Musikalischer Protest

Die neuen Regeln zur Vergabe von Bundesgeldern bringen den Schweizerischen Tonkünstlerverein in Bedrängnis.

Bundesrat Alain Berset mit seiner BAK-Chefin Isabelle Chassot.

Bundesrat Alain Berset mit seiner BAK-Chefin Isabelle Chassot.

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Am lautesten haben die Schweizer Theaterschaffenden über die Umsetzung der Kulturbotschaft 2016–2020 durch das Bundesamt für Kultur (BAK) protestiert. Aber auch die Musikerverbände, die künftig ohne Bundesgelder auskommen sollen, schlagen klare Töne an. So werden in den nächsten Tagen Vertreterinnen und Vertreter des Schweizerischen Tonkünstler­vereins (STV) um einen Termin beim BAK ersuchen. Das Ziel: Erklären, was infolge der neuen Verordnungen alles verloren geht. Nämlich der Inhalt, um den sich der Verein kümmert; die Musik selbst und die Möglichkeit, sie aufzu­führen, zu diskutieren, zu vermitteln.

Anders als bei den Theaterverbänden ist es im Bereich der Musik nicht die Forderung nach einer gesamtschweizerischer Ausrichtung, die Schwierigkeiten bereitet. Musik ist keine sprachgebundene Kunst, also haben sich die Musikschaffenden – ganz im Sinne des BAK – schon immer nicht nach Sprachregionen, sondern nach Sparten organisiert. Problematisch ist dagegen eine unscheinbare, aber folgenschwere Formulierung in der Liste der Kriterien, die neu über die Unterstützungswürdigkeit entscheidet: Gefordert wird «Information der Mitglieder über deren berufliche Rahmenbedingungen», sowie «persönliche und regelmässige Beratung der Mitglieder». Oder anders formuliert: Gewerkschaftliche Arbeit.

«Klaffende Lücke»

Das bringt nun allerdings einen Verein wie den aufs klassische zeitgenössische Musikschaffen ausgerichteten STV in die Bredouille; denn er kümmert sich nicht nur um die Beratung der Mitglieder, sondern darum, dass ihre Werke aufgeführt und reflektiert werden. Dafür organisiert man das jährliche Tonkünstlerfest, gibt die aufwendige Fachzeitschrift «dissonance» heraus, verwaltet ein umfang­reiches Archiv. Seit 117 Jahren schon, und seit 1903 mit finanzieller Unter­stützung des Bundes. 2017 ist diese Unterstützung von 200 000 Franken jährlich auf knapp 54 000 Franken gekürzt worden – dies im Rahmen einer Vereinbarung für ein «Übergangsjahr», nach dem die Beiträge ganz wegfallen werden. Insgesamt acht Verbände scheiden auf diese Weise aus den Unterstützungsprogrammen des Bundes aus; im Bereich der Musik ist es neben dem Tonkünstlerverein auch der Verein Musikschaffende Schweiz.

In einer Sendung auf Radio SRF2 ­Kultur («Kontext» vom 9. April) hat BAK-Direktorin Isabelle Chassot dafür plädiert, dass die Musikerverbände Synergien ­suchen: bei den Zeitschriften, bei den Archiven. Käthi Gohl als Präsidentin des STV betont, dass man die Zusammenschlussbestrebungen im Prinzip unterstütze; aber auch, «dass mit dem Entzug der Mittel für Aktivitäten der Vernetzung, des Austauschs von Inhalten, der Möglichkeit von Werkschauen mit anschliessender Debatte und schriftlicher Berichterstattung zur zeitgenössischen Musik dieses Landes eine klaffende Lücke entstanden ist». Der Bund habe sich von der Aufgabe der Förderung der zeitgenössischen Musik verabschiedet – was den Forderungen der Kulturbotschaft diametral entspreche.

Nun hofft man auf Verhandlungen im Hinblick auf die nächste Kulturbotschaft, die in vier Jahren fällig wird. Und vielleicht wird man darauf hinweisen, dass das BAK beim Schweizer Musikpreis unter anderem jene Musik mit hohen Beträgen auszeichnet, für die sich der Schweizer Tonkünstlerverein engagiert. So wichtig die Beratung der Mitglieder sein mag: Damit sich ihre Musik entwickeln kann, muss sie vor allem ­gespielt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.06.2017, 17:11 Uhr

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