Lob der Unvernunft

Ein Wunderkind, das auch Wladimir Putin beeindruckt hat. Eine Stockhausen-Probe. Und dann noch die Berliner Philharmoniker: Das alles bringt ein Tag am Lucerne Festival.

Ein Ritual für zwei Tänzer und 89 Musiker: Karlheinz Stockhausens «Inori» sprengt viele Grenzen.

Ein Ritual für zwei Tänzer und 89 Musiker: Karlheinz Stockhausens «Inori» sprengt viele Grenzen. Bild: Patrick Hürlimann

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Physikalisch gesehen, war die Pause kurz vor Ende von Richard Strauss’ «Don Juan» ja nicht mehr als die Abwesenheit von Klang. Aber musikalisch: Da war sie eine Sensation, ein Skandal; sie zerriss den Raum in einer Weise, die man nicht so schnell vergessen wird. Noch ein letztes Mal hatte sich der Titelheld dieser sinfonischen Dichtung davor ausgetobt; danach kam nur noch ein kurzes Verglimmen. Und ganz egal, was man aus dieser Pause herauslesen will, das Erschrecken vor dem Tod oder die Erkenntnis einer existenziellen Sinnlosigkeit – in der Interpretation der Berliner Philharmoniker wurde es zur erschütternden Erfahrung.

Auch die Berliner selbst befinden sich derzeit in einer Pause. Ihr ehemaliger Chefdirigent Simon Rattle hat sich in Richtung London verabschiedet; und Kirill Petrenko, der Neue, wird sein Amt offiziell erst in der nächsten Saison antreten. Aber im Luzerner KKL stand er nun bereits vor dem Orchester und zeigte, wohin die Reise gehen könnte: Wo Rattle an geschmeidigen Übergängen gefeilt hatte, leuchtet Petrenko die Brüche aus. Statt des goldenen Klangs bevorzugt er einen bronzenen. Und die Virtuosität der Musiker nutzt er vor allem, um sie noch wilder spielen zu lassen, noch schneller. Manchmal auch: noch zarter.

Das war atemberaubend bei Strauss (neben «Don Juan» gab es «Tod und Verklärung») und etwas allzu betont extrem in Beethovens Sinfonie Nr. 7; bei einem so berühmten Werk muss offenbar selbst ein Petrenko zeigen, dass er da ist. Das Erfreuliche daran: Er ist tatsächlich da, gibt alles und erhält von den Musikern dasselbe. Und er interessiert sich dabei durchaus nicht nur für die Hitparade: Das Programm mit Strauss und Beethoven war zwar denkbar unoriginell, aber beim gestrigen zweiten Konzert der Berliner setzte er neben Prokofjew auch Paul Dukas und den vergessenen österreichischen Spätestromantiker Franz Schmidt aufs Programm.

Lieblingstonart Es-Dur

Mit einer Nochspäterromantikerin hatte dieser Tag am Lucerne Festival ein paar Stunden zuvor begonnen. Alma Deutscher heisst sie, kommt aus England, ist 13 Jahre alt und derzeit das bekannteste Wunderkind im Klassik-Zirkus. Und, so konstatierte man in der ausverkauften Lukaskirche: wohl auch das vergnügteste.

Gleich vierfach stellte sie sich vor in diesem Konzert, als Geigerin, Pianistin, Komponistin und Conférencière, die auch eine Mikrofonpanne locker wegsteckt. Keck wirkt sie, selbstbewusst, auch mal altklug, aber kein bisschen ältlich. Dass die Gestrengen im Publikum ihre ganz im klassisch-romantischen Stil gehaltene Musik allzu retro finden, kümmert sie nicht: Sie schreibt halt das, was ihr gefällt. Also schöne, stilsicher harmonisierte Melodien. Früher sei ja Es-Dur ihre Lieblingstonart gewesen, sagt sie und lacht.

Das gefällt auch anderen. Simon Rattle und Anne-Sophie Mutter fördern die junge Musikerin, Zubin Mehta hat 2016 die Uraufführung ihrer Oper «Cinderella» dirigiert, und Wladimir Putin zeigte sich kürzlich ganz gerührt über die Klavier-Fantasie, die sie bei seinem Staatsbesuch in Wien gespielt hat. Man mag da durchaus an den kleinen Mozart denken, der den Herrschenden seiner Zeit vorgeführt wurde.

Die Engländerin Alma Deutscher ist 13 Jahre alt, sehr vergnügt und sehr begabt. Bild: Patrick Hürlimann

Alma Deutscher will allerdings kein neuer Mozart sein. Sie will auch keine Dissonanzen schreiben, nur weil das chic wäre. Und wenn man sie so erlebt in Luzern, muss man ihr recht geben. Warum soll sie nicht das Talent nutzen, das sie hat? Ihre Triosätze bringen die ungewöhnliche Besetzung mit Violine, Viola und Klavier klangvoll zur Geltung. Ihre «Cinderella»-Arien haben Charme (wer weiss, vielleicht komponiert sie ja irgendwann ein Musical). Und auch wenn sie sich beim Improvisieren am Klavier immer mal wieder mit floskelhaftem Füllmaterial aus einer Sackgasse befreien muss: Wie sie die vier ausgelosten Noten harmonisiert und immer wieder neu ins Spiel bringt – das ist eine reife Leistung.

Vorsicht, Absturzgefahr!

Man hat dann aber dennoch nichts dagegen, dass der Nachmittag anders klingt. Nach Karlheinz Stockhausen nämlich, also nach einem Komponisten, der ebenfalls ausschliesslich das tat, was er wollte. Auch in den Jahren 1973/1974: Da schrieb er «Inori», eine «Anbetung für zwei Solisten und grosses Orchester», die so aufwendig zu realisieren ist, dass sie nicht die geringste Chance hat, je im Konzertalltag anzukommen.

Schon seit Tagen probt die Lucerne Festival Academy dieses Werk nun, beobachtet und unterstützt von Stockhausens Lebensgefährtin Kathinka Pasveer. Am 2. September wird man die Schweizer Erstaufführung spielen – gleich zweimal, mit unterschiedlichen Dirigenten und Tänzern. Schliesslich geht es bei der Academy nicht nur ums Konzert, sondern auch um den Lernprozess.

Für die Tänzer beginnt dieser mit einem Zettel an der Wand: Sicherheitsvorkehrung. Ihre Aktionen finden auf einem rund zweieinhalb Meter hohen Podest statt, und mit ihrer Unterschrift bezeugen sie, dass sie über die Absturzgefahr informiert wurden, die Plattform nie mit ungeeigneten Schuhen betreten und oben keine hektischen Bewegungen machen werden.

Letzteres ist kein Problem, dafür hat Stockhausen mit seinen manisch minutiösen Vorschriften gesorgt: Arme gestreckt über den Kopf, Arme leicht angewinkelt über den Kopf, Finger der linken Hand gespreizt, Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aufeinander, Hände gegeneinander und so weiter: Es ist ein Ritual, das die Tänzer da vorführen, ein sehr seltsames, sehr kompliziertes. Wie sie sich alle diese Bewegungen merken können, ist dem Laien ein Rätsel.

Komponist Karlheinz Stockhausen gilt als Avantgardist, der macht, was er will. Das Lucerne Festival feiert das ausgiebig. Bild: Keystone.

Die Musikerinnen und Musiker haben es keineswegs leichter. In den ersten zwanzig Minuten der Probe tut der Dirigent und Komponist Peter Eötvös nichts anderes, als Takt für Takt zu erklären, wie er dirigieren wird, welche Einsätze zu erwarten sind und welche nicht, was seine Gesten bedeuten.

Eötvös weiss genau, was er will. Er hat lange mit Stockhausen zusammengearbeitet, und wenn er auch – der Konzentration wegen – neben den Proben keine Interviews geben will, so antwortet er doch schriftlich auf die Frage, was ihm davon in Erinnerung geblieben sei: ein Reissbrett zum Beispiel, das er in einem Kölner Papierwarengeschäft gekauft habe – weil er als erste Aufgabe die Partitur zu Stockhausens «Telemusik» zeichnen sollte.

Blubbern und tupfen

Man denkt daran, wenn man den Tänzern in der «Inori»-Probe zusieht, deren Gesten die Klänge tatsächlich zu zeichnen scheinen. Anders als in den Opern, denen es guttäte, wenn man sich von Stockhausens Choreografien und Kostümvorschriften auch einmal befreien könnte, hat die Präzision hier ihren Sinn.

Das gilt auch für die Musik. Aufs erste Hören wirkt sie zwar verblüffend einfach. Da sind Klangflächen, Klangwolken, Klanggesten; vieles scheint zufällig, das Ganze irgendwie doch stimmig, und man könnte durchaus auf die Idee kommen, dass diese Wirkung auch einfacher zu erreichen wäre: Ein bisschen blubbern, ein bisschen tupfen, und schon klingt es nach Stockhausen.

Aber dann wird wiederholt, getüftelt, nachgefragt; und es wird immer klarer, was diese Musik ausmacht: Es ist gerade ihre Masslosigkeit, dieser vollkommen unvernünftige, sich jeder ökonomischen Logik widersetzende Anspruch. Wer sich wirklich durchgekämpft hat durch diese Partitur, wer versucht hat, sie zu verstehen, wird danach mehr wissen über sich, sein Instrument, die Teamarbeit im Orchester.

Und hier wäre nun ein Lob an die Adresse des Lucerne Festival fällig, das dieser Aktion so viel Zeit und Ressourcen zugesteht. So grossartig es ist, wenn die Berliner ins KKL kommen: Wer sie unbedingt hören will, kann das auch in Berlin tun. Ein Werk wie «Inori» dagegen ist nur realisierbar, wenn man sich eine ganz andere Art von Luxus leistet – jenen, sich den Regeln einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft zu widersetzen. Schön, dass man das hier nach wie vor und immer mal wieder tut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 09:48 Uhr

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Ausführlicher als beim Lucerne Festival wird der 90. Geburtstag des Komponisten Karlheinz Stockhausen (1928–2007) wohl nirgendwo gefeiert. «Kosmos Stockhausen» heisst das Projekt, bei dem man an den kommenden zwei Wochenenden an insgesamt sieben Anlässen in sein Werk eintauchen kann. «Inori» wird erstmals in der Schweiz aufgeführt (dafür gleich zweimal). Der Pianist Pierre-Laurent Aimard, der eng mit Stockhausen zusammengearbeitet hat, spielt «Mantra» (mit Tamara Stefanovich) und die Klavierstücke X–XI. Und natürlich dürfen die «Gruppen» für drei Orchester nicht fehlen, für welche die Lucerne Festival Academy mit Sir Simon Rattles London Symphony Orchestra zusammenspannt. Termine und Informationen unter www.lucernefestival.ch/ stockhausen. (suk)

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