Klassiker der Woche: Mehr als ein Begleiter

Im April ist der Liedpianist Irwin Gage gestorben, nun findet ein Doppelkonzert zum Gedenken an ihn statt.

Irwin Gage und Lucia Popp proben Strauss' «Wiegenlied». (Youtube/cp mediaload)


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«Der Begleiter» hiess der Film, in dem Ottokar Runze 1987 den Pianisten Irwin Gage porträtierte. Der Titel ist gleichzeitig richtig und falsch: Gage war damals tatsächlich DER Begleiter schlechthin. Mit Lucia Popp, Dietrich Fischer-Diskau, Brigitte Fassbaender, Jessye Norman, Christa Ludwig, Peter Schreier und vielen weiteren ist er aufgetreten – mit allen grossen Stimmen seiner Zeit. Aber er selbst nannte sich ungern «Begleiter», zu Recht: Er war weit mehr.

Das zeigt auch dieser (leider etwas brüsk endende) Beginn von Runzes Film. Gage probt hier mit Lucia Popp das «Wiegenlied» von Richard Strauss, und vor allem zwei Dinge fallen dabei auf: wie gut er Deutsch konnte. Und wie zentral der Text des Liedes für seine Interpretation war.

Gage wurde 1939 in Cleveland, Ohio, geboren. Zunächst studierte er in Michigan und Yale, aber dann wechselte er nach Wien: weil ihn das Liedrepertoire faszinierte – und er so richtig eintauchen wollte in die deutsche Sprache und Dichtung. Er tat es wie kaum ein anderer Liedpianist (diese Bezeichnung mochte er schon lieber). Und er machte sich geradezu einen Sport daraus, noch die subtilsten Facetten der Gedichte zu durchleuchten – und dann pianistisch zu vermitteln, was er dabei entdeckte.

Er wollte eigene Verträge

Er verstand sich damit als gleichberechtigter Partner des Sängers, als dies noch keineswegs selbstverständlich war. Gage war der Erste, der bei Auftritten auf einen eigenen Vertrag pochte und sich nicht, wie damals üblich, von den Sängern für seine Dienste auszahlen liess. Und das hatte weit weniger mit Eitelkeit oder Geschäftstüchtigkeit als mit seinem Kunstverständnis zu tun: Er war nun mal wirklich kein Bediensteter der Sänger.

Mit dieser Haltung hat er seine Schüler ebenso geprägt wie mit seinen pianistischen Fertigkeiten. Insbesondere in Zürich: Von 1979 bis 2005 hat er an der Zürcher Musikhochschule unterrichtet, Generationen von Sängern und Pianistinnen gingen durch seine Schmiede. Was er bewirkt und vermittelt hat: Daran erinnern nun ehemalige Schüler zusammen mit Weggefährten Gages in gleich zwei mit persönlichen Erinnerungen ergänzten Gedenkkonzerten.

Im Gedenken an Irwin Gage: Sonntag, 8. Juli, 11 und 17 Uhr, Konzertsaal 3 in der ZHDK, Pfingstweidstr. 96, 8005 Zürich. Informationen unter www.liedrezital.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2018, 09:09 Uhr

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