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«Man lernt packen in dem Job»

Die Sopranistin Regula Mühlemann und der Tenor Mauro Peter sind die derzeit erfolgreichsten Schweizer Opern-Exporte. Im Gespräch erzählen sie, wie sie dazu wurden.

«Es ist schön, wenn es leicht aussieht»: Mauro Peter und Regula Mühlemann. Fotos: Sabina Bobst
«Es ist schön, wenn es leicht aussieht»: Mauro Peter und Regula Mühlemann. Fotos: Sabina Bobst

Sie kommen beide aus Luzern, sind fast gleich alt. Wann haben Sie sich kennen gelernt?

Regula Mühlemann: Bei meinem Bachelor-Projekt an der Musikhochschule. Es ging um Humperdincks «Hänsel und Gretel», und mir fehlte die Hexe. Da habe ich Mauro Peter angefragt. Ich kannte ihn zwar nicht, aber er war so ein bisschen der Stern in unserem «Konkurrenzchor». Mauro Peter: Das war damals so in ­Luzern mit den vielen Chören. Die Ambitionierteren haben jeweils auch die Soli gesungen, da hörte man schon voneinander. Für die Hexe habe ich natürlich sofort zugesagt. Es war ein tolles ­Projekt: Die haben sich so richtig ins Zeug gelegt.Mühlemann: Für mich war es die erste szenische Erfahrung, vorher hatte ich nur Konzerte gesungen.Peter: Für mich auch. Meine Hexennase ist immer abgefallen, aber gerade das war lustig.Mühlemann: Wir haben halt alles selber gemacht, Kulissen, Kostüme, es war ein gewaltiger Krampf. Darum habe ich heute so viel Respekt vor den Leuten, die das alles machen, damit wir singen können.

Seither haben Sie unterschiedliche Wege eingeschlagen – als freie Sängerin respektive als Mitglied des Ensembles am Zürcher Opernhaus. Ein gezielter Entscheid?

Mühlemann: Bei mir schon. Ich hatte einen Residenzvertrag am Luzerner Theater, für drei oder vier Produktionen. Da habe ich gemerkt, dass ich so vielleicht auf Dinge verzichten müsste, die ich auch gerne machen würde. Dann kam der «Freischütz»-Film, der mir viele Türen geöffnet hat – Venedig, Baden­Baden, die Salzburger Festspiele. Es wäre blöd gewesen, für irgendein festes Engagement auf diese Chancen zu verzichten. Und das freie Leben passt mir: Wenn ich jetzt irgendwo zusage und dann etwas noch Besseres nicht machen kann, bin ich selbst verantwortlich dafür. Es gibt niemanden, der mir den Weg verbaut.

Regula Mühlemann in Donizettis «O luce di quest'anima» (2012). Video: Youtube

Mauro Peter, verbaut Ihnen das Zürcher Opernhaus den Weg?

Peter: Nein, sie lassen mich oft ziehen, das ist auch wichtig für mich. Ich konnte und kann viele Angebote aus dem Ausland annehmen. Im Opernhaus sagen sie: Das ist gut für ihn, es ist aber auch nicht schlecht für uns, nur schon vom Renommee her.Mühlemann: Ich staune schon, wie viel du machen kannst ausserhalb von Zürich. Da sind andere Opernhäuser viel strenger.Peter: Das geht auch nur, weil Zürich ein grosses Haus ist; da gibt es noch andere lyrische Tenöre, die man einsetzen kann. Aber ich weiss schon, dass ich privilegiert bin. Die harte Ensemble-Schule, von der man immer hört – fünf Jahre krüppeln, nach dem Tamino eine Minipartie singen: Das kenne ich nicht.

Das klingt jetzt alles so leicht: Man startet, und dann kommen ­ die Salzburger Festspiele. Ist es so einfach?

Peter: Nein. Aber es ist schön, wenn es leicht aussieht! Ich muss meine Kämpfe nicht mit der ganzen Welt teilen. Es ist ja klar, dass man auch durch Tiefs muss. Es ist auch wichtig, dass man diese Erfahrungen macht. Natürlich sieht es bei uns beiden gut aus, mit schönen Projekten, mit Sony als Plattenlabel im Rücken – da heisst es schnell einmal «Shootingstar». Aber ich habe den Eindruck, dass ich sehr ruhig und kontinuierlich arbeite.Mühlemann: Das kann ich unterschreiben. Es gab einen Moment vor zwei Jahren, da wollte ich Vollgas geben, hatte zehn Pferde vorgespannt, aber es ist nicht genau das passiert, was ich mir gewünscht hatte. Im Nachhinein bin ich froh darum.

Warum?

Mühlemann: Es braucht Zeit, bis man sich findet – mit der Stimme, mit den Rollen. Ich habe das Gefühl, ich weiss erst jetzt so richtig, was ich will. Auch von der Lebensgestaltung her: In den ersten zwei Jahren nach dem «Freischütz»-Film machte ich viel Oper, war elf Monate im Jahr unterwegs. Das wollte ich nicht mehr und habe dann die Fühler in Richtung Konzerte ausgestreckt. Jetzt habe ich zwei Jahre lang fast nur Konzerte gesungen . . . Ab nächster Saison kommen die Dinge nun in ein gewisses Gleichgewicht. Ein bisschen weg sein, ein bisschen hier.

Vorher im Lift haben Sie sich über die Qualität von Koffern unterhalten.

Peter: Ja, man lernt packen in dem Job!Mühlemann:Eigentlich hat man immer halb gepackt.

Es gibt momentan nicht viele Schweizer ­Sänger, denen das so ergeht. Oder täuscht der Eindruck?

Peter: Sagen wir es so: Die Aufmerksamkeit ist im Moment schon bei uns.Mühlemann:Es gibt schon ein paar andere. Aber nicht viele.

Woran liegt das?

Peter: Vielleicht hat es damit zu tun, dass an den hiesigen Hochschulen nicht so viel in Richtung Oper gemacht wird. Ich bin deswegen nach München ge­gangen fürs Studium, dort hatte man mit der Theaterakademie eine riesige Plattform. Und es ist halt schon so, dass man auf der Opernbühne eher einem breiteren Publikum bekannt wird, als wenn man nur Konzerte und Liederabende singt.Mühlemann: Ich glaube, es spielt keine Rolle, an welcher Hochschule man studiert. Entscheidend ist der Gesangslehrer. Das Schauspielerische ist einem doch gegeben oder eben nicht; was es dann noch braucht an Handwerk, das lernt man schnell. Im Studium ist es viel wichtiger, dass man die Stimme aufbaut, sich musikalisch entwickelt.

Mauro Peter in Schuberts Das Wirtshaus. Video: Youtube

Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Mühlemann:Ich wollte immer alles, was ich mache, so gut wie möglich machen. Ich habe mich nie zufriedengegeben. Und ich habe daran geglaubt, dass ich es schaffen kann, wenn ich viel arbeite. Vielleicht ist das eher unschweizerisch . . .

Im Sinn von unschweizerischem Selbstbewusstsein?

Peter: Bei mir trifft das sicher zu. Ich bin wirklich nicht bescheiden und zurückhaltend, das sage ich, ganz ohne zu kokettieren: Ich weiss, was ich kann – natürlich auch, was ich noch lernen muss. Das habe ich vorhin gemeint, als ich sagte, dass die Opernbühne wichtig war für mich: Dort lernt man, offensiv zu sein. Es weht da schon ein etwas eisigerer Wind.Mühlemann: Ich sass jeweils stundenlang vor Youtube, habe mir Aufnahmen angehört und verglichen. Und ich hatte immer etwas in mir, das gewusst hat: Ich kann das auch. Nicht immer, aber manchmal kann ich mithalten mit denen. Diese Urkraft braucht es. Und den unbedingten Willen.

«Ich sass stundenlang vor Youtube, habe mir Aufnahmen angehört und verglichen. Und ich hatte immer etwas in mir, das gewusst hat: Ich kann das auch.»

Regula Mühlemann

Sie sind beide nicht in Nischen gross geworden, sondern haben sich gleich aufs Kernrepertoire gestürzt.

Peter:Nur weil alle Grossen Schubert und Schumann gesungen haben, ist das für mich kein Grund, es nicht zu tun. Ich habe nichts gegen unbekannte Haydn-Lieder, aber mich interessieren nun mal Schubert und Schumann.Mühlemann: Bevor ich das Mozart-­Album herausbrachte, habe ich oft gehört, das sei das Dümmste, was ich hätte machen können. Aber warum denn? Ich war überzeugt, dass ich etwas zu bieten habe, was die Aufnahme rechtfertigt.

Regula Mühlemann als Papagena (November 2013). Video: Youtube

Dann haben Sie kein Verständnis für jene, die sagen, man müsse erst reifen, bevor man die Meisterwerke anpacke?

Mühlemann: Von den Meistern lernt man doch am meisten, nicht?Peter: Und der Wein wird auch nicht gut, wenn man die Trauben an der Rebe hängen lässt. Natürlich habe ich die «Winterreise» sehr früh gemacht, und es ist klar, dass die erste nicht die beste ist. Aber wenn man nie anfängt, entwickelt sich auch nichts.Mühlemann:Wenn ich den «Freischütz»-Film sehe: Klar, würde ich heute vieles anders machen. Aber ich finde immer noch gut, was ich damals gemacht habe. Wenn man alles gibt, was in einem bestimmten Moment möglich ist, kann man auch später noch dazu stehen.

Der Wein gärt im Fass, Ihre Entwicklung findet in der Öffentlichkeit statt. Ist das nicht schwierig?

Mühlemann: Man muss sich ja nicht mit Dingen exponieren, von denen man weiss, dass man sie nicht bringen kann. Man kann da schon clever auswählen.Peter: Mir war von Anfang an klar, dass es Leute geben wird, die meine Art nicht mögen. Ich war also vorbereitet. Man braucht einen breiten Rücken in diesem Beruf. Nicht nur wegen der Kritiker und des Publikums, auch intern – etwa wenn es um die Rollenverteilung geht. Da gibt es wahnsinnig viel Politik.Mühlemann: Echt? Das kenne ich nicht. Konkurrenzsituationen habe ich in der Studienzeit erlebt – jetzt nicht mehr.Peter: Das ist nun vielleicht doch ein Unterschied zwischen freier Karriere und Festanstellung: Du wirst angefragt für bestimmte Partien. Ich melde vielleicht auch mal Interesse an, und dann heisst es: Nein, ist noch zu früh. Auch wenn ich das anders sehe.

Trailer zur Aufnahme von Schumanns «Dichterliebe» mit Mauro Peter. Video: Youtube

Hatten Sie je das Gefühl, in eine zu enge Schublade gesteckt zu werden? Stichwort «Mozart-Sänger»?

Mühlemann: Nach der Mozart-CD habe ich oft gehört, ich müsse aufpassen, dass ich jetzt nicht immer nur Mozart singe. Dann denke ich, aber hallo, meine Karriere ist gerade vier Jahre alt, ich habe noch lange nicht genug von Mozart!Peter: Mich stört es auch nicht, wenn man mich mit Mozart in Verbindung bringt oder mit dem deutschen Fach. Schade wäre nur, wenn anderes nicht mehr möglich wäre. Die einzige Beschränkung, die ich akzeptiere, ist die, die mir die Stimme vorgibt.Mühlemann: Wichtig ist, dass man sich selbst immer wieder herausfordert. Ich habe soeben eine Barock-CD aufgenommen, das kennt man bisher nicht so von mir. Und es gibt gerade in diesem Bereich viele Spezialisten, die einen sehr genau beobachten. Aber es ist grossartig, wenn man sich so ein neues Feld erschliessen kann.

Ein Grossteil Ihres Publikum gehört der Generation Ihrer Eltern- und Grosseltern an. Stört Sie das?

Mühlemann: Nein. Aber es freut mich, dass es sich langsam ändert.Peter:Es wird wirklich besser, in Graz oder Wien etwa hatte ich kürzlich ganz viele Junge im Saal.Mühlemann: Auch in Berlin oder in Frankreich.Peter: Lyon! Irgendwann wird sich das auch in der Schweiz ändern. Hier gibt es einfach immer noch diese Vorurteile gegenüber der wahnsinnig teuren Oper. Aber wenn man sich früh genug um Karten kümmert und nicht gerade einen Parkettplatz in der Premiere will, ist die Oper nicht teurer als das Kino.Mühlemann: Es ist auch ein bisschen unsere Aufgabe, unseren Altersgenossen zu vermitteln, was wir tun. Und ich finde, es klappt ganz gut. In manchen Städten ist es schon fast wieder hip, ins Konzert oder in die Oper zu gehen.Peter: Aber ein Hype soll es nicht ­werden – die sind immer schnell wieder vorbei.

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