Sie bringen die Kälte zum Klirren

Die Philharmonia Zürich probt derzeit für die Schweizer Erstaufführung von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern». Und hat dabei Ungewohntes zu tun.

Beim «Mädchen mit den Schwefelhölzern» spielen die Musikerinnen und Musiker der Philharmonia Zürich nicht nur im Orchestergraben, sondern auch in den Logen des Opernhauses. Foto: Reto Oeschger

Beim «Mädchen mit den Schwefelhölzern» spielen die Musikerinnen und Musiker der Philharmonia Zürich nicht nur im Orchestergraben, sondern auch in den Logen des Opernhauses. Foto: Reto Oeschger

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Die Instrumente sind gestimmt, die Probe der Philharmonia Zürich kann beginnen, nur eine Vorbemerkung hat der Dirigent Matthias Hermann noch: «Diejenigen Musikerinnen und Musiker, die Styropor verwenden müssen, sollen das doch bitte nachher in die dafür vorgesehene Kiste legen.»

Organisation ist alles, wenn man sich Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern» vornimmt. Stimmt die Logistik nicht, hat man bald einmal nicht nur ein Styropor-Gebrösmel im Orchestergraben, sondern auch ein musikalisches Chaos. Denn die Partitur verlangt viel vom Orchester, und viel Ungewohntes. Dirigent Hermann hat deshalb zunächst mit jeder Instrumentengruppe einzeln geübt, wie ein Puzzle wurde das Orchestergeschehen allmählich zusammengesetzt.

Auch die Musiker haben sich organisiert, Solocellist Claudius Herrmann etwa setzt auf Leuchtstifte. Rosa steht für einen japsenden Klang, bei Orange wird hinter dem Steg gespielt: «Die Partitur enthält so viele Informationen, da hilft es, wenn man gewisse Effekte einfärbt.» Denn gleichzeitig zu den Noten muss man ja auch den Dirigenten im Blick haben. Und zählen. Und zuhören, was die anderen machen.

Es ist selten das, was sie üblicherweise tun. Die «normal» gespielten Töne sind rar in diesem Werk, nicht nur dann, wenn das Styropor zum Einsatz kommt. Da klopft eine Klarinettistin auf das offene Rohr, dort steckt ein Posaunist das Mundstück verkehrt ins Instrument, und die Streicher bearbeiten mit ihren Bogen durchaus nicht nur die Saiten.

Physischer Zugriff auf die Musik

Als «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» 1997 in Hamburg uraufgeführt wurde, haben die Musiker dagegen protestiert. Er habe das gut verstanden, sagt Helmut Lachenmann beim Treffen nach der Probe: «Solche Dinge haben sie in der Musikhochschule ja nicht gelernt, im Gegenteil – man hat sie davor gewarnt.»

Gut möglich, dass er seinen Spass daran hatte, den Orchestern etwas von ihrer «philharmonischen Würde» auszutreiben. Aber es ging dem heute 83-jährigen Stuttgarter schon immer um mehr: darum, einen Ausweg zu finden aus der Sackgasse, in welche die zeitgenössische Musik mit dem Serialismus geraten war. Um eine neue Körperlichkeit der Klänge, um das Austricksen von Reflexen. Um einen unverbrauchten, unmittelbaren, physischen Zugriff auf die Musik.

Helmut Lachenmann beobachtet die Probe der Produktion, in der er selber als Sprecher auftritt. Foto: Reto Oeschger

Lachenmann fand ihn im Geräusch, oder wie er lieber sagt: in den tonlosen Klängen. In seiner Musik knarrt und klirrt es, man hört ein Rauschen und Schaben, ein Rieseln und Rascheln. Aber man hört, gerade in diesem «Mädchen mit den Schwefelhölzern», auch weit mehr: Kälte, Hitze. Einsamkeit. Bedrohung.

Inzwischen ist diese «Musik mit Bildern» zum Klassiker geworden. Die Zürcher Inszenierung ist bereits die achte (und die erste als Ballett, mit einer Choreografie von Christian Spuck); dazu kamen etliche konzertante Aufführungen. Eine solche «Karriere» machen nur ganz wenige zeitgenössische Werke. Lachenmann staunt immer noch ein bisschen darüber: «Ich bin ja eigentlich kein Opernkomponist, nicht einmal ein Opernbesucher.» Er habe sich einfach einmal in seinem Leben diese Gattung aneignen wollen, «eine zweite Oper von mir wird es nicht mehr geben».

Schon bei dieser ersten ist er nicht sicher, ob es überhaupt eine sei. Es gibt keine Handlung darin, keine Dialoge. Hans Christian Andersens Märchen wird mit Texten von Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci kombiniert. Und das Mädchen ist keine Identifikationsfigur, sondern wird von zwei Sopranistinnen dargestellt, die ihre Stimmen fast instrumental verwenden: bibbernd, stammelnd, schreiend, schnalzend.

Das Orchester klingt wie eine riesige Lunge: Es atmet – entspannt oder stockend oder panisch. Manchmal schnarcht es auch.

Sie tun es in dieser Probe mit grösster Selbstverständlichkeit, auch das Orchester lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Denn es hat sich viel getan in den letzten zwanzig Jahren, die meisten Musikerinnen und Musiker in der Philharmonia haben Erfahrung mit zeitgenössischen Werken und den entsprechenden Spieltechniken. So, wie sie sich den virtuosen Herausforderungen einer Strauss-Oper stellen, so packen sie die ganz anderen Schwierigkeiten dieser Lachenmann-Partitur an. Erst einmal gehe es darum, die Abläufe in den Griff zu bekommen, sagt der Cellist Claudius Herrmann, «und dann einen Sinn für die ganz eigene Ästhetik dieser Klänge zu entwickeln».

Der Dirigent Matthias Hermann hilft dabei. Er war als Assistent schon an der Uraufführung beteiligt, seither begleitet er das Werk; «er hat es inzwischen mehr drin als ich», sagt Lachenmann. Gelassen führt Hermann durch die Probe, freundlich, als hätte man jede Menge Zeit. Einmal nimmt er seine Geige aus dem Kasten und knistert etwas vor; zeigen geht schneller als erklären.

Und die Musiker reagieren rasch. Die Effekte, die beim ersten Versuch noch als Einzelereignisse gewirkt hatten, verbinden sich schon beim zweiten zu einem Ganzen. Das Orchester klingt dann wie ein Radio, an dem einer sich kreuz und quer durch die Kanäle hebelt. Oder wie eine riesige Lunge: Es atmet – entspannt oder stockend oder panisch. Manchmal schnarcht es auch.

So klingt Kälte: Die «Frost-Arie», dirigiert von Lothar Zagrosek.

Das funktioniert nur, wenn alles stimmt. Lachenmann erklärt es am Beispiel einer Passage, in der die Geiger «nur ein Rauschen» produzieren sollen: «Wenn 23 das präzis machen und der 24. nicht konzentriert ist, dann ist das wie in einem Nichtraucherlokal – wenn einer raucht, ist die ganze Luft verschmutzt.»

Er ist ein pointierter Erzähler, und die Musiker schätzen das. Trotz der seitenlangen Erläuterungen in der Partitur verstehe man ja oft nicht recht, was gemeint sei, sagt Claudius Herrmann, «aber wenn Lachenmann eine seiner Geschichten bringt, ist alles klar.» Er erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem Komponisten, vor über zwanzig Jahren; das Streichquartett «Gran Torso» habe man damals gespielt, «und da war ein bestimmter Knacklaut verlangt, den wir einfach nicht hinbekamen. Lachenmann hat dann von seinem alten Mercedes Diesel erzählt, und von dem Geräusch, das der Motorkasten macht, wenn er nach langer Fahrt abkühlt. So ein Bild vergisst man nicht mehr.»

Musik in «Ritsch»-Dur

Vielleicht ist dies Lachenmanns Geheimnis: Dass all das, was auf den ersten Blick so abstrakt und kompliziert wirkt, letztlich ganz anschaulich ist – gerade in diesem «Mädchen mit den Schwefelhölzern». «Eine Violine ist ja eigentlich auch ein Streich-Holz», sagt er. Eines, mit dem sich das «Ritsch», mit dem das Mädchen in Andersens Märchen seine Hölzchen anzündet, ganz konkret umsetzen lässt.

Dieses «Ritsch» versteckt sich überall in der Partitur der Streichholz-Szenen, als Klanggeste, in Zeitlupenform, als strukturelles Element. Diese Teile stünden in «Ritsch»-Dur, sagt Lachenmann deshalb: Noch so ein Bonmot. Und gleichzeitig die knappste Beschreibung dieser Musik, die es geben kann.

Premiere von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern» im Zürcher Opernhaus: Samstag, 12. Oktober, 19 Uhr.

Vom 7. bis 9. November gibt es im Opernhaus und an der Zürcher Hochschule der Künste ein Lachenmann-Festival mit Konzerten und einem Symposium.

Erstellt: 07.10.2019, 15:15 Uhr

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