Der kluge, kühne Kalifornier war da

Stardirigent Kent Nagano beehrte Zürich – und machte das Publikum platt.

Kent Nagano weiss das Tohuwabohu in Charles Ives’ Musik zu organisieren. Foto: Antoine Saito

Kent Nagano weiss das Tohuwabohu in Charles Ives’ Musik zu organisieren. Foto: Antoine Saito

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Hört da irgendwer irgendwem zu? Die Blasmusik trampelt über eine Hymne hinweg, das Schlagzeug drängt vorwärts, während die Geiger auf ihren Saiten herumträumen. In einer Ecke klingts nach Salonmusik, in einer anderen nach Zirkus. Die Tonhalle-Musiker schenken sich nichts, der Pianist Florian Hoelscher hält mit. Und neben dem Hauptdirigenten Kent Nagano gibt es in der Tonhalle Maag auch noch zwei Nebendirigenten (Yi-Chen Lin und Georg Köhler), die das Tohuwabohu organisieren. Oder besser: die dafür sorgen, dass es eben nicht nach Organisation klingt, aber dennoch alle gleichzeitig fertig sind.

Das muss so sein in der 4. Sinfonie des Amerikaners Charles Ives (1874–1954), einem der verrücktesten, visionärsten Werke des 20. Jahrhunderts. Ives verdiente sein Geld im Versicherungsbusiness, da brauchte er sich als Komponist nicht um Fragen der Machbarkeit zu kümmern. Zwar hat er noch erlebt, wie einzelne Sätze des in den 1910er-Jahren geschriebenen Werks gespielt wurden; die Uraufführung des Ganzen fand aber erst 1965 statt. Und bis heute ist diese Sinfonie ein Abenteuer geblieben – so sehr, dass sie nun erst zum dritten Mal in einem Tonhalle-Programm auftaucht.

Dieser Komponist war seiner Zeit so weit voraus, dass er zeitgenössischer wirkt als manche seiner heutigen Kollegen.

Kent Nagano, der ebenso kluge wie kühne Kalifornier, hätte dem Publikum diese Musik gern erklärt. Denn für ihn hat sie nicht nur mit Ives’ Amerika zu tun, sondern auch mit dem heutigen (hört da irgendwer irgendwem zu?). Eine akute Heiserkeit hat ihn dann allerdings am Sprechen gehindert, was aber fast gar nichts machte, weil er seine Sicht auf diese Sinfonie auch dirigierend zu vermitteln weiss: Nicht nur im wilden Durch- und Gegen- und Nebeneinander der Stile. Sondern auch in der betont braven Fuge, die dann doch verrutscht und einen über Lust und Last der Traditionen nachdenken lässt.

Am Ende ist man platt. Und elektrisiert. Und schwer beeindruckt von einem Komponisten, der seiner Zeit so weit voraus war, dass er zeitgenössischer wirkt als manche seiner heutigen Kollegen. Auch das war zu hören in diesem Konzert, in den 1997 entstandenen «Fünf Orchesterstücken» von Matthias Pintscher: So einfallsreich der grosse Apparat auch hier eingesetzt wird – Ives’ utopische Kraft fehlt.

Dazwischen gabs auch noch Ravels «Shéhérazade», berückend schön gesungen von der Sopranistin Patricia Petibon. Eine Musik, die nur wenige Jahre vor Ives’ 4. Sinfonie entstanden ist. Aber in einer ganz anderen Welt.

Wiederholung des Programms heute Freitag, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag.

Charles Ives’ 4. Sinfonie wurde 1965 unter der Leitung von Leopold Stokowski uraufgeführt; dieser Film entstand wenige Tage danach.

Erstellt: 14.06.2019, 11:17 Uhr

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