Nach der Musik kommt die Musik

Solistisch tritt die grosse Pianistin Maria João Pires nicht mehr auf. Stattdessen spielt sie nun mit Nachwuchspianisten – derzeit in Zürich.

Gibt ihr Wissen im Austausch weiter: Maria João Pires.

Gibt ihr Wissen im Austausch weiter: Maria João Pires. Bild: Harald Hoffmann

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Es ist nun ein paar Monate her, dass die portugiesisch-schweizerische Pianistin Maria João Pires ihre Weltkarriere als Solistin beendet hat. Ganz ohne Brimborium, wie es ihre Art ist. Und ja, sie sei schon sehr erleichtert, sagt die 74-Jährige beim frühmorgendlichen Treffen: «In den letzten zehn Jahren hatte ich zu viel Stress.» Die vielen Reisen wurden anstrengend, auch die Entwicklungen im Musikbetrieb machten ihr zunehmend zu schaffen – die Kommerzialisierung, das Karrieredenken. Sie habe sich da einfach nicht mehr zu Hause gefühlt, sagt sie. «Und ich war ja sowieso nie ein Bühnenmensch.»

Nur die musikalische Kommunikation auf der Bühne, mit dem Publikum, mit anderen Interpreten, «die war schon sehr schön». So schön, dass Pires zwar als Solistin, nicht aber als Pianistin in Pension gegangen ist. Ihr Partitura-Projekt, das sie 2012 gegründet hat, betreibt sie weiter, nun auch in Zürich. Wobei das Wort «Projekt» schon fast zu konkret klingt für das, was sie im Sinn hat: Es geht um eine Philosophie, nicht um ein Programm. Um eine offene Gruppe, die sich austauscht über die Musik und die Welt.

Derzeit trifft sich diese Gruppe auf Einladung der Orpheum-Stiftung in Zürich, im Hinblick auf ein Konzert, das heute Freitag stattfinden wird. In ein paar Monaten wird man die Arbeit dann in Pires’ Haus in Portugal fortsetzen.

«Gewinnen ist oft verlieren»

Nicht als Masterclass versteht Pires diese Treffen, sondern als Workshop; der Unterschied ist ihr wichtig. «In einer Masterclass soll einer alles wissen und die anderen nichts – aber so ist es ja gar nicht!» Im Workshop dagegen begegne man sich auf Augenhöhe, «da fliessen die Energien ganz anders». Sie sei zwar die Älteste und habe mehr Erfahrungen gesammelt als die anderen; aber die könne sie im Austausch weit besser vermitteln, als wenn sie als Lehrerin auftreten würde.

Wirklich konkret wird sie, wenn man sie nach Dingen fragt, gegen die sie sich wehrt mit ihrem Ansatz. Wettbewerbe etwa lehnt sie dezidiert ab. Das Leistungsdenken, der kompetitive Ansatz, diese «Diktatur» der Karriere – das widerspricht allem, was sie vertritt. Schon das Wort «gewinnen» möge sie nicht, sagt sie: «Gewinnen ist oft verlieren. Und verlieren ist gewinnen, wenn man es versteht.»

Was sie damit meint, hat man in ihren Konzerten oft gehört. Pires hat nie mit virtuosen Kunststückchen Furore gemacht, auch nicht mit radikalen Interpretationen und erst recht nicht mit Selbstdarstellungen. Sie wollte nie originell sein, sondern eintauchen in ein Werk, in einen musikalischen Moment. Was das heisst, hat man am deutlichsten vielleicht in jenem berühmt gewordenen Video aus einer öffentlichen Amsterdamer Probe mitbekommen, als sie sich auf das falsche Mozart-Konzert vorbereitet hatte und fast verzweifelte während des Orchestervorspiels – aber dann einsetzte und spielte, als sei nichts passiert.

Beim Zürcher Konzert stehen nun Bach und Chopin auf einem Programm, das in Texten zwischen den Stücken auch eine Geschichte erzählt. Der Franzose Frédéric Sounac hat sie geschrieben, und es geht darin – um einen Wettbewerb. Oder um eine Art Wettbewerb. Jedenfalls um einen Albtraum, in dem der Träumer einmal ruft, er sei ja gar nicht angemeldet und die Antwort erhält: «Hier ist jeder angemeldet.»

Das ist es, was Maria João Pires umtreibt: dass heute klar zu sein scheint, wie ein Musikerleben im Idealfall zu verlaufen habe. «Aber wer sagt denn, dass junge Musiker unbedingt eine Sololaufbahn anstreben wollen?», fragt sie. «Vielleicht ist jemand ein guter Pianist – und merkt nach ein paar Jahren, dass er mit Kindern arbeiten will. Oder Musik auf einer ganz anderen Ebene betreiben möchte. Oder überhaupt ganz andere Pläne entdeckt.»

Musikalische Grossfamilie

Aber hat das Karrieredenken, so fragt man sie, nicht auch damit zu tun, dass junge Musiker nun einmal von irgendetwas leben müssen? «Falsche Frage!» – das kommt schnell und dezidiert. Natürlich müsse jeder leben können – «und zwar anständig leben können». Aber zunächst einmal gehe es darum, herauszufinden, was man wirklich sucht. Warum man Musik macht. Wer man ist.

Manche der Pianisten, die bei Partitura mitmachen, sind durchaus schon wer: Teo Gheorghiu etwa, der einst als Wunderkind in Fredi Murers Film «Vitus» Furore machte, sich dann aber bewusst und durchaus erfolgreich von seiner Film-Figur abgesetzt hat. Bemerkenswert leise auch: Genau wie Pires ist auch Gheorghiu selbst im Fortissimo ein Interpret, der die Werke nicht übertönt.

Und vielleicht geht es ja bei diesem Partitura-Projekt genau darum: dass man Gleichgesinnte findet, eine musikalische Grossfamilie in einer Welt, in der die meisten als Einzelkämpfer unterwegs sind. Maria João Pires jedenfalls nickt, als Musikerin wie als sechsfache Mutter: Grossfamilie, das passt.

Orpheum-Konzert mit Maria João Pires, Teo Gheorghiu u.a.: morgen Freitag, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2018, 17:02 Uhr

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