Kein Geld mehr für Dissonanzen

Die Schweizer Musikzeitschrift «Dissonance» gibt nach 34 Jahren auf.

In der aktuellen Ausgabe der «Dissonance» geht es unter anderem um die bevorstehende Uraufführung von György Kurtágs Oper «Fin de Partie».

In der aktuellen Ausgabe der «Dissonance» geht es unter anderem um die bevorstehende Uraufführung von György Kurtágs Oper «Fin de Partie». Bild: Dissonance

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Nun ist sie tatsächlich am Ende, die Schweizer Musikzeitschrift «Dissonance». Abgezeichnet hatte es sich schon lange: 2012 strich das Bundesamt für Kultur dem Schweizerischen Tonkünstlerverein (STV) – dem Hauptträger der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift – ein Drittel der Subventionen. 2015 stiegen die Musikhochschulen aus dem Projekt aus. Vor ein paar Monaten verlor der STV auch noch den Rest der Subventionen. Grosszügige Abonnenten sprangen ein, die Redaktion lebte sowieso schon länger von Selbstausbeutung und Idealismus. Aber nun bleibt nur noch die Abschiedsparty, die am 1. Dezember in der Basler Gare du Nord steigen wird: Die 144. und letzte Nummer soll so richtig gefeiert werden.

Tatsächlich gibt es gute Gründe, die «Dissonance» mit trotzigem Stolz zu beerdigen. Es war eine gute Zeitschrift, immer wieder. Eine ambitionierte, zuweilen nischige, oft überraschende. Eine, die in ihren besten Zeiten tatsächlich dissonant war. Man erinnert sich an die fulminanten Artikel, in denen die (nie fertig gewordene) Schoeck-Gesamtausgabe zerpflückt wurde. An den über mehrere Nummern hinweg ausgetragenen Streit über den Zustand der Schweizer Improvisationsszene. An viele musiktheoretische, ideologische und manchmal auch einfach nur persönlich verschnupfte Debatten darüber, was zeitgenössische Musik sein soll.

Profilierte Autoren

Gegründet wurde die Zeitschrift 1984; die Redaktion betreute damals und bis ins Jahr 2000 der Pianist und Radiomann Christoph Keller, ein brillanter Schreiber und Querdenker (der später auch in Christoph-Marthaler-Stücken auftrat). Auch neben und nach ihm kamen profilierte Redaktoren und Autorinnen zum Zug, die zur Kurskorrektur ansetzten, wenn die Texte zwischendrin mal allzu sehr abhoben. Die Ansprüche blieben hoch, nicht nur die inhaltlichen. Die «Dissonance» war auch eine schöne Zeitschrift – gutes Papier, schickes Layout, das kostete.

Nun ist kein Geld mehr da. Und man kann in der aktuellen Nummer 143 nachblättern, was man vermissen wird. Der Komponist Roland Moser schreibt da über György Kurtágs Oper «Fin de Partie», die nächste Woche an der Mailänder Scala uraufgeführt wird. Es gibt einen Artikel über das Frühwerk des Baslers Jacques Wildberger, dazu Nachrufe und zahlreiche Rezensionen von Musikbüchern, Aufnahmen, Konzerten. Also vieles, was es anderswo längst nicht mehr gibt.

Aber wer weiss, vielleicht kommt es wieder, in welcher Form auch immer. Dass es in der Schweizer Musikszene engagierte Köpfe gibt, das hat sich in der «Dissonance» gerade in den letzten Krisenjahren gezeigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2018, 11:40 Uhr

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