Nahe sind sich nur die Schatten

György Kurtág, der Meister der musikalischen Miniatur, hat mit 92 Jahren seine erste Oper herausgebracht: «Fin de partie» nach Samuel Beckett wurde an der Mailänder Scala uraufgeführt.

György Kurtág bleibt in seiner ersten Oper «Fin de partie» nahe an der Atmosphäre der Vorlage. Foto: Ruth Walz

György Kurtág bleibt in seiner ersten Oper «Fin de partie» nahe an der Atmosphäre der Vorlage. Foto: Ruth Walz

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Wie singt man ein Gähnen? In den ersten Minuten von György Kurtágs Beckett-Oper «Fin de partie» hört man gleich einen ganzen Katalog von Antworten auf die Frage: Hamm, der Protagonist dieses «Endspiels», bleibt hängen an einem «a». Singt ein vages Glissando abwärts. Aufwärts. Lässt seine Stimme versacken. Reisst sich dann wieder zusammen, um erneut zu stocken.

Man kann sich vorstellen, wie detailliert der ungarische Komponist die Szene mit dem Darsteller des Hamm, dem Bassbariton Frode Olsen, geprobt hat. Kurtág ist berühmt-berüchtigt für die Hartnäckigkeit, mit der er den Sängern exakt jenen Klang entlockt, den er im Kopf hat. Er kann dann durchaus halbstundenlang an drei Tönen feilen. Auch, weil seine Werke in der Regel wenige Töne haben.

Hier nun, in seiner ersten Oper, ist manches anders. Rund zwei Stunden dauert sie, ein Rekord für Kurtág, mit dem niemand gerechnet hätte. Schon die Ankündigung des Werks hatte breite Verblüffung ausgelöst. Und noch grösser ist das Staunen darüber, dass es nun tatsächlich seine Uraufführung erlebt hat.

Hommage an Márta Kurtág

Es hat lange gedauert. Kurtág hat sich mit Becketts «Endspiel» beschäftigt, seit er 1957 in Paris eine Aufführung des damals brandneuen Stücks gesehen hat. 2010, bei einem Treffen in Zürich, erzählte er, er habe «vieles schon fast fertig skizziert». Es folgten, wie oft bei Kurtág, Verzögerungen, Blockaden. Zusammen mit dem Intendanten Alexander Pereira, der die Oper in Auftrag gegeben hatte, zog das Projekt von Zürich über die Salzburger Festspiele an die Mailänder Scala.

Und nun gähnt also dieser Hamm, streckt sich in seinem Rollstuhl, rückt die Blindenbrille zurecht und wartet weiter. Auf das Ende, das nicht kommt, oder vielleicht doch. Auf Clov, der auch nicht weiss, wohin mit sich. Und darauf, dass die Alten in ihren Mülltonnen endlich Ruhe geben.

Als Zuhörerin möchte man Hamm allerdings widersprechen. Am schönsten ist das Stück, wenn die Alten – also Hamms Eltern Nagg und Nell – eben keine Ruhe geben, sondern das singen, was man durchaus einen Dialog nennen könnte. Wie Heiligenscheine sind über ihren Köpfen die Deckel der Mülltonnen aufgeklappt, in denen sie stecken, seit sie bei einem Unfall die Beine verloren haben; und wenn sie vergeblich versuchen, sich zu küssen, ist man gerührt.

Ein verwirrendes, überraschendes, packendes Stück Musiktheater.

Das liegt an Beckett, der selbst in der bittersten Groteske Menschen zeigt; am Tenor Leonardo Cortellazzi und der Mezzosopranistin Hilary Summers, die die beiden Figuren mit Humor und Hingabe darstellen. Und vor allem an Kurtág, der ihre Worte zum Leuchten bringt. Wenn Nagg seiner Frau ein Biskuit geben möchte (das sie nicht will), werden im Orchestergraben ein paar Töne gezupft – als wollte er ihr eine Serenade singen (was er dann natürlich doch nicht tut). Wer darin auch eine Hommage an Kurtágs Frau Márta hört, ohne die sein Werk nicht zu denken ist, liegt wohl nicht falsch.

Auch sonst ist die Musik voller Andeutungen: Ein Walzer beginnt, ein Tango klingt an, eine Melodie wie von Debussy weht vorbei. Aber es bleibt bei den Andeutungen: Kurtág ist wohl der einzige Komponist, der Becketts Stück in Musik übertragen konnte, ohne es zu überladen.

Zwar setzt er ein grosses Orchester ein; aber meist spielen nur einzelne Instrumente. Wo er von Beckett vorgeschriebene Pausen auskomponiert hat, wirken sie nicht gefüllt, sondern höchstens gefärbt. Jedes Wort bleibt verständlich. Und wenn der Dirigent Markus Stenz den Klang mal aufschäumen lässt, reduziert er ihn gleich wieder auf Tupfer, Akzente, kleine Schlenker. Stille.

Kurtág bleibt damit nahe an der Atmosphäre der Vorlage. Gegenüber dem Text dagegen hat er sich Freiheiten erlaubt. Vor allem hat er gekürzt: Rund die Hälfte von Becketts Stück fehlt, und einiges fehlt tatsächlich. Zum Beispiel Hamms schönster Satz: «Sollen wir uns mal totlachen?» Oder die Geschichte mit dem Beruhigungsmittel: Immer wieder fragt Hamm, ob es nicht Zeit wäre für das Medikament. Nein, antwortet Clov jedes Mal. Bis er endlich Ja sagt – um anzufügen, dass aber kein Beruhigungsmittel mehr da sei. In Kurtágs Oper gibt es nun nur noch den letzten Wortwechsel. Der Witz ist weg, es bleibt die Leere.

Das ist zweifellos beabsichtigt. Kurtág strich vor allem Dialoge und setzt ganz auf die grossen Monologe. Die Figuren wirken noch einsamer dadurch. Während Clov und Hamm bei Beckett ständig gegeneinander sticheln, reden sie hier kaum miteinander. Ihr kompliziertes Verhältnis ist gar keines mehr.

Oder es wäre keines mehr ohne das Bild, das Regisseur Pierre Audi an den Schluss stellt: Hamm sitzt in seinem Rollstuhl an einer Seite der Bühne; Clov (Leigh Melrose) wartet auf der anderen. Zwischen ihnen steht das Haus, über dem sich ein zweites und drittes Dach öffnet, weil es hier eben nichts anderes gibt als dieses Haus. Aber an der Hausecke sind sich ihre Schatten ganz nahe: ein schönes Bild dafür, dass die beiden weder mit- noch ohne einander können.

Man zögert sich voran

Ansonsten zeigt Audi vor allem, was in Becketts Regieanweisungen steht: das Taschentuch auf Hamms Gesicht, die Mülltonnen, die Leiter. Wie Kurtág lässt er dem Stück den Leerraum, den es braucht, um sich voranzuzögern.

Problematisch sind dagegen die ganz leeren Momente, die es (noch) gibt in dieser «Versione non definitiva» der Oper. Kurtág wird weiter arbeiten daran und hoffentlich die Anweisung «noir absolu» streichen, mit der er den Einakter in fünf Bilder zerteilt. Audi lässt dann jeweils einen Vorhang fallen – und das Publikum versteht das als Aufforderung zur Unruhe, tuschelt, schaut aufs Smartphone. Etliche verlassen den Saal, man ist sich an der Scala nun mal andere Musik gewöhnt. Geht der Vorhang wieder hoch, muss man erst wieder ankommen in Hamms Welt.

Man ist aber meist schnell wieder drin. Und wenn man im letzten, grandios ausfransenden Monolog nicken möchte zu Hamms «ça suffit», hat das seinen Sinn: Es reicht zwar, aber es ist längst nicht fertig – darum geht es in diesem «Endspiel».

Irgendwann ist aber doch Schluss, und man applaudiert: Einer Crew, die es geschafft hat, das Schwierige selbstverständlich werden zu lassen. Und einem Werk, das genauso still und konzentriert wirkt wie Kurtágs Miniaturen – aber weit mehr ist als eine Ansammlung davon: tatsächlich eine Oper; ein überraschendes, verwirrendes, packendes Stück Musiktheater. Ausser Hamm hat an diesem Abend wohl niemand gegähnt.

Bis 25. 11. Wiederaufnahme in Amsterdam: März 2019. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.11.2018, 19:38 Uhr

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