Sie ist gerade mitten im Sprung

Die Schweizer Regisseurin Nina Russi hat einen wichtigen Preis erhalten – und probt in Zürich für die Familienoper «Coraline».

Nina Russi im Bühnenbild der Familienoper «Coraline», die am Samstag Premiere hat. Foto: Sabina Bobst

Nina Russi im Bühnenbild der Familienoper «Coraline», die am Samstag Premiere hat. Foto: Sabina Bobst

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Am vergangenen Donnerstag hat Nina Russi die Probe im Opernhaus geschwänzt, ungern: «Es ist nicht gut, wenn in einer Orchesterprobe die Regisseurin fehlt.» Aber es ging nicht anders – denn an dem Tag wurde in Stuttgart der Götz-Friedrich-Preis vergeben, der wichtigste Musiktheater-Nachwuchspreis im deutschsprachigen Raum. Russi, die im Aargau aufgewachsen ist, in Hamburg Musical studiert hat und dann über Regieassistenzen in die Opernwelt gerutscht ist, erhielt ihn als erste Schweizerin.

Und klar, sie freut sich darüber. Einerseits, weil die Anerkennung ihrer Aachener Inszenierung von Bernsteins «Trouble in Tahiti» und «A Quiet Place» gilt, die ihr sehr wichtig ist. Und andererseits, weil sie im richtigen Moment kommt. Sie sei grad «mitten im Sprung», sagt Russi: von der Regieassistentin zur Regisseurin, von der Studioproduktion auf die grosse Bühne.

Wo sie landen wird, wird sich in den nächsten Jahren zeigen: «Man hat das nicht wirklich selber in der Hand, es hängt davon ab, welche Chancen man bekommt.» Sicher ist, dass sie alles tun wird, um weiterzukommen. Sie arbeitet viel, «ich bin krass vorbereitet und super organisiert». Und wenn sie mal wieder hört, dass junge Regisseurinnen ja sowieso irgendwann Kinder bekommen und aussteigen, reagiert sie grantig: «So etwas können nur Männer bringen», sagt sie, und: Multitasking sei eine ihrer Stärken.

Ausserhalb von Zürich lehnt sie Kinderopern ab; sie will heraus aus dieser Schublade.

Wie sehr sich junge Frauen noch immer gegen Vorurteile in der Opernwelt stemmen müssen, zeigt auch ihre bisherige Karriere. Seit 2007 ist sie Regieassistentin am Zürcher Opernhaus, dreimal durfte sie selber inszenieren: zwei Kinderopern («Gold» und «Die Gänsemagd») und eine Uraufführung auf der Studiobühne («Der Traum von dir» von Xavier Dayer). Das erste Stück auf der grossen Bühne, das sie derzeit probt, ist «Coraline», also wieder eine Familienoper, «aber ein sehr cooles Stück, da konnte ich nicht Nein sagen».

Ausserhalb von Zürich lehnt sie Kinderopern derzeit dagegen konsequent ab; sie will heraus aus dieser Schublade, in der Regisseurinnen so gerne versorgt werden. Manche Intendanten reagieren verblüfft auf ein solches Nein. Aber das macht nichts, sie bekommt inzwischen genügend «erwachsene» Angebote: Ihr nächstes Projekt ist eine Barockoper an einer mittelgrossen deutschen Bühne; mehr darf sie noch nicht verraten, «aber es ist ein idealer nächster Schritt für mich».

Positive und negative Vorbilder

Arbeiten Regisseurinnen anders als Regisseure? Ja und nein, sagt Nina Russi. Natürlich habe sie einen weiblichen, dezidiert psychologischen Blick auf die Werke, «und zum Glück haben sich die Komponisten oft sehr für ihre Frauenfiguren interessiert». Ebenso wichtig ist ihr aber der Blick ihrer Generation, «mit 35 sehe ich die Stücke anders als ein 70-Jähriger».

Gelernt hat sie von vielen: von Jens Daniel Herzog und Robert Wilson (in dessen Zürcher «Norma» sie auch eine stumme Rolle hat), von Andreas Homoki und Tatjana Gürbaca. Und auch von vielen, die ihr vorgeführt haben, was sie nicht will: Als Assistentin hat sie oft mitbekommen, wie Regiestars Leute fertiggemacht haben; «dieses Hierarchische, dieses Treten nach unten ist sicher nicht meins». Gute Regiearbeit beginnt für sie bei einer guten Atmosphäre bei den Proben. Nur auf der Bühne, da mag sie es durchaus auch mal fies: «Coraline» wird es zeigen.

Erstellt: 12.11.2019, 23:37 Uhr

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