«Wie viele griechische Top-Musiker kennen Sie?»

Der Geiger und Dirigent Leonidas Kavakos ist ebenso eigenwillig wie erfolgreich. Nun kommt er in die Schweiz.

Der Geiger Leonidas Kavakos tritt immer häufiger auch als Dirigent auf.

Der Geiger Leonidas Kavakos tritt immer häufiger auch als Dirigent auf. Bild: Marco Borggreve

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Sie haben Karrieremachen einmal mit Schachspielen verglichen. So betrachtet: Haben Sie gewonnen?
Ich kann zumindest sagen, dass ich es geschafft habe, meine Seele zu beschützen und eine eiserne Wand um mich herum zu bauen.

Das klingt aber sehr martialisch. Wozu denn die Wand?
Weil das Musikgeschäft schonungslos sein kann. Der Dirigent Dimitri Mitropoulos hat einmal zugespitzt formuliert: Musik verwandelt diejenigen, die sie hören, in Engel und die, die sie spielen, in Monster. Es gibt eine geschäftliche Seite des Systems, die nicht immer erfreulich ist.

Aber Sie sind doch Teil dieses Systems?
Natürlich stelle ich mich gerne auf die Bühne im Konzertsaal. Aber meine Perspektive ist trotzdem eine andere. Ich komme aus einem Land, das absolut keinen Zugang zu diesem System hat. Wie viele andere griechische Top-Musiker kennen Sie?

Verstehe. Haben Sie deshalb neben den Auftritten als Geiger mit dem Dirigieren angefangen?
Schon vor der Geige habe ich mit den Stricknadeln meiner Tante dirigiert.

Und das bedeutet?
Jedenfalls kam es von ganz alleine dazu. 1997 sollte ich mit der Camerata Salzburg unter der Leitung von Sandor Végh spielen, es waren seine letzten Konzerte. Es ging ihm nicht mehr gut, und das Orchester bat mich, den Rest des Programms zu übernehmen, eine Mozart-Serenade. Ich hatte keine Ahnung davon. Aber sie sagten, wir kriegen das schon gemeinsam hin.

Als Solist sind Sie es gewohnt, dem Orchester den Rücken zuzuwenden. Als Dirigent schauen Sie den Musikern ins Gesicht.
Das Schwierige ist, dass sie ja auch mich sehen. Besonders wenn ich nicht weiss, was ich tue, kann das schwierig sein. Aber ich finde es faszinierend, mit den Musikern zu interagieren. Endlich! Das ist eine sehr viel menschlichere Erfahrung als das Geigenspiel. Es steckt eine bestimmte Art von Fragilität darin.

Haben Sie je Kurse belegt?
Nie. Aber ich habe fast immer die zweite Hälfte des Konzerts angehört, in dem ich war, und immer die Dirigenten beobachtet, seit ich 20 Jahre alt bin. Das Wichtigste ist die Atmung. Man muss zusammen einatmen.

Haben Sie keine Selbstzweifel?
Doch, natürlich. Aber ich weiss auch ganz genau, wie ich einen bestimmten Klang oder einen Effekt produzieren kann. Das ist ein Vorteil, den ich beim Dirigieren habe. Zum Beispiel Beethoven. Ich spiele seine Sonaten, seit ich 13 Jahre alt bin. Ich bin mit seiner musikalischen Sprache aufgewachsen. In seinen Symphonien finde ich viele Dinge wieder, das ist nicht neu für mich.

Es heisst, dass Sie dreimal aufhören wollten, Geige zu spielen, und zum Basketball wechseln wollten. Stimmt diese Geschichte?
Ja. Als ich das letzte Mal aufhören wollte, war ich elf Jahre alt. Mein Vater war sehr streng. Er kam von der Volksmusik, hatte eine unglaubliche Intonation auf der Geige und verlangte auch von mir Perfektion. Eine minimal falsche Bewegung mit dem Finger — schon war mein Vater unzufrieden. Das hat mich verrückt gemacht.

Wie wurden Sie umgestimmt?
Als ich aufhören wollte, sagte mein Vater: Okay, aber du musst es deinem Lehrer selbst sagen. Glücklicherweise war Stelios Kafantaris ein echter Pädagoge. Er sagte: Du darfst ein ganzes Wochenende so falsch spielen, wie du willst. Danach schauen wir weiter. Von ihm habe ich gelernt, ein aufrichtiger Mensch zu sein. Für mich ist das die Quintessenz von Lehre. Bei manchen sehr talentierten Menschen frage ich mich, wo hinter dem Talent der Mensch geblieben ist. Da läuft etwas gewaltig schief in der Ausbildung.

Ein Beispiel, bitte.
Heute werden die Karrieren künstlich beschleunigt. Aber nicht, weil es auf einmal mehr Talent gibt, sondern weil dieses Talent an ein bestimmtes System angepasst wird. Ich hatte mein erstes öffentliches Konzert mit 16. Wer macht das noch so? Die Leute denken, wenn sie mit 20 Jahren noch keine grosse Karriere gemacht haben, ist es zu spät. Es gibt Workshops, in denen junge Menschen darüber diskutieren, wie sie ihre Karriere am besten aufbauen. Genau das sollte man ihnen nicht beibringen.

Sondern?
Versuche, durch Musik zu dir selbst zu finden. Sonst hilft dir kein Applaus der Welt. Ich gebe meinen Schülern niemals Antworten. Ich stelle immer Fragen. Um eine gute Frage stellen zu können, muss man viel wissen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.04.2019, 13:36 Uhr

Leonidas Kavakos in der Schweiz

Leonidas Kavakos, geboren 1967 in Athen, begann mit fünf Jahren, Geige zu spielen. Heute tritt er international auf vielen grossen Bühnen auf – meist als Solist, immer häufiger aber auch als Dirigent. In zwei Schweizer Konzerten der Reihe Migros Kulturprozent Classics spielt er Mozarts Violinkonzert Nr. 3, begleitet vom Chamber Orchestra of Europa.
- 8. April, Genf, Victoria Hall, 20 Uhr.
- 9. April, Zürich, Tonhalle Maag, 19.30 Uhr.

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