Prügel, positiv gesehen

Was mich nicht umbrachte, machte mich stark: Diese befremdliche These vertreten derzeit gleich mehrere einst misshandelte Musiker.

Die Regensburger «Erziehung» habe viele gebrochen, sagt der Dirigent Lothar Zagrosek; aber nicht ihn.

Die Regensburger «Erziehung» habe viele gebrochen, sagt der Dirigent Lothar Zagrosek; aber nicht ihn. Bild: Christian Nielinger

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Es ist eine üble Geschichte, die der Rechtsanwalt Ulrich Weber kürzlich präsentiert hat: Er war beauftragt worden, die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Internat der Regensburger Domspatzen zu klären. 231 Fälle aus der Zeit zwischen 1953 und 1992 sind dabei konkret erhärtet worden, die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Rohe Gewalt und sexueller Missbrauch gehörten offenbar zum Erziehungssystem an dieser Schule und im traditionsreichen Knabenchor, der zu ihr gehört.

Einer, der regelmässig verprügelt wurde, war der Dirigent Lothar Zagrosek, inzwischen 73 Jahre alt. Er hat sich nun ausführlich und kritisch zu den damaligen Geschehnissen am Internat geäussert: So hat er erzählt, wie sein kleiner Bruder einmal so geschlagen wurde, «dass man danach die Putzfrau rufen musste, um das Blut abzuwischen»; wie ein anderer Bub unter den ständigen Strafen immer stiller wurde und irgendwann nicht mehr aus den Bergen zurückkam; wie ein Dutzend Schüler von der Schule flogen, weil sie ohne die teuer bezahlte «Hilfe» des wegen sexuellen Missbrauchs verhafteten Internatsleiters nicht mehr zurechtkamen.

Rebellion gegen die Ungerechtigkeit

Viele habe diese «Erziehung» gebrochen, so Zagrosek – aber nicht ihn: «In mir hat sie Rebellion gegen jede ungerechte Behandlung und den unbedingten Willen, ein niemals und von niemandem bestimmtes Leben zu führen, ausgelöst. Heute bin ich Dirigent und habe niemanden ‹über› mir, der mich fremdbestimmen könnte, wenn ich es nicht möchte.»

Ganz ähnlich tönte es kürzlich bei der neuseeländischen Sopranistin Kiri Te Kanawa: Sie sei in der Schule ab dem Alter von 12 Jahren regelmässig von den Nonnen geschlagen worden, erzählte sie einer Gruppe von Schülern; deshalb sei sie so «tough» geworden, wie sie als Opernsängerin nun mal sein müsse.

Kann man Prügel positiv sehen? Im Stil von: Was mich nicht umbringt, macht mich stark? Entsteht wahre Kunst, wie es das Klischee will, nur aus dem Leiden? In diese Richtung scheint auch die Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo zu zielen, die kürzlich in einem Interview gesagt hat, die Erfahrung von sexuellem Missbrauch in der Kindheit habe ihr ein Wissen vermittelt über Zustände, zu denen andere vielleicht weniger Zugang hätten: Das könne sie als Schauspielerin nutzen.

Ausnahmen bestätigen nicht immer die Regel

Man kann nur hoffen, dass diese und viele ähnliche Aussagen nicht falsch verstanden werden. So nachvollziehbar es ist, wenn Betroffene ihre Erfahrungen irgendwie in ihre Biografie einpassen müssen und dabei versuchen, den schlimmen Erlebnissen wenigstens die eine oder andere positive Folge abzugewinnen – so verkehrt wäre es, daraus Umkehrschlüsse zu ziehen. Nicht jeder Künstler ist nur deshalb einer geworden, weil er genügend Unglück erlebt hat. Und nicht jeder, der geschlagen oder missbraucht wird, kommt gestärkt darüber hinweg.

Zagrosek, Kiri Te Kanawa und Sabine Timoteo sind Einzelfälle, Ausnahmetalente, Ausnahmecharaktere. Von den übrigen 230 misshandelten ehemaligen Regensburger Domspatzen hat man in der Musikwelt jedenfalls nie etwas gehört.

Erstellt: 22.01.2016, 15:36 Uhr

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