Hommage an die Schweizer Carmen

Der Schweizer Komponist David Philip Hefti hat seine erste Oper geschrieben. «Annas Maske» erzählt die tödliche Geschichte einer Schweizer Sängerin und wurde nun im Theater St. Gallen uraufgeführt.

Der Körper ist tot, der Geist bleibt frei: «Annas Maske» im Theater St. Gallen. Foto: Iko Freese (drama-berlin.de)

Der Körper ist tot, der Geist bleibt frei: «Annas Maske» im Theater St. Gallen. Foto: Iko Freese (drama-berlin.de)

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«Ich liebe Anna», singt der Dirigent Aloys Obrist, und es klingt ein bisschen zu kitschig, zu melodramatisch, zu selbstmitleidig. Kein Wunder: Was kann denn das für eine Liebe sein, mit einer Pistole in der Tasche? Obrist wird Anna töten und dann sich selbst, und ihr neuer Liebhaber wird danach erschreckt unter dem Bett hervorkriechen. Auch er hat einen Knebelbart, genau wie Obrist, und auch er singt das übersüsste «ich liebe Anna». Alle gleich, diese Männer.

Tatsächlich? Oder nur für Anna? Hört man ihre Liebhaber, könnte sie eine ­typische Projektion sein. Aber es hat sie tatsächlich gegeben: Anna Sutter hiess sie, geboren 1871 in Wil und berühmt ­geworden als Opernsängerin und freier Geist am Stuttgarter Hoftheater. Ihre Affären (und die zwei unehelichen Kinder) sorgten ebenso für Schlagzeilen wie ihre Auftritte als Carmen oder Salome. Und genau wie Carmen auf der Bühne wurde sie im realen Leben von einem ab­servierten Geliebten umgebracht: Am 29. Juni 1910 hat der Kapellmeister Aloys Obrist sie erschossen, 10 000 Menschen kamen zu ihrer Beerdigung.

Eine Novelle wird Musik

Knapp hundert Jahre später wurde Anna Sutter in Alain Claude Sulzers Novelle «Annas Maske» zu einer literarischen ­Figur. Und nun ist sie in der ersten Oper des 1975 in St. Gallen geborenen Komponisten David Philip Hefti wieder dort angelangt, wo sie schon immer hingehört hat: auf der Opernbühne. Klar, dass sie sich da ein paar «Carmen»-Zitate nicht verkneifen kann. Nicht nur wegen der Parallelen zwischen Bühne und Leben – sondern auch, weil Hefti diese Bizet-Anklänge bestens brauchen kann, um das Publikum durch seine Partitur zu lotsen.

Es ist, wie immer bei ihm, keine anbiedernde Partitur, aber dennoch eine zugängliche. Zwar stellten ihn das Genre der Oper und die Dauer von 90 Minuten vor neue Herausforderungen; aber Hefti ist sie mit jenen Mitteln angegangen, die ihm schon viele Preise und noch mehr Kompositionsaufträge eingetragen haben. Mit einer selbstbewusst zeitgenössischen Tonsprache also, die aber auch einem nicht auf Avantgarde geeichten Publikum Orientierungsmöglichkeiten bietet: ein melodisches Zitat eben, eine Liebes-Chiffre oder eine unüberhörbare Wortausdeutung. Wenn etwa auf das Wort «fällt» auch die Musik abstürzt, ist das von fast barocker Deutlichkeit.

Und es zeigt das Gewicht, das der Text in diesem Werk hat. Alain Claude Sulzer hat seine Novelle (ebenfalls als Opern-Neuling) selbst zum Libretto umgearbeitet, und das war zweifellos nicht einfach. In der Novelle erschliesst sich Anna Sutters Schicksal aus einer Collage von Zeitungsmeldungen, Lexikonartikeln, Briefen. Das Drama wird sozu­sagen umzingelt – ein literarisch effektvoller Kniff, aber keiner, der für ein Bühnenwerk taugen würde. Die ersten beiden Szenen der Oper, in der allerlei ­Figuren um die tote Anna herumstehen und über sie reden respektive singen, machen das klar.

Beengend, befreiend

Lebendig wird das Stück, sobald die Rückblende anfängt. Sobald also Maria Riccarda Wesseling als Anna Sutter zu singen beginnt, mit so viel Charme und Leichtigkeit, als seien diese zuweilen sperrigen Linien das Natürlichste der Welt. Die Mezzosopranistin hat viel ­Erfahrung mit Zeitgenössischem, aber auch mit der Carmen – ein Glücksfall. Ein zweiter ist ihr Kontrahent Aloys ­Obrist: Daniel Brenna gibt ihn so kontrolliert unkontrolliert, so laut und larmoyant, dass man ihm einen Mord aus Eifersucht ab dem ersten Ton zutraut.

Das packendste Drama findet aber dennoch nicht auf der Bühne, sondern im Orchestergraben statt. Dort ist Hefti in seinem Element: Wie gut er die Instrumente und ihre Möglichkeiten kennt, wie transparent er grosse Besetzungen einzusetzen versteht, das hat er in Orchesterwerken wie dem «Sator»-Zyklus oft gezeigt. Auch hier tut er es wieder und lässt das St. Galler Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Otto Tausk knistern, schwelgen, verstummen. Vor allem aber eröffnet die Musik Räume, beengende, befreiende.

Sie erweitern sich, auch dank Mirella Weingartens klarer Inszenierung, weit über den Orchestergraben hinaus: Denn zuoberst auf der dreistöckigen Bühne sitzt der Chor, der geradezu instrumental eingesetzt wird. Da geht es nicht um Worte, sondern um Klänge und Geräusche, um Farben und Stimmungen. Also darum, das in den unteren Stockwerken weit konventioneller (und damit auch erfreulich textverständlich) gesungene Drama zu untermalen.

Wobei dieses Drama ein auffallend leises ist. Keine Hektik, kein Geschrei, kaum dynamische Ausbrüche: Hefti trifft mit seiner Musik den Tonfall von Sulzers Novelle. Nur die Schüsse sind laut. Aber wirklich weh tut das Orchesternachspiel danach, das mehr über missverstandene Liebe erzählt als alle Worte.

Weitere Aufführungen bis am 3. Juni. www.theatersg.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2017, 01:15 Uhr

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