«Meine Eile mag die Sau verzeihen»

Ludwig van Beethoven spricht: Kurz vor Beginn des Beethoven-Jahres 2020 äussert sich der Komponist über seine Gesundheit, seine Musik, seine Feinde – und den Brexit.

Kunst inspiriert Kunst: Beethovens berühmtestes Porträt in einer Version von Andy Warhol (1987). Foto: Warhol Foundation

Kunst inspiriert Kunst: Beethovens berühmtestes Porträt in einer Version von Andy Warhol (1987). Foto: Warhol Foundation

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Herr van Beethoven, wie geht es Ihnen?
Heute ist alles in verwirrung bey mir.

Warum denn?
Mit Katharr Schnupfen kam ich hieher, beydes arg für mich, da der Grundzustand noch immer katharalisch ohnhin ist, u. ich fürchte, dieser zerschneidet bald den Lebensfaden, oder was noch ärger, durchnaget ihn nach u. nach.

So schlimm?
Die Folgen meiner gehabten Gedärm Entzündung sind sehr hart für mich, indem ich mich so schwach befinde, dass ich kaum noch recht gehen u. noch viel weniger mich beschäftigen kann.

Was hilft Ihnen denn?
Ich brauche Bäder, trinke Mineralische wässer u. noch nebenbey Medezin.

Ludwig van Beethoven
Am 17. Dezember 1770 wurde Ludwig van Beethoven in Bonn getauft. Mit 22 Jahren zog er nach Wien, um dort sein Glück als Klaviervirtuose und Komponist zu suchen (und zu finden). Mit 28 bekam er erste Gehörprobleme, die bald so schwerwiegend wurden, dass er mit 32 das tief depressive «Heiligenstädter Testament» schrieb. Er verliebte sich mehrfach, führte Prozesse um Geld und die Vormundschaft für seinen Neffen Karl, trank mit Bleizucker gepanschten Weisswein, zog häufig um – und schrieb ein Meisterwerk ums andere. Mit 56 Jahren ist er gestorben, liegt nun nach zwei Exhumierungen auf dem Wiener Zentralfriedhof und wird zweifellos auch das anstehende Jubiläumsjahr überleben.

Das Gravierendste ist aber wohl, dass Sie allmählich Ihr Gehör verlieren ...
Die Sache meines Gehörs bitte ich dich als ein grosses Geheimniss aufzubewahren, und niemanden, wer er auch sey, anzuvertrauen.

In Ordnung. Reden wir also über Musik: Sie haben, wie wir hören, soeben Ihre dritte Sinfonie vollendet.
Die Simphonie ist eigentlich betitelt Ponaparte, ausser allen sonstigen gebraüchlichen Instrumenten sind noch besonders 3 Obligate Hörner Dabey – ich glaube, sie wird das Musikalische Publikum interessiren.

Das wird sie zweifellos – auch nachdem Sie die Widmung an Napoleon wieder zurückgenommen haben. Die Sinfonie ist ein Meisterwerk.
Aufschneiderei ist meinem Karakter fremd.

Aber Sie wissen schon, dass Ihre Werke besonders sind? Von Ihrer «Missa solemnis» etwa sind Sie ja schon sehr überzeugt.
So schwer es mir wird über mich selbst zu reden, so halte ich sie doch für mein gröstes werk.

Und sonst?
Gestern Abend erhielt ich meine Variationen, sie waren mir wahrhaftig ganz fremd geworden, und das freut mich, es ist mir ein Beweiss, dass meine Composition nicht ganz alltäglich ist.

Ärgern Sie sich darum so sehr über Kritik?
Wie niedrig erlaubt man sich so leicht über unss herzufallen.

Das möchten Sie unterbinden?
Ich wünschte eben nicht, dass man alles unterdrücken, was gegen mich, jedoch soll man sich nur überzeugen, dass Niemand mehr persönliche Feinde hier hat als ich.

Sinnen Sie auf Rache?
Nie habe ich mich auch an meinen grimmigsten Feinden gerächt.

Wie halten Sie denn die Kritik aus?
Was mich angeht, so bin ich zwar weit entfernt, mich einer solchen Vollkommenheit nahe zu halten, die keinen Tadel vertrüge, doch war das Geschrey ihres Rezensenten anfänglich gegen mich so erniedrigend, dass ich mich, indem ich mich mit andern anfieng zu vergleichen, auch kaum darüber aufhalten konnte, sondern ganz ruhig blieb, und dachte sie verstehen's nicht.

Aber Lob mögen Sie schon lieber?
Es ist ein eignes Gefühl, sich loben zu sehen, zu hören, und dann dabey so sehr seine eigne schwäche fühlen, wie ich; solche Gelegenheiten betrachte ich immer als Ermahnungen, dem unerreichbaren Ziele, das unss Kunst und Natur darbeut, näher zu kommen, so schwer es auch ist.

Beethoven in Grün und Gold: Die 700 Statuen des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl stehen bis zum 2. Juni 2020 auf dem Bonner Münsterplatz. Foto: Reuters

Korrigieren Sie deshalb gelegentlich Ihre Werke?
Man muss nicht so göttlich seyn wollen, etwas hier oder da in seinen Schöpfungen zu verbessern.

Bei anderen sind Sie weniger nachsichtig; Ihre Verleger haben nichts zu lachen, wenn sie Fehler machen.
Fehler – Fehler – sie sind selbst ein einziger Fehler – da muss ich meinen Kopisten hinschicken, dort muss ich selbst hin, wenn ich will, dass meine Werke – nicht als Blosse Fehler erscheinen.

Inzwischen gibt es wirklich gute Ausgaben Ihrer Werke, Sie können ganz beruhigt sein. Apropos: Was wissen Sie von unserer Gegenwart?
Ich stehe selbst in Verbindung mit England, & weiss mit welchen Schwierigkeiten, vorzüglich seit der neuern allgemeinen Sperrung alles Verkehrs, die Ein- und Ausbringung von Musikalien verbunden ist, & wieviel Zeit sie kostet.

Die Turbulenzen um den Brexit haben Sie also mitbekommen. Haben Sie auch einen Rat für die Klimafrage?
Eile – Eile – Eile nicht mit weil.

Das Beethoven-Jahr 2020
Eigentlich ist jedes Jahr Beethoven-Jahr. Kein Komponist wird häufiger gespielt als er, und anders als Bach oder Mahler geriet er nie in Vergessenheit, musste also auch nie neu entdeckt werden. Was also kann ein Jubiläumsjahr noch bringen? Viel Kommerz, zweifellos. Bereits wurde eine 123-CD-Box auf den Markt gewuchtet, Musikreisen werden angeboten, Deutschland veranstaltet unter dem Titel «BTHVN2020» über 1000 Anlässe, Beethovens Wahlheimat Wien kontert ähnlich opulent. Aber es gibt doch da und dort Ankündigungen, die aufhorchen lassen: Igor Levit wird (unter anderem in Luzern) sein Klaviersonaten-Projekt beenden, das in den Konzerten noch aufregender klingt als auf CD. Was der Dirigent Teodor Currentzis (ebenfalls unter anderem in Luzern) mit den Sinfonien anstellen wird, dürfte breit interessieren. Die Zürcher können sich freuen auf sinfonische Nostalgie mit David Zinman und «Fidelio»-Aufbruch mit Paavo Järvi. Und dann ist da noch jene «Uraufführung» einer 10. Sinfonie in Bonn, die mit künstlicher Intelligenz aus ein paar Skizzen erstellt wurde – und zumindest Gelegenheit bieten wird, über die Essenz von Kunst und Kreativität nachzudenken.

Sie sind also Pessimist?
Ich erwarte nichts stetes mehr in diesem Zeitalter, nur in dem Blinden Zufall hat man Gewissheit.

Wie können wir Sie denn aufmuntern?
Ich emphele ihnen mein werther Freund den ersten Weinkünstler Europens Hr. Neberich, selbst in der Ästhetischen Anorndnung des aufeinander folgens der verschiedenen Weinprodukte ist derselbe Meister, u. verdient allen Beyfall.

Ja, dass Sie neben «mineralischen Wässern» gelegentlich gern auch ein Glas Wein trinken, haben wir gehört …
Ich muss gestehen, dass auch mir der Champagner gestern gar sehr zu Kopf gestiegen, und ich abermals die Erfahrung machen musste, dass d.g. meine Wirkungskräfte eher Unterdrüken als befördern, denn so leicht ich sonst doch auf der Stelle zu antworten im Stande bin, so weiss ich doch gar nicht mehr, was ich gestern geschrieben habe.

Dann wenden wir uns doch Erfreulicherem zu: Sie sind zum Mitglied der Gesellschaft schöner Künste und Wissenschaften ernannt worden.
Haha, das macht mich lachen.

Na ja, das kann man verstehen. Zweiter Versuch: Sie freuen sich sicher auf Ihre neue Wohnung, nur die Wände müssen noch gestrichen werden.
Für die Augen würde Hell Grün am besten seyn, wird aber wohl viel kosten, obschon ohne alle Ziehrahten.

Ja, das Geld ist ebenfalls eines Ihrer grossen Themen.
Übrigens hat die Theurung hier noch mehr zugenommen, und es ist schrekbar was man nur hier braucht.

Dürfen wir Sie denn zum Nachtessen einladen?
Wie leid thut es mir nicht ihrer Einladung folge leisten zu können, allein ich habe eben etwas sehr dringendes zu schreiben, denn leider ist dieses das einzige, was mir übrig bleibt troz allen Aufopferungen, die ich gemacht, wenn ich nicht vor Hunger umkommen will.

Das heisst, Sie möchten dieses Gespräch allmählich beenden?
Meine schönsten Jahre werden dahin fliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kraft geheissen hätten.

Sie sind bereits an der Tür ...
Meine Eile mag die Sau verzeihen.

Ist schon in Ordnung. Wir haben auch noch zu tun – im Hinblick auf Ihr Jubiläumsjahr gibt es viele Konzerte mit Ihren Werken zu besprechen.
Recensirt so lange ihr wollt, ich wünsche euch viel vergnügen, wenns einem auch ein wenig wie ein Mückenstich pakt, so ist's ja gleich vorbey und ist der stich vorbey, dann machts einem einen ganz hübschen spass re – re – re – re – re cen – cen – si – si – si – si – sirt sirt – sirt – Nicht bis in alle Ewigkeit, das könnt ihr nicht.

Beethovens Antworten stammen aus seinen Briefen, die alle digital erfasst sind. Die originale Orthografie wurde beibehalten.

Erstellt: 16.12.2019, 11:58 Uhr

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