «der grosse Wurf gelungen».

Eine 96-seitige Hochglanzbroschüre begleitet das Ereignis.

Selbstverständlich ist das nicht, bei all dem Getöse, das um diesen Start veranstaltet wurde und einen Dirigenten wie Petrenko, der jedem Rummel ausweicht, durchaus in Panik versetzen könnte. In 150 Kinos wurde sein Berliner Einstandskonzert übertragen, am Tag danach wurde es open air und überaus symbolträchtig vor 35’000 Zuhörern vor dem Brandenburgertor wiederholt. Eine 96-seitige Hochglanzbroschüre begleitete das Ereignis, schon im ersten Satz ist von einer «neuen Ära» die Rede, im zweiten fällt der Begriff «Zeitenwende».

So ist das nun mal bei den Berliner Philharmonikern, dem einzigen Spitzenorchester der Welt, bei dem die Musikerinnen und Musiker ihren Chef selber bestimmen. Petrenko ist erst der siebte in der 137-jährigen Geschichte des Orchesters, und schon seine Wahl vor 2015 war angemessen spektakulär. Als Favoriten für Simon Rattles Nachfolge galten damals Andris Nelsons und Christian Thielemann, und die Medien witterten erbitterte Grabenkämpfe, als ein erster Wahltag ohne Ergebnis verstrich. Ein paar Wochen später folgte der zweite, und damit die Entscheidung für einen, den niemand auf dem Radar hatte. Die Musikwelt jubelte. Und Petrenko schwieg.

Das tut er konsequent, seit Jahren gibt er keine Interviews mehr. Auch die erwähnte Berliner Hochglanzbroschüre muss ohne aktuellen O-Ton des neuen Chefs auskommen, nur alte Zitate sind verfügbar, darunter ein besonders hübsches: «Ich scheitere stets gut vorbereitet», hat Petrenko einmal gesagt und damit gleich dreierlei verraten: seinen Perfektionismus, seinen Hang zur Selbstkritik und seinen Humor.

Die Erfahrung von Sprachlosigkeit

Wie es klingen kann, wenn er nicht scheitert: Das war in Luzern nun nicht nur bei Beethoven zu hören, sondern noch viel eindrücklicher am Abend danach, bei Arnold Schönbergs Violinkonzert. Den Solopart spielte Patricia Kopatchinskaja, die Petrenko schon lange kennt. Sie sind sich einst an der Wiener Musikhochschule begegnet, er war damals 22 Jahre alt, sie 16. Und sie hatten einiges gemeinsam: Beide waren mit ihren Musikereltern von weit her nach Österreich gekommen, aus Sibirien respektive Moldawien, ohne jegliche Deutschkenntnisse.

Nun, bei dieser schon in mehreren Konzerten erarbeiteten Schönberg-Interpretation, schien diese Erfahrung von Sprachlosigkeit mitzuschwingen: in einer Musik, die zur einzigen Ausdrucksmöglichkeit wird, wenn die Worte fehlen. Schönbergs 1936 im amerikanischen Exil vollendetes Werk, das bis heute als sperrig und spröde gilt, ist diesen Interpreten so zugänglich, als sei es in ihrer Muttersprache komponiert.

Als sei Schönberg ihre Muttersprache: Patricia Kopatchinskaja spielt, Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker. Foto: Peter Fischli/Lucerne Festival

Nicht Zwölftonreihen und komplexe Strukturen hörte man da, sondern geträumte, gesungene, gestammelte Musik. Beeindruckender als die klangliche Intensität war nur die Selbstverständlichkeit, mit der Kopatchinskaja und die Berliner sie erreichten: Was einst als unspielbar kritisiert wurde, wirkte so leicht und so spielerisch, dass es direkt zu Darius Milhauds «Jeu» als Zugabe zu führen schien. Und gleichzeitig so tiefgründig und nachdenklich, dass es noch auf dem Heimweg nachhallte.

Und dies, obwohl man in der Zwischenzeit auch noch eine phänomenale, geradezu szenisch präsente Aufführung von Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 erlebt hatte. Wenn da die Klänge niedergeknüppelt wurden und sich wieder aufrappelten, wenn sie atmen durften oder fast erstickten vor Wehmut, dann war nicht zu überhören, dass Petrenko den grössten Teil seines Dirigentenlebens in Opernhäusern verbracht hat.

Das Publikum spickte danach regelrecht aus den Sitzen für die Standing Ovations, man darf vermelden: Petrenko kam, schwieg und siegte. Oder nein, noch viel besser: Die Musik siegte.

Erstellt: 30.08.2019, 15:41 Uhr

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