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Proben heisst auch umschreiben

Der Zürcher Oboist und Komponist Matthias Arter gehört zu den vielseitigsten Schweizer Musikern. Nun bringt er ein Stück zur Uraufführung, in dem Helvetia und Europa aneinandergeraten.

Matthias Arter mit seinem Lupophon, einer Art Bass-Oboe. Foto: Doris Fanconi
Matthias Arter mit seinem Lupophon, einer Art Bass-Oboe. Foto: Doris Fanconi

Das auf einem Stuhl platzierte Toy-Piano wackelt (ein Hocker muss her). Die Gläser für die Glasharfe wackeln ebenfalls (Knet hilft). Und auch die Einsätze sind noch nicht ganz stabil – aber das macht nichts. Man ist ja hier zum Üben. Also wird wiederholt, gegrinst, nachgefragt. War das nicht . . .? Könnte man hier . . .?

Wir sind in einem Proberaum in ­Basel, auf den Notenständern steht «Am Rhein» des Zürcher Komponisten Matthias Arter, der gleichzeitig als Oboist (und Lupophonist und Glasharfenist und Sänger) mit von der Partie ist. Ebenfalls dabei sind die Pianistin Ingrid Karlen, der Cellist Tobias Moster, die Sängerin Anne-May Krüger – das Ensemble Aequator also, das Arter vor 26 Jahren mitbegründet hat. Die Vertrautheit unter den Musikern fällt denn auch als Erstes auf, wenn man ihnen zuhört; ebenso die Leichtigkeit, mit der «ambulant» etwas angepasst wird, weil es besser klingt.

Ein Komponist, der die Instrumente kennt

Nein, Matthias Arter ist kein dogmatischer Komponist – dafür ist der 53-jährige Zürcher viel zu sehr auch Interpret. Die beiden Rollen gehören zusammen für ihn (seine dritte als Lehrer an der Berner Hochschule der Künste gleich auch noch). Auch wenn er fremde Werke spiele oder unterrichte, tue er das stets als Komponist, hatte er auf der Zugfahrt zur Probe gesagt, «ich interessiere mich immer dafür, wie etwas geschrieben ist». Umgekehrt will er als Komponist die Instrumente kennen, die er einsetzt. Und zwar nicht nur theoretisch: Klavier hat er schon früh gespielt, auch Gesangsstunden hat er genommen (und Chöre geleitet); ein Cello hat er sich mal ausgeliehen für einen Monat, «danach ist man kein Virtuose, aber man kennt die Möglichkeiten».

Studiert hat Arter unter anderen bei Heinz Holliger, der ihm die Doppelfunktion Oboist/Komponist sozusagen vor­gemacht hat. Sie arbeiten immer noch öfter zusammen, demnächst bei einem Schubert-Projekt mit dem Kammer­orchester Basel, das Holliger dirigiert; aber Arter hat längst eigene Wege eingeschlagen. In Richtung Balkan und Kaukasus etwa, wo er mit seinem Ensemble pre-art kulturelle Kontakte pflegt. Oder in Richtung Kulturpolitik – sechs Jahre lang hat er als Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins gezeigt, dass man mehr erreicht, wenn man nicht jammert, sondern netzwerkt.

Das Epizentrum seiner Arbeit liegt zwar im Bereich der zeitgenössischen Musik (das Zürcher Collegium Novum ist ein weiteres Ensemble, in dem er als Mitglied regelmässig auftaucht). Aber im Gespräch landet man plötzlich bei historischen Brahms-Interpretationen; Arter hatte dazu mal ein Forschungsprojekt geplant, «vielleicht mache ich es ja tatsächlich einmal noch». Dafür hat er alte Aufnahmen aufgetrieben, sich im Archiv der Wiener Philharmoniker vergraben und Anmerkungen in Partituren verglichen.

Spiel mit der Vergangenheit

Überhaupt setzt sich Arter intensiv mit der Vergangenheit auseinander – und einmal mehr: nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, indem er sich die Werke in Bearbeitungen aneignet. Er färbt dann die Musik um oder platziert Störmanöver; manches bleibt nahe am Original, anderes versetzt er in die Gegenwart. Die Resultate klingen nach einer Mischung aus Respekt und Experimentierfreude, etwa die Bearbeitung von Beethovens «Diabelli-Variationen» für Bläserquintett, die kürzlich auf CD erschienen ist. Ein Pianistenkollege habe ihm ja gesagt, das Intime des Werks sei da verloren gegangen, erzählt Arter, «und er hat schon recht: Ich wollte halt einfach etwas anderes machen». Etwas Verspieltes, Klangsinnliches, Theatralisches.

Womit wir wieder im Basler Probe­lokal angelangt wären. Denn theatralisch geht es auch hier zu und her, die Sängerin hat in «Am Rhein» gleich zwei Rollen zu verkörpern: jene der Helvetia Kühn, die früher mal tatsächlich kühn war, jetzt aber gern ihre Ruhe haben möchte; und jene der Europa, die jünger ist, neugieriger, auch fragiler. Arter hat sich die Charaktere ausgedacht, Jolanda Fäh hat ihm dann das Libretto geschrieben, in dem sich die beiden begegnen.

Eine Art Mini-Oper

Entstanden ist eine Art Mini-Oper, die man durchaus inszenieren könnte. Aber Matthias Arter hat die Uraufführung bewusst konzertant und mit nur einer Sängerin geplant – weil er nicht «theäterle» mag, und weil sich so zeigen wird, ob sein Konzept funktioniert. Er habe versucht, die beiden Figuren musikalisch klar zu charakterisieren, sagt er; Helvetia Kühn singt (sie mags nun mal traditionell), Europa rappt. Allerdings beeinflussen sie sich gegenseitig im Lauf des Stücks: «Das war gar nicht einfach, das so zu machen, dass man immer versteht, wer gerade dran ist.»

Der Cellist versteht derweil nicht, was er eben von Arters Oboe gehört hat: «Das steht doch anders in den Noten?» Ja, nickt Arter, aber die Noten seien irgendwie zu linear: «Ich mach da noch was.»

Uraufführung von «Am Rhein»: Do 9. 11., 19.30 Uhr, Toni-Areal, grosser Saal.

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