Klassiker der Woche: Abschied eines Publikumslieblings

Matti Salminen verwandelt sich im Zürcher Opernhaus noch einmal in seine Parade-Figuren.

Streicheln oder würgen? Matti Salminens Sarastro ist eine zwiespältige Figur. (Video: Youtube/ Memet Özberk)


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Er wolle nicht zu jenen «Ruinen» gehören, die auf die Bühne drängen, bis sie keinen Ton mehr herausbringen: Das hat Matti Salminen vor ein paar Jahren gesagt. Darum macht er jetzt einen Punkt, wie er es formuliert, tritt ab, überlässt die Bühne anderen. Mit 71 Jahren – und zumindest aus Sicht des Publikums viel zu früh.

Zwar sind seine Zürcher Auftritte seltener geworden; den Sarastro sang in der letzten «Zauberflöten»-Produktion ein anderer. Am Kultstatus des Matti Salminen ändert das nichts. Über vierzig Jahre lang hat er am Zürcher Opernhaus all die Priester, Könige und Vaterfiguren gesungen, für die es einen tiefen Bass und eine imposante Bühnenpräsenz braucht. Es waren die richtigen Rollen für ihn: Er sei nicht so der Typ erster Liebhaber, hat er einmal gesagt, nach Tenorhöhen hat er sich nie gesehnt. Höchstens den Tristan hätte er gern einmal gesungen, «aber dann hätte ich gleich wieder zurückgewechselt ins Bassregister».

Angefangen hat Salminen einst als Sopran, im Knabenchor im finnischen Turku, wo er aufgewachsen ist. Seinen Durchbruch schaffte er 1969, als er in einem «Don Carlo» als König Philipp II. einspringen konnte; ein «Selbstmordkommando» sei das gewesen, sagt er, «aber ein 24-Jähriger kann nichts verlieren, er hat ja noch nichts»! 1972 stand er als Sarastro erstmals auf der Bühne des Zürcher Opernhauses. Und er blieb hier, als Stammgast, später als Ensemblemitglied, sehr bald schon und bis heute als Publikumsliebling.

Bedrohliche Hymne

Als Sarastro hat ihn 2007 auch ein Publikum kennen gelernt, das ansonsten nicht ins Opernhaus geht: Die «Zauberflöten»-Inszenierung von Martin Kusej wurde im Schweizer Fernsehen übertragen, gleich auf zwei Kanälen (auf dem einen sah man das Bühnengeschehen, auf dem anderen das Backstage-Gewusel). Sarastro ist hier eine höchst zwiespältige Figur, und Matti Salminen zeigt das mit jedem Ton, jedem Blick, jeder Geste. Man weiss nie so genau, ob er die Pamina (Julia Kleiter) nun streicheln oder würgen will – auch, weil er der Hymne auf die «heil'gen Hallen» hier im Einklang mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt einen ziemlich bedrohlichen Unterton verleiht.

Salminen braucht nicht laut zu werden dafür. Es reichen ein paar präzis gesetzte Akzente, ein paar besonders scharf platzierte Konsonanten, ein bisschen Stahl im Klang (wer sagt denn, dass ein Pianissimo weich sein muss?). Gleichzeitig sind da die grossen Linien, die grosszügig eingesetzten Farben, durchaus auch eine gewisse Wärme – nein, diesem Sarastro ist nicht so leicht auf die Spur zu kommen.

Im Abschiedskonzert im Zürcher Opernhaus wird Salminen noch einmal Sarastros «O Isis und Osiris» singen, dazu Arien aus Verdis «Don Carlo», aus diversen Wagner-Opern, aus Mussorgskys «Boris Godunow» und Tschaikowskys «Eugen Onegin». Und es wird nicht nur an seiner imposanten Grösse liegen, dass er auf dieser Bühne eine imposante Lücke hinterlassen wird.

Abschiedskonzert von Matti Salminen im Zürcher Opernhaus: Samstag 12. November, 19 Uhr.

Erstellt: 10.11.2016, 12:20 Uhr

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