«Ich will den Klang anfassen»

Der deutsche Komponist und Dirigent Matthias Pintscher ist ein ebenso gefragter wie gewiefter Vertreter der neuen Musik. Derzeit probt er in der Zürcher Tonhalle Maag.

Matthias Pintscher bei einer Probe des Tonhalle-Orchesters in der Tonhalle Maag, Zürich.<br />Foto: Samuel Schalch

Matthias Pintscher bei einer Probe des Tonhalle-Orchesters in der Tonhalle Maag, Zürich.
Foto: Samuel Schalch

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«Ein Streichinstrument ist ein ganz eigenes Tier», sagt Mat­thias Pintscher. Oder: «Präzision gilt ja als ungemein wichtig heute; wenn die Streicher bei einem von 720 Pizzicati in einer Bruckner-Sinfonie nicht ganz zusammen sind, dann schaut schon das zweite Fagott rüber.» Oder: «Musikmachen ist wie eine Droge.»

Schon nach den ersten paar Minuten Gespräch in der Dirigentengarderobe in der Ton­halle Maag ist klar: Pintscher kann nicht nur dirigieren und komponieren, sondern auch reden, Dinge auf den Punkt bringen, knackige Formulierungen aus dem Ärmel schütteln. Das hilft ihm zweifellos bei seinem Job; wer im Bereich der neuen Musik wirklich erfolgreich sein will, muss sich so präsentieren können, dass ihn nicht nur die Eingeweihten verstehen.

Schweigen bezüglich Luzern

Gleichzeitig muss er diese Eingeweihten – Musikerinnen, Kollegen, Kritikerinnen – von seinen Qualitäten überzeugen. Auch das hat Pintscher längst geschafft: Pierre Boulez holte ihn 2013 als seinen Nachfolger zum Pariser Ensemble Intercontemporain. Neben den Spezialformationen für neue Musik dirigiert er regelmässig die grossen Sinfonie­orchester, mit einem breiten Repertoire von Mozart bis in die Gegenwart. Auch als Lehrer ist er gefragt – nicht nur an der berühmten Juilliard School in seiner Wahlheimat New York. Und ebenfalls als Nachfolger von Boulez hat er einige Jahre zusammen mit dem Komponisten Wolfgang Rihm die Lucerne Festival Academy geleitet, bis er im vergangenen Sommer Knall auf Fall ausgestiegen ist. Fragt man ihn nach den Gründen, gibt er sich ein einziges Mal wortkarg: «Ich habe mit dem Lucerne Festival vereinbart, dass wir uns nicht darüber äussern.»

Nun ist Pintscher also in Zürich; das Tonhalle-Orchester hat ihn in dieser Saison auf den Creative Chair gesetzt, den man seit ein paar Jahren an diri­gierende Komponisten respektive komponierende Dirigenten vergibt. In den nächsten Tagen dirigiert er sein Violinkonzert «Mar’eh» und Werke von Debussy. Und er gibt einen zweitägigen Meisterkurs an der Zürcher Hochschule der Künste, noch einen; im vergangenen Herbst war er bereits da, und er war begeistert: «Dieser Ort, diese Qualität, dieses glühende Commitment der Leute – Zürich kann stolz sein auf diese Institution, schreiben Sie das, bitte!»

Kein Zweifel, das «glühende Commitment» hat auch er, hatte es schon immer, oder zumindest beinahe. Matthias Pintscher, geboren 1971 in Marl im Ruhrgebiet, war fünfjährig, als ihn seine Eltern ans Klavier setzten, «und ich kann nicht sagen, dass ich vor Begeisterung gleich in Flammen aufgegangen wäre». Aber mit neun wollte er dann Geige lernen, «das war wirklich mein eigener Wunsch». Bald spielte er in einem Jugendorchester, sass mitten in diesem Klang, und da war alles klar: Er wollte dirigieren, «nicht um den anderen zu sagen, wie schnell oder leise oder laut sie zu spielen haben, sondern um diesen Klang anzufassen».

Mat­thias Pintscher in Berlin.
Quelle: Youtube

Bald wollte er auch seine eigenen Ideen «in diesen Klang einschreiben», also komponieren. Keine Geigensonaten, nichts Kleinformatiges, sondern Orchesterwerke: «Das ist es, was mich von Anfang an fasziniert hat.» Inzwischen muss er sich die Zeit fürs Komponieren erkämpfen, die Dirigier-Engagements breiten sich aus in seiner Agenda. Aber die Kombination ist dennoch ideal für ihn, oder mehr noch: notwendig. Er ermutige jeden Jungkomponisten, sich auch mal vor ein Orchester oder ein Ensemble zu stellen, sagt Pintscher: «Man muss physischen Kontakt haben mit den Instrumenten und wissen, wie ein Orchester atmet.»

Was er damit meint, wird ein paar Minuten später klar. Pintscher hat bis dann noch einen zweiten Espresso gekippt und in der Nebengarderobe die Geigerin Leila Josefowicz begrüsst («wenn wir uns sehen, das ist wie ‹brother and sister›»). Nun steht er vor dem Tonhalle-Orchester für die erste Probe seines Werks «Mar’eh». Der Titel ist hebräisch, übersetzen lässt er sich am ehesten mit «schöner Zustand».

Und um Schönheit geht es hier; aber nicht um eine blank polierte, sondern um eine stille, auch mal brüchige, ungeschniegelte. Wäre das Werk ein Bild, sähe man blass schraffierte Flächen, freie Linien, satte Farbspritzer; und fliessende Übergänge, wo man eigentlich keine vermuten würde. Josefowicz lässt einen Ton als Geräusch beginnen, dann anschwellen, schliesslich ins Flattern geraten, bis ein Hornist ihn übernimmt. Manchmal ist die Musik so leise, als würde nur der Raum klingen, dann wieder ritzen scharfe Kanten die Gehörgänge. Oder es blubbert plötzlich; wie genau Pintscher die Instrumente kennt, wie geschickt er seine Mittel einsetzt, das zeigen solche Effekte.

In der Partitur ist das alles so präzis notiert, wie das in zeitgenössischen Werken nun mal üblich ist. Aber die Vorgaben scheinen nicht als Korsett zu wirken, die Musik beginnt tatsächlich schon sehr bald zu atmen in dieser Probe. Um noch einmal einen typischen Pintscher-Satz zu zitieren: «Beim Dirigieren braucht es das Vertrauen in die Seele eines Orchesters.» Wie recht er hat, ist nicht zu überhören.


Konzerte mit Werken von Pintscher und Debussy in derTonhalle Maag: 4. und 5. April, 19.30 Uhr. Workshop an der Zürcher Hochschule der Künste: 5. und 6. April. Informationenunter www.tonhalle-orchester.ch.

Erstellt: 03.04.2019, 17:19 Uhr

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