Paukenschlag in der Tonhalle

Der Vertrag von Lionel Bringuier als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters wird nicht verlängert.

Der Start war enthusiastisch, jetzt ist die Luft draussen: Lionel Bringuier am Tag der offenen Tür im September 2014.

Der Start war enthusiastisch, jetzt ist die Luft draussen: Lionel Bringuier am Tag der offenen Tür im September 2014. Bild: Keystone

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Schon seit längerem kursierten Spekulationen darüber, dass Lionel Bringuiers Vertrag nicht verlängert werden könnte. Tonhalle-Musiker schwiegen vielsagend, wenn man sie nach dem Verhältnis zum Chefdirigenten fragte, den sie einst einstimmig gewollt hatten. Und sie brauchten auch gar nichts zu sagen: Dass es nicht geigte zwischen ihnen und Bringuier, dass der Enthusiasmus auf beiden Seiten rasch verflogen war, fiel auch in den Konzerten auf.

Nun ist es offiziell: Bringuiers Vierjahresvertrag wird erfüllt, aber nicht verlängert – eine gemeinsame Entscheidung, wie es in der Medienmitteilung heisst. Im Sommer 2018 verlässt er das Tonhalle-Orchester. Der risikofreudige Versuch, nach der Ära Zinman mit einem ganz jungen Nachfolger neu zu starten, ist gescheitert.

Keine Entwicklung

Nicht, dass alles schlecht gewesen wäre in den vergangenen zwei Jahren. Es gab begeisternde Konzerte unter Bringuier; wo immer grosse Besetzungen in komplexen Abläufen zu organisieren sind, lief der mittlerweile 29-jährige Franzose zur Hochform auf. Aber wo die Werke Raum lassen, wo der Dirigent als interpretierende, inspirierende Persönlichkeit gefragt wäre: Da waren seine Ansätze enttäuschend.

Und sie blieben es – das war das Hauptproblem in diesen zwei Jahren. Es hat sich nichts entwickelt zwischen Bringuier und dem Orchester. Was von Anfang an gut war, blieb es; was nicht funktionierte, funktioniert inzwischen erst recht nicht mehr. Auch neben dem Podium hat Bringuier die Hoffnungen enttäuscht, die man in ihn gesetzt hatte: Er wolle präsent sein in der Stadt, auf die Leute zugehen, insbesondere auf die Jungen, hatte er versprochen; davon war viel zu wenig zu merken. Auch für die eminent wichtige Abstimmung über die Tonhalle-Sanierung hat er sich kaum interessiert. Dass er selbst seine Zukunft anderswo sah, dass ihm die eigene Karriere näher war als das Tonhalle-Orchester, konnte man schon da vermuten.

Neustart im Provisorium

Aber so wenig überraschend der Verzicht auf eine Vertragsverlängerung ist, so richtig er sein mag: Er bringt alle Beteiligten in die Bredouille. Für Bringuier bedeutet er einen Knick in der Laufbahn; niemand hat erwartet, dass er wie sein Vorgänger 19 Jahre bleibt, aber ein Abgang nach so kurzer Zeit ist kein gutes Zeichen – man wird es wohl auch anderswo zu deuten wissen.

Und das Tonhalle-Orchester muss nun einen Nachfolger finden, der bereit ist, im Provisorium in der Maag-Halle zu starten. Im Sommer 2018 wird das erste Jahr in der Ersatzhalle vorbei sein, zwei weitere stehen dann noch an, bevor man in den international renommierten Stammsaal zurückkehren kann. Noch existiert dieses Provisorium nicht, keiner weiss, wie es dort klingen wird, ob das Publikum mitzieht, was sich in dieser Zwischenzeit entwickeln kann. Ein Dirigent mit grossem Sicherheitsbedürfnis oder ausgeprägtem Sinn für Glamour dürfte da zurückschrecken.

Eine Lösung des Problems gibt es noch nicht. «Die Zukunft beginnt jetzt», sagt Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel – und damit die Suche. Wobei man davon ausgehen kann, dass es durchaus eine Liste von Kandidaten gibt, die man kontaktieren wird. Michael Sanderling könnte darauf stehen, der kürzlich ein eindrückliches Widmann-Bruckner-Programm dirigiert hat. Oder der Zürcher Philippe Jordan, Chefdirigent an der Pariser Oper und bei den Wiener Symphonikern, den (auch vonseiten des Opernhauses) immer wieder Lockrufe aus der Heimat erreicht haben.

Die Zeit drängt, Verträge werden in dieser Branche stets früh abgeschlossen. Für Bringuier und das Tonhalle-Orchester dagegen werden die kommenden zwei Jahre sehr lang sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.08.2016, 10:37 Uhr

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