Klassiker der Woche: Musik für den Rausch

Michael Nyman weiss, wie man aus vier Takten gut vier Minuten macht. Die klassische Band Spark weiss es auch.

Und noch mal: Die Musiker von Spark spielen «An Eye for Optical Theory». (Youtube/Spark - The Classical Band)


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Das Material stammt vermutlich von William Croft (1678–1727). Die Verarbeitung unter dem Titel «An Eye for Optical Theory» datiert von 1982. Aber die Wirkung: Die ist auch heute noch fulminant.

Es ist ja schon phänomenal, wie unverwüstlich die barocken Bassmodelle sind. Vier Takte sind es hier, ein harmonisches Gerüst, das eigentlich nicht aussergewöhnlich ist. Und auch die Ideen von Michael Nyman, der das Gerüst nach den Prinzipien der Minimal Music zu einer Filmmusik für Peter Greenaways «The Draughtsman’s Contract» ausgebaut hat, lassen sich an einer Hand abzählen: erstens ein synkopierter Rhythmus. Zweitens ein druckvolles Tempo. Drittens ein druckvoller Klang. Viertens ein bisschen Abwechslung. Fünftens nicht zu viel davon.

Simpel, aber anspruchsvoll

Das wärs schon, oder vielleicht auch nicht. So simpel diese Musik wirkt, so anspruchsvoll ist sie für die Interpreten. Nicht, dass da unglaubliche Virtuositäten notwendig wären; aber es gilt, das Immer-fast-Gleiche mit Energie zu füllen, aus dem Wenigen viel zu machen. Die Gruppe Spark, die den Konzertbetrieb als «Klassische Band» seit 2007 mit Erfolg aufmischt, kann das bestens. Die fünf Musiker (darunter der in Liestal geborene Wahlzürcher Mischa Cheung am Klavier) verstehen sich blind, sie verlieren auch in der x-ten Repetition nichts von ihrer Verve, und wenn dann doch einmal ein anderer Ton gefragt ist zwischendrin, stellen sie sofort um.

Der Film, für den diese Musik entstanden ist, spielt übrigens ungefähr zu jener Zeit, aus der Nyman sein Bassmodell geholt hat – im britischen Hochbarock also. Und genau wie Nyman vergnügte sich auch Greenaway mit Elementen von damals: mit Kulissen und Kostümen, mit der Vorliebe für Rätseleien und intellektuelle Finten. Es war Greenaways erster Spielfilm, Nymans erste Filmmusik und der Anfang einer bedeutenden Zusammenarbeit. Inzwischen gehen die beiden wieder getrennte Wege. Aber die Musik aus ihrer gemeinsamen Zeit treibt einen immer noch in den Rausch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.06.2017, 14:51 Uhr

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