Schau mir in die Knöpfe, Kleines

Das Zürcher Opernhaus zeigt die Familienoper «Coraline». Die Aufführung ist anders als Henry Selicks Kultfilm – und begeistert das Publikum.

In der Parallelwelt hat die Mutter plötzlich Knöpfe statt Augen: Deanna Breiwick als Coraline, Irène Friedli als Mutter. Foto: Herwig Prammer

In der Parallelwelt hat die Mutter plötzlich Knöpfe statt Augen: Deanna Breiwick als Coraline, Irène Friedli als Mutter. Foto: Herwig Prammer

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Das wünscht sich wohl jedes Kind (und fast jeder Erwachsene): Dass es irgendwo eine Geheimtür gibt, die hinausführt aus dem Alltag. Die 11-jährige Coraline findet im diesjährigen Familienstück des Opernhauses nun tatsächlich eine solche Tür, gerät in eine Parallelwelt und kann ihr Glück nicht fassen. Hier haben die Eltern plötzlich Zeit für sie, niemand verwechselt ihren Namen mit «Caroline», es gibt Schoggiglace statt Gemüsesuppe, und sie kann haben, was sie will – einen Hund oder ein Pferd, ein Trampolin und eine Sony-Playstation.

Nur zwei Fragen stellen sich: Warum haben die Eltern hier Knöpfe statt Augen? Und warum klingt Mark-Anthony Turnages Musik immer noch gleich in dieser Welt, in der sonst alles bunter, praller, gleichzeitig aber auch bedrohlicher ist?

Spektakulärer Auftritt der laufenden Hand

Die Antwort auf die erste Frage kennen wohl die meisten im Publikum. Henry Selicks Animationsfilm «Coraline» ist ein Klassiker und so gut gemacht, dass sich nicht nur Kinder fürchten, wenn am Ende die abgetrennte Hand der «Andermutter» Coraline bis in die Normalwelt verfolgt.

Die grösste Leistung dieser für Kinder ab acht Jahren empfohlenen Opernhausproduktion ist denn auch diese: Dass sie Selicks Film nicht imitiert, sondern eigene Bilder für die Geschichte gefunden hat. Die junge Schweizer Regisseurin Nina Russi hat sie inszeniert und nutzt zusammen mit dem Ausstatter Stefan Rieckhoff schon vor dem spektakulären Auftritt der laufenden Hand alle Mittel, die das Theater bietet.

Die «andere Welt» ist weit bunter als die normale. Foto: Herwig Prammer

Da dreht sich ein Kamin, ein paar Wände verschieben sich – und schon verwandelt sich die graue Normalwelt in die dschungelartige Parallelwelt. Farne kriechen hier über die Tapeten, die Eltern haben neben den Knopfaugen glitzernde Kostüme, und die alten Nachbarinnen legen mit ihren Morgenmänteln auch ein paar Altersjahre und überschüssige Kilos ab.

Nur Coraline selbst bleibt gleich: neugierig, mutig, einsam. Es ist die Sehnsucht nach Wärme, die sie in diese andere Welt treibt – und später wieder zurück. Die echte Gestresstheit ihrer Alltagseltern ist ihr dann doch lieber als die falsche Liebenswürdigkeit der anderen. Und Knöpfe statt Augen will sie nun wirklich nicht.

Warum hat der Komponist die beiden Welten nicht schärfer charakterisiert?

Deanna Breiwick gibt diese Coraline, und man nimmt ihr die Elfjährige ab: Weil ihre Stimme nicht nur opernhaft klingt, sondern auch unmittelbar trotzig oder gelangweilt. Und weil sie mädchenhafte Gesten und Blicke zwar draufhat, aber nicht übertreibt.

Letzteres tun dafür überaus genüsslich Coralines alte Nachbarinnen (Sen Guo und Liliana Nikiteanu), die ja mal Schauspielerinnen waren. Und auch Iain Milne geht aufs theatralische Ganze als der ebenfalls in diesem seltsamen Haus lebende Mister Bobo, der einst Erfolge feierte mit seinem piepsenden und fiependen Mäuseorchester.

Womit wir bei der zweiten Frage wären: Warum hat der britische Komponist Mark-Anthony Turnage nicht mehr gemacht aus dieser Vorlage? Warum hat er die beiden Welten klanglich nicht schärfer charakterisiert? Oder vielleicht sogar ein bisschen eingängiger?

Coraline ist nicht die Erste, die im Reich der «Andermutter» landet, aber die Erste, die wieder wegkommt – und dabei auch die anderen Kinder befreit. Foto: Herwig Prammer

Ansätze gibt es ja, nicht nur beim Mäuseorchester. Auch der Vater bringt immer wieder tänzerischen Drive ins Geschehen, und der Chor der verlorenen Kinder, die aus dem Spiegel singen, klingt gruselig. Aber das sind Momente; über weite Strecken hört man eine Musik, die sich auf keinen Fall anbiedern möchte – und das Publikum damit auf sichere Distanz hält.

Jubel nach dem Happy End

Immerhin, die Interpreten geben herzhaft Gegensteuer. Die von Ann-Katrin Stöcker geleitete Philharmonia Zürich nutzt alles, was die Partitur an Farben, Rhythmen und Effekten hergibt. Deanna Breiwick singt die komplizierten Linien, als seien sie tatsächlich kinderleicht. Und Robin Adams gibt einen wirklich sympathischen Vater, der seine Gemüsesuppe respektive die Schoggiglace in höchstem Falsett anpreist.

Irène Friedli schliesslich hat als Mutter eine Glanzrolle gefunden: Mit gnadenloser Überfreundlichkeit herrscht sie über die Parallelwelt, in der Normalwelt vermittelt sie in jedem Ton die ebenfalls ziemlich unheimliche anwesende Abwesenheit einer Multitaskerin.

Aber beim Happy End strahlt auch sie. Und das Publikum, das zwei Stunden lang keinen Mucks gemacht hat, jubelt.

Erstellt: 17.11.2019, 15:08 Uhr

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