Gleichgültigkeit war ihm fremd

Ein Nachruf auf Hansheinz Schneeberger, der Geige spielend und Schlittschuh laufend gegen den eigenen Zerfall ankämpfte und diese Woche verstorben ist.

Hansheinz Schneeberger hat unter anderem das erste Violinkonzert von Béla Bartók uraufgeführt. Foto: Nicole Pont

Hansheinz Schneeberger hat unter anderem das erste Violinkonzert von Béla Bartók uraufgeführt. Foto: Nicole Pont

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«Ich kämpfe jeden Tag gegen den Zerfall», sagte der Geiger Hansheinz Schneeberger vor einigen Jahren an einer Podiumsdiskussion zum Thema «Musik im Alter». Täglich hat er sein Instrument zur Hand genommen und geübt, gelegentlich sogar noch Konzerte gegeben.

Noch Ende September spielte er in einer Aufführung des Streichquintetts von Anton Bruckner mit, natürlich inmitten wesentlich jüngerer Musikerinnen und Musiker, denn längst war er der Methusalem der Geigerszene. Vor einigen Jahren sah man ihn beim Schlittschuhlaufen, häufig traf man ihn im Stadtkino an, wo er sich in jugendlicher Begeisterungsfähigkeit Filme jeglicher Art ansah.

Hansheinz Schneeberger war ein Charakterkopf, freundlich und resolut zugleich, neugierig und ungnädig gegenüber Stars der Musikszene.

Nie hat er sich aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt, bis ihm der Tod den Geigenbogen aus der Hand riss. Hansheinz Schneeberger, der am vergangenen Mittwoch in seinem Heim auf dem Bruderholz plötzlich gestorben ist, wurde 93 Jahre alt – ein Charakterkopf, freundlich und resolut zugleich, neugierig und kritisch gegen die Moden des Musikbetriebs, ungnädig gegenüber Stars der Musikszene, auch wenn sie grosse Namen trugen.

Unter den ungezählten Konzerten, die der 1926 geborene Berner Schneeberger – Sohn einer Lehrerin und eines Lokomotivführers – gegeben hat, ragt musikgeschichtlich eines hervor: die Uraufführung des ersten Violinkonzerts von Béla Bartók, 1908 komponiert und erst 50 Jahre später vom Basler Kammerorchester unter Paul Sacher in Basel erstmals zur Wiedergabe gebracht.

Neugierig bis ins hohe Alter

Bartók blieb ein Favorit des Geigers Schneeberger, der auch die Schweizer Erstaufführung des zweiten Violinkonzerts dieses grossen ungarischen Komponisten spielte.

Die Violinkonzerte von Willy Burkhard und Frank Martin wurden von ihm aus der Taufe gehoben, er spielte zum ersten Mal «Tempora» von Klaus Huber und «Malchuth» von Daniel Glaus, daneben immer wieder das klassische Repertoire von Bach über Beethoven und Schumann bis Schönberg und Berg. Mit zunehmendem Alter gewann die Kammermusik für ihn an Bedeutung, bis ins hohe Alter blieb er lernfähig und eignete sich Neues an.

Im Unterschied zu manchen Musikstars war er offen gegenüber aktuellen Trends, setzte sich mit der historisch informierten Aufführungspraxis auseinander und rückte ab vom Ideal des schönen, geschmeidig-geschleckten Tons.

Nie ganz mit sich zufrieden

Wenn Schneeberger Geige spielte, hatte auch das Raue, Ungebügelte, Charakteristische Platz. Sein Spiel verursachte fast immer Gänsehaut, denn es ging ihm um das Unbedingte. Er war kritisch, auch selbstkritisch und wohl nie ganz mit sich zufrieden.

Angefangen hatte Schneeberger nicht als Solist, sondern als Orchestermusiker im Orchester des Norddeutschen Rundfunks, das den 32-Jährigen als Konzertmeister engagierte.

Viele Jahre lang unterrichtete er, ab 1961 als Leiter einer Meisterklasse an der Musikhochschule in Basel, und er blieb den Dozierenden ein hoch geschätzter Kollege. Mit Jean-Jacques Dünki, Egidius Streiff, Volker Biesenbender, der Basel Sinfonietta und dem Kammerorchester Basel hat er noch lange nach seiner Pensionierung mit hohem Anspruch musiziert. Auszeichnungen wie der Schumann-Preis der Stadt Zwickau und der Goldene Bogen der Geigenbauschule Brienz zeugen davon, dass Hansheinz Schneeberger nie in Vergessenheit geriet, auch wenn er zur Glamour-Liga der internationalen Musikszene Abstand hielt.

Erstellt: 26.10.2019, 13:18 Uhr

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