Rücktritt in E-Dur

Mit 90 Jahren gab der grosse niederländische Dirigent Bernard Haitink beim Lucerne Festival sein letztes Konzert.

Siebzig Minuten Bruckner können kurz sein - wenn Bernard Haitink die Wiener Philharmoniker dirigiert. Foto: Priska Ketterer

Siebzig Minuten Bruckner können kurz sein - wenn Bernard Haitink die Wiener Philharmoniker dirigiert. Foto: Priska Ketterer

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Die Partitur lag auf dem Pult, wie immer. Ohne sie zu dirigieren, sei ein Zeichen von Arroganz, hat Bernard Haitink einmal gesagt. Aber diesmal blieben die Noten zu, er brauchte sie wirklich nicht. Weil er Bruckners Sinfonie Nr. 7 kennt wie wohl kein anderer. Und vielleicht auch, weil er kein Papier haben wollte zwischen sich und der Musik bei diesem Konzert mit den Wiener Philharmonikern, das sein letztes war.

Zunächst war ja noch von einem Sabbatical die Rede gewesen. Aber dann hat Haitink im vergangenen Juni in einem Interview gesagt, dass er tatsächlich aufhören wolle. Vor ein paar Wochen, beim letzten Konzert in seiner Heimatstadt Amsterdam, hätten viele im Publikum geweint, erzählt ein holländischer Journalist. Seither hat Haitink ein letztes Mal in Salzburg dirigiert und ein letztes Mal in London, wo er einst Chef war, zuerst beim London Philharmonic, später an der Royal Opera. Und nun also der endgültige Abschied vom Podium beim Lucerne Festival.

Zufällig war dieser Moment wohl nicht gewählt. Haitink ist seit langem verbunden mit der Schweiz; schon 1964 hat er erstmals das Zürcher Tonhalle-Orchester dirigiert, bei dem er nach einigen Unterbrüchen in den letzten Jahren wieder regelmässig zu Gast war. Sein Debüt beim Lucerne Festival folgte 1966, später hat er lange in Kastanienbaum am Vierwaldstättersee gelebt. Das Konzert im KKL war damit ein Heimspiel.

Haitink dirigierte, als gestalte die Musik sich selbst.

Und es wurde ein würdiger Abschied. Oder nein, mehr noch: ein erstaunlicher. Haitink stieg als 90-Jähriger aufs Podium, das Gehen fällt ihm schwer inzwischen, ohne Stock fühlt er sich unsicher. Aber sobald er oben stand, spielte sein Alter keine Rolle mehr. Mit dem ersten Ton war alles wieder da: die Kraft, die Konzentration, die Präsenz. Und die besondere Fähigkeit, die Musik fliessen zu lassen.

Siebzig Minuten dauert Bruckners Siebte, das kann einem ewig vorkommen. Aber nicht bei Haitink: Da wirkte dieses Werk kürzer als Beethovens halb so langes viertes Klavierkonzert in der ersten Konzerthälfte, bei dem die Wiener Philharmoniker noch ziemlich erfolglos auf der Suche nach einem homogenen Klang gewesen waren. Bei Bruckner hatten sie ihn, als sei er eine Selbstverständlichkeit. Auch die Tempowechsel schienen einfach zu geschehen. Haitink dirigierte, als gestalte die Musik sich selbst: so organisch, so ungekünstelt. Da wirkte nichts gemacht, aber alles zutiefst empfunden.

Bernard Haitink dirigiert Bruckners Sinfonie Nr. 7: Die Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern entstand 1997 bei einem Konzert in Tokio.

Das war schon immer seine Spezialität gewesen: diese auffällig unauffällige Art der Gestaltung, die nie radikal sein wollte - dies aber auf höchstem technischen und musikalischen Niveau. Während Herbert von Karajan den Klang polierte, Pierre Boulez die Strukturen durchleuchtete und Nikolaus Harnoncourt im Namen der historisch informierten Aufführungspraxis das ganze Musikverständnis auf den Kopf stellte, schien sich Bernard Haitink zum Ziel gesetzt zu haben, in den Werken zu verschwinden. Gerade bei Bruckner gelang ihm das, auch bei Mahler. Wie genau, das blieb sein Geheimnis.

Vielleicht wusste er es nicht einmal selbst. Haitink hat nie zu jenen Dirigenten gehört, die alles analysieren und erklären. An den hitzigen Diskussionen über die verschiedenen Fassungen der Bruckner-Sinfonien hat er sich nie beteiligt. Auch nicht an jenen über die Verstrickung von Musik und Politik bei Schostakowitsch oder die Frage, wie viel Antisemitismus nun in Wagners Werken stecke. Er wollte musizieren, nicht mehr als das.

Keine falsche Feierlichkeit

Aber auch nicht weniger: Das war es, was nun auch dieses Abschiedskonzert noch einmal zu einem zutiefst eindrücklichen Erlebnis machte. Man hätte die Musik zeichnen können aufgrund der minimalen, immer noch ebenso präzisen wie dynamischen Bewegungen von Haitinks Händen. Aber man hätte dabei stets das Wesentliche verpasst: das Gewicht eines Klangs oder seine luftige Konsistenz. Die Spannung, die sich aufbaut, bevor die Blechbläser losstürmen. Die Räume, die sich öffnen, verengen, aufhellen. Oder die Zärtlichkeit, mit der die Geigen eine Linie streicheln.

Nach dem letzten E-Dur-Akkord war es ein paar Sekunden still. Lange genug für den Nachhall, kurz genug, um keine falsche Feierlichkeit aufkommen zu lassen: Selbst hier bewies Haitink noch einmal sein perfektes Gespür fürs Timing.

Die Ovationen nahm er dann sichtlich erschöpft entgegen. Aber dass er seine Partituren nun tatsächlich weglegen würde: Das konnte man sich in diesem Moment dennoch nicht wirklich vorstellen.

Die Aufzeichnung des Konzerts wird am 19. Dezember um 20 Uhr auf Radio SRF2 Kultur gesendet.

Am Arm seiner Frau Patricia verliess Bernard Haitink das Podium.



«Ich bin nicht sehr verbal»

Ein Interviewband mit Bernard Haitink gibt Einblick in seine 65-jährige Dirigentenkarriere.

«Mein Gott, was für ein Baby!» rief einst eine Konzertbesucherin, während der 27-jährige Bernard Haitink für sein Debüt mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra aufs Podium stieg. Mittlerweile ist Haitink 90 Jahre alt - und erinnert sich immer noch an die Episode.

Nachlesen kann man sie im Gesprächsband, den der ehemalige NZZ-Musikredaktor Peter Hagmann und der langjährige Lucerne-Festival-Dramaturg Erich Singer herausgebracht haben. Zwei Essays - zu Haitinks Biografie und zu seiner künstlerischen Entwicklung - rahmen die Ausgabe, das Kernstück sind 113 Seiten Interview mit dem Dirigenten. Den Umfang muss man erwähnen, denn er ist beachtlich bei einem, der nie zu den grossen Rednern unter den Dirigenten gehört hat, und zu den Selbstdarstellern erst recht nicht. «Ich bin nicht sehr verbal,» sagt er einmal im Laufe der Gespräche.

Er spricht dann aber doch. Über seine Kindheit im besetzten Holland, über die Komponisten und Orchester, die ihm viel bedeuten. Und, bemerkenswert offen und uneitel, über die Höhepunkte und Krisen einer Karriere, die eigentlich viel zu früh begonnen hatte: Fünf Jahre nach seinem Amsterdamer Debüt wurde Haitink Chefdirigent am Concertgebouw, und die Skepsis, mit der ein Teil der Musiker und ein unfreundlicher amerikanischer Rezensent dem «Baby» zunächst begegneten, hat ihn nachhaltig verunsichert.

Angst vor den Wienern

Dass er danach 27 Jahre beim Concertgebouw bleiben würde, hätte Haitink damals kaum gedacht. Auch im Rückblick scheint er zu staunen über eine Karriere, die immer grösser wurde, je länger sie dauerte. Er sei ja eigentlich schüchtern: Das betont er immer wieder in diesen Gesprächen. Vor den Wiener Philharmonikern etwa, mit denen er nun seine letzten Konzerte bestritten hat, habe er oft Angst gehabt; «wenn ich dann aber vor ihnen stand, freute ich mich riesig».

Dirigieren, das hiess für Haitink nicht befehlen, sondern kommunizieren, motivieren; gegen das Wort «Macht», so sagt er, sei er schon immer allergisch gewesen. Dass er dennoch genau wusste, was er wollte, zeigt sich in diesem Band allerdings auch: Spätestens dann, wenn er den Verzicht aufs Vibrato in aller Freundlichkeit als «kriminell» bezeichnet.

Peter Hagmann, Erich Singer: Bernard Haitink - «Dirigieren ist ein Rätsel». Henschel, Berlin 2019. 240 S., ca. 40 Fr.

Erstellt: 07.09.2019, 14:52 Uhr

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