Alles neu beim Zürcher Kammerorchester

Das Ensemble muss sparen – und besinnt sich nun glücklicherweise wieder aufs Wesentliche, nämlich die Musik.

«Ich habe einen Traumjob hier», sagt der Geiger und ZKO Music Director Daniel Hope. Foto: Samuel Schalch

«Ich habe einen Traumjob hier», sagt der Geiger und ZKO Music Director Daniel Hope. Foto: Samuel Schalch

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Eine kleine Grenzüberschreitung muss dann doch sein in diesem Saisoneröffnungskonzert des Zürcher Kammerorchesters. Als Zugabe spielt der Geiger und Music Director Daniel Hope Gershwins «I Got Rhythm», als Co-Solistin holt er dafür die phänomenale ZKO-Kontrabassistin Seon-Deok Baik nach vorne. Und was die beiden anstellen mit dem Stück, wie das Orchester ab- und das Publikum mitgeht dabei – das hat mit dem, was man gemeinhin von einem klassischen Konzert erwartet, nicht mehr viel zu tun.

Ansonsten hält man sich an diesem Abend in der Tonhalle Maag ans Kernrepertoire: mit Mozart, Mendelssohn, Tschaikowsky und einem sehr freundlichen Werk des Briten John Rutter. Das ist als Statement zu verstehen: Denn das ZKO steht wieder einmal vor einem Neuanfang.

«Dampf rauslassen»

Vieles hat man ausprobiert in den vergangenen Jahren, die Konzerte wurden immer öfter zu spartenübergreifenden Experimenten. Zu Chopin gab es Tierfotos, Scherenschnittkünstler begleiteten die Musik, das Publikum bekam passend (oder unpassend) zu den Stücken Häppchen in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen serviert. Das war manchmal originell, häufiger bemüht – und im Rahmen eines auch sonst immer intensiveren Veranstaltungsbetriebs teurer, als das Budget es erlaubte. Letztes Jahr wurde das Loch in der Kasse bedrohlich gross, und Michael Bühler wurde nach elf Jahren als ZKO-Intendant erst krank und zog sich später ganz zurück.

Man habe dann als Erstes «Dampf rausgelassen» aus der nun gestarteten Saison 2019/20: Das sagt Lena-Catharina Schneider, die im vergangenen Januar ins ZKO-Betriebsbüro kam und nun neu zusammen mit Daniel Hope die künstlerische Planung betreut. Intendantin mag sie sich nicht nennen, «das wäre mir zu hoch gegriffen». Anders als Michael Bühler, der für alles zuständig war, hat sie mit Helene Eller eine kaufmännische Leiterin an der Seite; die beiden bilden – unterstützt von der ebenfalls neuen ZKO-Präsidentin Kathrin Martelli – die neue Geschäftsführung.

«Dampf rauslassen»: Das hiess vor allem reduzieren. Die Opera Box etwa findet in dieser Saison nicht statt; ob das Projekt später wiederbelebt wird, ist unklar. Finanziell ist man damit (und dank beherzter Unterstützung von ZKO-Freunden) wieder im Gleichgewicht. Und musikalisch sorgt das Orchester an diesem Eröffnungsabend dafür, dass niemand ans Knausern denkt: Grosszügig wird gespielt, frei, dynamisch – und im besten Sinne kammermusikalisch.

Ein Kollektiv von Individualisten

Am deutlichsten wird es im Violinkonzert in d-Moll, das Felix Mendelssohn als 13-Jähriger komponiert hat: Der Solist Daniel Hope spielt da zwischendrin auch bei den ersten Geigen mit. Und die Musikerinnen und Musiker begleiten ihn nicht nur, sondern reagieren auf ihn und aufeinander: als Individualisten, die wissen, was ein Kollektiv ausmacht.

Einen Traumjob habe er hier, sagt Daniel Hope denn auch beim Kaffee am Morgen danach, «die Arbeit mit diesem Orchester ist das Beste, das mir passieren konnte». Im vierten Jahr ist er nun Music Director beim ZKO, über eine Verlängerung seines Fünfjahresvertrags wird derzeit verhandelt, «und ich will genauso wie das Orchester, dass es weitergeht».

«Es ist wichtig, dass wir neben dem barocken Stil auch den grossen Sound beherrschen.»Daniel Hope

Denn man ist gut unterwegs, die «Zeit der Unruhe» hat die Musiker noch enger zusammengeschweisst. Demnächst steht eine USA-Tournee an, die Konzerte sind bereits zu 95 Prozent ausgebucht. Die Kinderkonzerte, die Michael Bühler erfolgreich ausgebaut hat, boomen weiterhin. Auch das Eröffnungskonzert ist gut besucht, und die Stücke kommen ebenso an wie Hopes Kommentare dazu.

Knapp sind sie, und passend: Wenn er etwa Tschaikowskys Streicherserenade op. 48 als «russisches Update zu Mozart» bezeichnet, so hört man danach genau das. Denn so schlank und schlackenlos der ZKO-Klang in den früheren Werken ist, hier wird er so gross und saftig, wie ihn der Orchestergründer Edmond de Stoutz einst gewollt hat.

Zurück zur Tradition also? Ja, sagt Hope: «Es ist wichtig, dass wir neben dem barocken Stil auch den grossen Sound beherrschen.»

Ja, sagt auch die künstlerische Leiterin Lena-Catharina Schneider: Sie habe in den letzten Monaten alte Programme durchgeschaut und dabei Verblüffendes entdeckt. Verschiedene Spielorte etwa, und erstaunlich viele Auftragswerke. Daran will sie anknüpfen in der nächsten Saison, die von der Planung her ihre erste sein wird. Und dabei öfter mal Orchestermusiker in den Vordergrund stellen: Die Gershwin-Zugabe war da durchaus als Appetizer gedacht.

Erstellt: 23.10.2019, 14:05 Uhr

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