Michael Elsener versuchts mit Klassik

Der Auftritt des Comedians in der Tonhalle Maag war kürzer als seine TV-Show. Aber kaum lustiger.

Ob Schostakowitsch heute wohl eine Ode auf Putins nackten Oberkörper komponieren würde? Das fragt sich Michael Elsener in der Tonhalle Maag.

Ob Schostakowitsch heute wohl eine Ode auf Putins nackten Oberkörper komponieren würde? Das fragt sich Michael Elsener in der Tonhalle Maag. Bild: Tonhalle Gesellschaft Zürich

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Zum Glück war da die Sabina. Sie sass in der ersten Reihe in der Tonhalle Maag und lachte so sehr, dass Michael Elsener sie nach dem Grund fragte. Sie finde ihn halt lustig, war die Antwort – und für zwei, drei Minuten wurde die Show dann tatsächlich lustig. Nämlich: spontan und schlagfertig. Christa Markwalder sei da ja ganz anderer Meinung als die Sabina, sagte Elsener, in Anspielung auf den nicht ganz unumstrittenen Start seiner SRF1-Show «Late Update» am vergangenen Sonntag. Und lieferte dann eine Improvisation über die leeren und besetzten Plätze im Saal, bei der er tatsächlich aufs Publikum reagierte.

Ansonsten wirkte er in diesem TOZ-Intermezzo, das Comedy mit Musik verbinden soll, ähnlich wie im Fernsehen: zu langsam, zu unflexibel, zu unsicher im Tonfall. Die Beschreibung von Magdalena Martullo-Blocher als «brünstige Henne mit ADHS» war weder witzig noch böse, sondern einfach nur grob. Die Spitze gegen ihr Kult-Video zu den «Seven thinking steps» liess die analog ausgerichtete Hälfte des bunt gemischten Publikums ratlos. Und zur Musik hatte Elsener – im Gegensatz zu Hazel Brugger oder Lara Stoll, seinen Vorgängerinnen in diesem Format – fast gar nichts zu sagen. Die Pointe, dass Dmitri Schostakowitsch heute wohl eine Ode auf Putins nackten Oberkörper komponieren würde, brachte jedenfalls niemandem zum Lachen.

Dann gabs noch ein paar Parodien: Sven Epiney und Christa Rigozzi, Peach Weber und Vujo Gavric. Da ist Elsener wirklich gut, nur hat er es schon zu oft gezeigt. Und so geschah, was Hochkultur-Pessimisten für unmöglich halten würden: Nicht die Comedy zündete an diesem Abend, sondern die Klassik.

Die schönste Zugabe

Denn Kian Soltani, 27 Jahre jung, Österreicher iranischer Abstammung und ein Steilstarter als Cellist, zeigte in Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 alles, was Elsener fehlte: ein sicheres Timing, eine unerschöpfliche Palette von Klangfarben, künstlerische und politische Dringlichkeit.

Kian Soltani spielt Reza Valis «Folk Song From Khorasan»

Wie sich Soltani aus einem fast geduckten Tonfall freisang; wie er es brodeln liess unter den unerbittlichen Einwürfen des Tonhalle-Hornisten Ivo Gass; wie er auf seinem Cello im Einklang mit dem Dirigenten Manfred Honeck von Sehnsüchten und Melancholie, von Gewalt und Widerstand erzählte: Das brachte das zuvor ziemlich reservierte Publikum zum Jubeln.

Als Zückerchen präsentierte Soltani zusammen mit der Cellogruppe des Tonhalle-Orchesters dann noch eine eigene Bearbeitung von Schostakowitschs «Gadfly»-Filmmusik. Und wir behaupten jetzt mal: Eine schönere Zugabe wird es in dieser Konzertsaison nicht mehr geben.

Erstellt: 25.01.2019, 13:24 Uhr

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