Klassiker der Woche

Klassiker der Woche: Ein Startenor entgleist

Als allerletzte Zugabe eines Scala-Konzerts sang Jonas Kaufmann «Nessun dorma» – und vergass den Text.

Die Fliege muss weg: Dirigent Jochen Rieder befreit Jonas Kaufmann. (Video: Youtube)


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«Vincerò, vincerò!», singt Jonas Kaufmann am Ende von Puccinis Superhit «Nessun dorma», «ich werde siegen!» Dabei hatte er in diesem Konzert an der Mailänder Scala im vergangenen Juni längst gesiegt: Wie er sich nämlich nach einem Patzer in der Mitte der Arie wieder rettete, wie er während des Singens über sich selbst lachen konnte und trotzdem die Konzentration und die Stimme wiederfand für das grosse Finale: Das macht ihm so leicht keiner nach.

Man kann sich ja vorstellen, dass ein Sänger am Ende eines Arienprogramms allmählich ein bisschen erschöpft ist. Und vielleicht auch entspannt: Alles ist gut gelaufen, das Publikum tobt – also warum nicht noch ein letztes Stück zugeben? Kaufmann tut es gut gelaunt, der Dirigent Jochen Rieder hat ihn von seiner Fliege befreit, die Pointe zur Ankündigung des «Nessun dorma» sitzt auch auf Italienisch: «Weil hier ja niemand schlafen will...»

Dann gehts los, und zunächst geht es gut. Aber dann kommt die zweite Strophe, «niemand wird meinen Namen wissen, no, no!» – und plötzlich weiss Kaufmann den Text nicht mehr. Zuerst tut er, was viele Sänger tun: Er singt einfach irgendetwas, das vage italienisch klingt, in der Hoffnung, unbemerkt wieder reinzukommen. Aber es klappt nicht, er schüttelt den Kopf, das Publikum lacht – und schon ist er wieder da: mit dem Text, mit einem herzhaften «Ha!» und jenen selbstironischen Gesten, mit denen er sich alle Sympathien seiner Zuhörer geholt hätte, wenn er sie nicht schon längst geholt hätte.

Der Rest ist dann wieder einwandfrei, und was noch weit erstaunlicher ist: schön gestaltet. Auch das unterscheidet einen grossen Sänger von einem guten: dass er Nerven wie Drahtseile hat. Und dass seine Stimme selbst dann nicht nach Drahtseil klingt, wenn er diese Nerven einmal braucht.

Erstellt: 17.09.2015, 14:05 Uhr

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