Er sprengt die Klassik-Klischees

Breakdance, Instagram und Auftritte in kurzen Hosen: Der polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski singt bald im Zürcher Opernhaus.

Ein Sänger steht Hand: Jakub Józef Orlinski im Spiegelsaal des Zürcher Opernhauses. Foto: Urs Jaudas

Ein Sänger steht Hand: Jakub Józef Orlinski im Spiegelsaal des Zürcher Opernhauses. Foto: Urs Jaudas

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Diese Ruhe! Nur gut zwei Minuten dauert Giovanni Battista Bononcinis Arie «Infelice mia costanza», aber man versinkt in ihr wie in einer Ewigkeit. Jakub Józef Orlinski heisst der Sänger, der das Kunststück zustande bringt; er hat die Arie kürzlich als Vorschau auf sein zweites Album «Facce d’amore» veröffentlicht, und man könnte sie ohne weiteres als Wundermittel für Entschleunigung verschreiben, rezeptfrei.

Orlinski singt Bononcinis «Infelice mia costanza». Video: Warner/Youtube

Orlinski selbst könnte ein solches Mittel derzeit bestens gebrauchen. Der 28-jährige polnische Countertenor probt gerade für Händels «Belshazzar» im Zürcher Opernhaus, präsentiert sich auf der Titelseite von «Vogue Man», hat eben den Gramophone Award als «Young Artist of the Year» in Empfang genommen, gibt reihenweise Interviews – und scheint fast zu explodieren vor Energie, wenn er einem in seiner Opernhausgarderobe gegenübersitzt. Es laufe alles gerade «very, very, very, very well», sagt er, und man könnte gut noch ein paar weitere «verys» anfügen.

Zwei Jahre ist es nun her, seit Orlinskis Karriere so richtig Fahrt aufgenommen hat, dank eines Missverständnisses. Er sollte in Aix-en-Provence für eine Radioproduktion Vivaldis «Vedrò con mio diletto» singen, kam wegen der hochsommerlichen Temperaturen in kurzen Hosen zur Aufnahme – und erfuhr erst dort, dass der Auftritt auch gestreamt werde. Das Video ging viral: Weil Orlinski so grandios singt, und weil es offenbar immer noch verblüffend wirkt, wenn ein klassischer Sänger aussieht wie ein normaler Mensch (respektive in diesem Fall: wie ein normaler Mensch, den Kommentatoren auf Youtube mit Michelangelos David vergleichen).

Jakub Józef Orlinskis Video mit Vivaldis «Vedrò con mio diletto» ging im Sommer 2017 viral. Video: Youtube

Für Orlinski war dieses Video allerdings nur ein Schritt in einer kontinuierlichen Entwicklung, die einst in einem polnischen Amateurchor angefangen hatte. Als Bassbariton sang er damals noch; seine Begabung als Countertenor entdeckte er erst, als er mit einem neunköpfigen Männerensemble Renaissance-Werke zu singen begann – und als Jüngster dazu verknurrt wurde, die höchste Partie zu übernehmen. Seine Vorbilder waren die legendären King’s Singers: «Gesang studiert habe ich eigentlich mit dem Ziel, mich später einmal bei denen bewerben zu können.»

Irgendwann haben ihn die solistischen Auftritte dann aber doch mehr interessiert, «weil man da als Einzelner mehr bewirken kann». Also hat er Wettbewerbe absolviert, in ganz Europa, auch in den USA. Er sei schon immer gern gereist, sagt er, schliesslich hätten ihn seine Eltern bereits als Kleinkind ins Auto gepackt, dann sei man nach Norwegen gefahren oder in die Slowakei zum Skilaufen. Item: Gewonnen hat er diese Wettbewerbe zwar selten, aber er fiel doch auf, erhielt Einladungen nach Cottbus oder Giessen – und seit Aix-en-Provence auch an zunehmend grosse Bühnen.

Von den Erfahrungen im Chor zehrt er dabei nach wie vor. Musizieren sei Teilen, sagt er, und das ist mehr als nur eine Floskel. Zwar kann Orlinski durchaus virtuose Feuerwerke zünden, aber am eindrücklichsten ist es, wenn er seine Stimme mit anderen verschmelzen lässt, wenn er sie aus dem Klang der Instrumente herauslöst oder nahtlos in ihm verschwindet. Er liebe solche Effekte, sagt er, «aber nur, wenn sie musikalisch sinnvoll sind».

«Breakdance ist wie eine Meditation.»Jakub Józef Orlinski

Der Nachsatz fällt nicht von ungefähr. Denn Orlinski ist nicht nur Sänger, sondern auch ein ambitionierter Breakdancer – und damit ein Sonderfall auf der Opernbühne, der auch mal den Vorwurf hören muss, er tue das alles fürs Image. Dagegen wehrt er sich, Breakdance habe für ihn schon immer dazugehört, als unmittelbare, befreiende Reaktion auf die Musik: «Ich mache das nicht, um mich zu verkaufen, sondern weil ich es mag.»

Er braucht es auch, als Ausgleich. Die klassische Welt könne schon sehr «rough und tough und schwierig» sein, sagt Orlinski, «da ist das Breaken wie eine Meditation». Dazu eine Möglichkeit, überschüssige Energien loszuwerden. Und auf der Bühne «wirklich nie» nur Mittel zum Zweck: «Ich mache keinen Backflip, bloss weil ich das kann.» Nur wenn es zum Charakter einer Figur passt, wenn er zum Beispiel als Agent gezeigt wird, der von einer Mauer springen muss, «dann mache ich schon gern eine schöne Rolle».

Orlinski als Breakdancer: Was er draufhat, sieht man in diesem Video des Glyndebourne Festivals. Video: Youtube

Dass dieses zweite Talent viel zu seinem Erfolg beiträgt, ist bei aller künstlerischen Absicherung dennoch klar. Jakub Józef Orlinski verkörpert die perfekte Mischung von Hoch- und Popkultur, und seit dem Vivaldi-Video präsentiert er sich auch auf den sozialen Medien entsprechend. Auf Facebook und Instagram führt er vor, wie wenig er mit dem Klischee vom Sänger im Pinguinkostüm zu tun hat. Und er freut sich, wenn nach einem Auftritt Follower auf ihn warten, die nie zuvor klassische Musik gehört haben: «Dann sage ich einfach: wow, danke.»

Was davor kommt, hat allerdings auch bei einem wie Orlinski mit sehr viel Arbeit zu tun. In sein erstes Album «Anima Sacra», für das er sehr zu Recht den Gramophone erhielt, hat er eineinhalb Jahre investiert. Zusammen mit Verbündeten hat er zahlreiche Werke ausgegraben, die noch nie auf CD erschienen sind: «Eine Arie zu singen, die seit dreihundert Jahren niemand gesungen hat, ist ein unvergleichliches Erlebnis.» Die Verzierungen dafür hat er selbst geschrieben, auch das Cover, das Booklet, die ganze Kommunikation hat er mitgeprägt. Schliesslich gebe es nur eine einzige Chance, ein erstes Album zu machen, «und ich bin gern mein eigener Boss».

Jakub Józef Orlinskis erste CD «Anima Sacra» wurde mit dem Gramophone ausgezeichnet. Foto: Erato

Er will es auch bleiben. Zwar wird er derzeit überhäuft mit Angeboten, «das einzige Problem ist die Auswahl». Aber er will die Fäden in der Hand behalten, nicht überrollt werden von der Karriere. Als Sänger werde man ja irgendwann zum Gefangenen der Planung, sagt er, «also versuche ich, jeden Tag zu geniessen» – nicht nur bei der Arbeit, sondern, wie Instagram zeigt, auch beim Wandern oder am Cher-Konzert im Hallenstadion.

Und langfristig? «Mit siebzig werde ich sicher nicht mehr als Countertenor unterwegs sein», sagt er dazu nur. Ideen, was er sonst noch anstellen könnte mit seinem Leben, hat er zweifellos genug. Und Energie, sie zu verwirklichen, sowieso.

Premiere von Händels «Belshazzar» am Zürcher Opernhaus: Sonntag, 3. November, 19 Uhr. Jakub Józef Orlinskis CD «Facce d’amore» erscheint am 15. November bei Erato.

Erstellt: 29.10.2019, 17:28 Uhr

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