Klassiker der Woche

Klassiker der Woche: Konzert mit Badewanne

1960 führte John Cage in einer TV-Show seinen «Water Walk» auf. Der Moderator war irritiert.

Vorhang auf: Das Instrumentarium von John Cages «Water Walk» ist bereit. (Video: Youtube)


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«Er meint es ernst, und ich denke, es könnte interessant sein», sagt der Moderator, und übersetzt heisst das: Dieser John Cage ist ein Spinner, aber lasst ihn bitte machen! Schon zuvor hatte er Cage gewarnt, dass die Leute eventuell lachen könnten bei seiner Performance – und Cage hatte ungerührt geantwortet, lachen sei immer besser als weinen.

Und so nimmt die Aufführung des «Water Walk» ihren Lauf. Man schreibt das Jahr 1960, Cage ist 48 Jahre alt: noch nicht der Guru, der er später wurde, aber doch ein Komponist, der unter anderem mit seinem Stück «4'33"» so sehr Furore gemacht hat, dass er in die populäre CBS-Show «I've Got a Secret» eingeladen wurde. Dort hat man vielleicht etwas andere Vorstellungen davon, was Musik sein soll, aber Cage lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit freundlichem Lächeln zählt er seine Instrumente auf: Wasserkocher, Badewanne, Rosenvase, Radios, Quietschente und ein Klavier.

Dann geht der Vorhang auf, die Installation der Instrumente kommt zum Vorschein, Cage macht sich ans Werk – und das Publikum lacht. Es lacht, wenn er die Rosen in der Badewanne giesst, eine Klaviertaste antippt, zwischen seinen Geräten herumläuft, das Ventil des Dampfkochtopfs öffnet, die Stoppuhr konsultiert oder auf die Radios haut, die er wegen rechtlicher Querelen anders als ursprünglich vorgesehen nicht anstellen durfte. Und es gerät schon fast ins Japsen, wenn er die Radios von den Tischen schubst: Da sie nicht angestellt werden dürften, könne er sie ja auch nicht abstellen, also habe er die Partitur entsprechend geändert, hatte er zuvor erklärt.

Höflich sei das Gelächter ja nicht gewesen, hat ein Kommentator der Sendung geschrieben. Cage scheint sich keineswegs daran gestört zu haben, auch Gelächter dürfte für ihn Musik gewesen sein. Und wir weinen ein bisschen: weil es einen wie ihn in der heutigen Avantgarde-Kultur nicht mehr gibt.

Erstellt: 10.09.2015, 09:57 Uhr

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