Keine Heilige, aber eine Operndiva

An der Saisoneröffnung der Scala haben die Gäste wieder ihre Diamanten ausgeführt. Anna Netrebko brachte sie dann aber zum Schweigen.

Anna Netrebko hätte mit ihrer Stimme gleich mehrere Säle umspannen können. Foto: Teatro alla Scala

Anna Netrebko hätte mit ihrer Stimme gleich mehrere Säle umspannen können. Foto: Teatro alla Scala

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Sie hält das Messer in die Höhe, das Blut tropft. Für einen kurzen Moment passiert gar nichts – ein Schock. Dann stürzt das Opfer auf den Boden, unfähig, an sein abruptes Ende zu glauben. Die Sängerin Floria Tosca hat sich soeben befreit. Mit einem vom Esstisch hastig aufgesammelten Messer hat sie sich vor ihrem Peiniger Scarpia gewehrt, der versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Nun liegt er tot vor Tosca. Und sie schickt ihm die berühmte Zeile ins Jenseits nach: «E avanti a lui tremava tutta Roma!» – und vor ihm zitterte ganz Rom.

Es ist genau diese Szene aus Giacomo Puccinis Oper «Tosca», die den Abend des 7. Dezember in Mailand krönt. Traditionell eröffnet an diesem Tag die neue Spielzeit der Mailänder Scala, am Namenstag des Schutzpatrons Ambrosius. Jahr für Jahr sperrt die Polizei weiträumig den Platz vor der Oper ab. Dort protestieren Menschen gegen das Establishment und lassen Rauchbomben steigen.

«Schhhh!», machen die Opernliebhaber. Die gibt es hier auch.

Ebenso routiniert erscheint der italienische Präsident Sergio Mattarella in der Königsloge des Theaters. Das Publikum erhebt sich auch dieses Mal wieder mit einem Ruck von den roten Samtsesseln, hüllt den weisshaarigen Mann in einen langen Applaus ein. Das Orchester stimmt die Nationalhymne an, leise summt der Saal mit – so richtig gut scheint der Text nicht zu sitzen. Kein Wunder, unter ihnen sind viele High-Society-Touristen, angereist aus Deutschland, Frankreich, Japan, Russland. Aber die Rituale der «Prima della Scala», der Eröffnung, stehen trotzdem unerschütterlich.

Wohlgemerkt: Den Applaus am Anfang bekommt nicht, wie sonst üblich, der Dirigent, sondern der Politiker. Zum Applaudieren müssen die Zuschauer sich von der Bühne wegdrehen. Wenn dann also der Orchesterleiter Riccardo Chailly zum ersten Takt ansetzt, haben sich die Gäste gerade erst vom weltlichen Applaus gesammelt.

Man könnte meinen, die illustre Gesellschaft ist nicht etwa angereist, um die Crème de la Crème der Oper zu hören oder in den wirklich saftigen und lebendigen Klang des Scala-Orchesters einzutauchen, sondern um die Diamanten auszuführen und sich von den Fotografen am Eingang ablichten zu lassen. Es ist ein gesellschaftliches Grossereignis in Italien, wichtige Namen aus Politik, Kunst und Wirtschaft versammeln sich hier.

Pereiras letztes Mal

Unter ihnen natürlich auch: der Noch-Leiter der Scala, der österreichische Kulturmanager Alexander Pereira. Es ist seine letzte Saisoneröffnung, zum kommenden Jahr verlässt er vorzeitig nach fünf Jahren den Posten des künstlerischen Leiters, nachdem er zuletzt über einen Finanzdeal mit Saudiarabien gestolpert ist, und geht als Leiter des Festivals Maggio Musicale Fiorentino nach Florenz. Die einstudierten Rituale, der Prunk der Scala, sie sind für den 72-Jährigen somit Geschichte: «Ich lasse ein Stück Herz in Mailand, aber Mailand hat mir auch ein Stück meines Herzens geschenkt», zitiert ihn die italienische Tageszeitung «Corriere della Sera».

Das Schnattern in den dafür vorgesehenen beiden Pausen will nicht aufhören. Selbst als die Lichter im Saal nach der ersten Pause schon wieder ausgegangen sind und der zweite Akt beginnt, tummeln sich etliche Gäste in den Gängen und winken einander zu. Dabei hat Chailly schon längst seinen Taktstock geschwungen, die Musik leitet langsam in die Szene. «Schhhh!», machen die Opernliebhaber. Die gibt es hier auch. Einer schüttelt den Kopf und sagt: «Disastro!»

Alles in allem ist man am besten beraten, wenn man das Pathos dankbar entgegennimmt.

Solche wie dieser ungeduldige Herr kommen bei der Prima jedoch auch voll und ganz auf ihre Kosten. Eine der bekanntesten Sopranistinnen der Gegenwart, Anna Netrebko, singt Toscas Partie und umspannt mit ihrer Stimme den ganzen Saal, ach was, da ist noch so viel Power, man reiche ihr am besten gleich noch einen zweiten Saal. So ist es auch Netrebkos Messer-Szene, die endlich für absolute Ruhe sorgt. Die Verzweiflungstat, dazu der Schrecken vor dem eigenen Mut in Netrebkos Augen und die spitzen Töne aus ihrem Körper, noch einmal wie Stiche – diese Mischung lässt keinen unberührt.

Ihr Bühnenpartner, der Tenor Francesco Meli, der Toscas Liebhaber Mario Cavaradossi spielt, kann dagegen nur ankommen, wenn er die Solomomente für sich nutzt. Besonders das Mitleid erregende Seufzen nach der verloren geglaubten Geliebten im dritten Akt, bei der Arie «E lucevan le stelle», steht ihm gut. Der gurgelnde Bariton Luca Salsi tritt als siegesgewisser Baron Scarpia auf, eine Rolle, die zu spielen sicher sehr viel Spass macht, man kann für gewöhnlich so viel Ekelpaket und Bösewicht geben wie nur möglich.

Man versinkt im Samt

Regisseur Davide Livermore hat dagegen nichts einzuwenden. Sowieso setzt seine Inszenierung eher auf das Erwartbare, das Bühnenbild ist opulent und historisierend, die Säulen mächtig, die Roben bodenlang. Dirigent Chailly schmeichelt Puccinis ohnehin erzählerischer Komposition mit vollkommenen Streichern. Auch im Orchestergraben ist das Stichwort Opulenz. Gewiss hätte das Glockenspiel etwas sparsamer ausfallen können. Aber alles in allem ist man hier am besten beraten, wenn man das Pathos dankbar entgegennimmt und damit im Samt versinkt.

Kaum ist der Peiniger tot, eilt Tosca zu ihrem Geliebten. Netrebko zeichnet eine durch und durch gute Tosca, eingehüllt übrigens in die Marienfarben Blau und Rot, die so naiv ist, dass sie dem Wort des Bösewichts auch noch vertraut, wenn sie gar nicht mehr daran gebunden ist.

Warum lässt sie Cavaradossi zu seiner scheinbaren Erschiessung gehen? Natürlich stirbt er. Und sie? Was normalerweise der Sprung von der Engelsburg ist, wird hier zur Gotteswerdung, es ist Livermores einziger entschiedener Regieeinfall. Auf ewig leuchtet Tosca, fixiert wie ein Stern am Himmel. Und das Publikum ist begeistert – hier verehrt man keine Heilige, sondern eine Operndiva.

Erstellt: 08.12.2019, 15:56 Uhr

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