Er singt über Gott und einen verlorenen Koffer

Als Countertenor ist Andreas Scholl ein Star. Daneben macht er Elektropop: Wenig erfolgreich, aber sehr zufrieden.

Wenn Andreas Scholl singt, hält das Publikum den Atem an: So war es auch in der Zürcher Kirche St. Peter.

Wenn Andreas Scholl singt, hält das Publikum den Atem an: So war es auch in der Zürcher Kirche St. Peter. Bild: Doris Fanconi

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Eine Stimme, eine Geige, eine Bratsche: Mehr ist da nicht in Arvo Pärts «Es sang vor langen Jahren», und doch steckt alles drin in diesen Klängen. Eine Ahnung von Ewigkeit und Vergänglichkeit; eine ganz eigene Wärme, Zerbrechlichkeit, Ruhe. So war es jedenfalls, als der Countertenor Andreas Scholl das Stück sang, bei seinem ersten Zürcher Auftritt seit langem. Er tat nichts, um die Wirkung dieser Musik zu betonen, sondern liess sie sozusagen geschehen, im Einklang mit den Solisten des Zürcher Kammerorchesters. Und nicht nur das Publikum in der bis auf den letzten Hocker ausverkauften Kirche St. Peter hielt den Atem an: Selbst das Virus, das es auf Scholls Stimme abgesehen hatte, gab klein bei.

Vor dem Stück hatte sich der Sänger entschuldigt für seine Erkältung, er werde trotzdem alles geben, «ich hatte mich so gefreut auf das Konzert». Das war keine Floskel, schon beim Treffen am Tag davor hatte er von dem Programm geschwärmt: von Bach, der schon immer sein Lieblingskomponist war; und von Pärt, dem estnischen Kultkomponisten, den er in den letzten Jahren entdeckt hat. Er sei ja nie ein Fan gewesen von zeitgenössischer Musik, sagt Scholl, «wenn ich so präzise zählen muss, kann ich gar keine Musik mehr machen». Aber bei Pärt sei das anders: «Wo Bach komplex ist, ist er ganz einfach, aber genauso spirituell.»

Von Bach bekomme er nie genug, sagt Andreas Scholl.

Scholl bekommt «nie genug» von dieser Musik, vom Singen überhaupt. Er habe ja viele Kollegen, die irgendwann enttäuscht seien vom Musikbetrieb, «bei mir ist das nicht so». Selbstverständlich ist das nicht: Scholl war noch Student an der Basler Schola Cantorum, als er von Dirigenten wie Philippe Herreweghe und René Jacobs engagiert wurde. Seit fast 30 Jahren ist er auf den grossen Podien und Bühnen unterwegs und hatte allen Erfolg, den ein Sänger haben kann. Er hat an der New Yorker Met gesungen und (als erster Countertenor überhaupt) in Kuala Lumpur. Hat gesehen, wie sein einst exotisches Stimmfach Mode wurde. Und ist immer noch da.

Elektropop als Hobby

Vermutlich auch, weil er nie nur Countertenor war. Es gibt da noch einen ganz anderen Andreas Scholl, man findet ihn auf seiner Website, in der Rubrik «Other Projects». Dort gibt es zum Beispiel einen Song mit dem Titel «Adria Airways», der von einem verlorenen Koffer erzählt: lupenreiner Elektropop, gesungen mit stilsicher verfremdeter Baritonstimme und ebenso stilsicherem Understatement. «Adria Airways lost my suitcase», heisst es im Refrain, «Adria Airways, they don’t care». Nur wenn die nicht besonders hilfreiche Dame hinter dem Schalter der Adria Airways zitiert wird, wechselt Scholl kurz ins Falsett.

Er grinst, wenn man ihn darauf anspricht: Ja, er habe sich halt geärgert wegen dieses Koffers, «da war alles drin, Noten, Konzertkleidung, und die haben mir nur den Gebrauchtwert der Sachen ersetzt – als ob ich gebrauchte Unterwäsche kaufen könnte!». Die Inspiration für diese musikalische Rache habe er von der Band Sons of Maxwell erhalten: Ihr Countrysong «United Breaks Guitars» handelt von einer zertrümmerten Gitarre, wurde auf Youtube millionenfach geklickt und hatte den sofortigen Ersatz des Instruments zur Folge.

Bei Scholl war das Echo geringer, was ihn kein bisschen stört. «Mit 51 Jahren glaube ich nicht mehr an die grosse Popkarriere», sagt er, «aber es macht halt einfach Spass.» Schon als Teenager habe er Elektropop gehört: «Ich war immer fasziniert von der elektronischen Produktion von Klängen.» Während der Studienzeit an der Schola Cantorum war er gleichzeitig in Thomas Kesslers elektronischem Studio engagiert; sieben Jahre lang hat er dort für sich und andere experimentiert, produziert und gemixt.

Tonstudio im Weingut

Inzwischen hat er sein eigenes Tonstudio, im südhessischen Dorf Kiedrich, wo er aufgewachsen ist und seit 2007 wieder lebt. Ein altes Weingut hat er gekauft dort, «mit genügend Platz für all die Geräte». Und sie werden oft gebraucht: Scholl produziert seine Aufnahmen heute selbst; auch seine Frau, die Cembalistin und Pianistin Tamar Halperin, nimmt zu Hause auf. «Finanziell muss man da erst mal in Vorlage gehen, das schmerzt», sagt Scholl, «aber dafür haben wir volle künstlerische Freiheit.»

Arvo Pärts «Vater unser» sang Andreas Scholl auch in seinem Zürcher Konzert.

Auch Freunde kommen zu ihm ins Studio, die Schweizer Jazzsängerin und Akkordeonistin Erika Stucky etwa. Scholl hat sie einst in einer Radiosendung kennen gelernt, «erst dachte ich: Was für ein verrücktes Huhn. Und dann: Was für eine geniale Frau!» Sie habe von jedem Stück nur zwei Takes gemacht, «und beide waren gut. Davon kann man nur lernen.»

Abheben mit Bodenhaftung

Vielleicht ist es das, was ihn bei Laune und auf dem Boden hält: dass er Kontakt sucht zu Leuten, die ihn nicht loben, sondern herausfordern. Dass er allem Ruhm zum Trotz nie in höheren Sphären abgedriftet ist, oder eben nur musikalisch.

Auch in diesem Zürcher Konzert wieder: Spätestens beim ersten Schluck aus der Wasserflasche war da eine freundschaftliche Atmosphäre im Raum. Eine, in der Musiker wie Zuhörer ganz bei der Sache waren: bei Bach, bei Pärt. Bei der Schönheit und Wahrheit ihrer Werke. Und bei einer Stimme, die selbst in erkältetem Zustand alles ausdrücken kann, was sie will.

Erstellt: 01.02.2019, 16:46 Uhr

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