Und unter den Barockkostümen liegen die Gefühle blank

Das Zürcher Opernhaus zeigt Jean-Philippe Rameaus «Hippolyte et Aricie». Sehr historisch, sehr lebendig.

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Was man nicht alles anstellen kann mit einem Dirigierstab: Menschen schälen, bis ihre Gefühle blank liegen. Ihnen den Boden unter den Füssen wegziehen und sie dann wieder landen lassen, sanft oder hart. Sie quälen, trösten, einsperren, beflügeln.

Emmanuelle Haïm jedenfalls kann das. Die französische Dirigentin gibt mit Jean-Philippe Rameaus Tragédie lyrique «Hippolyte et Aricie» ihr Debüt am Zürcher Opernhaus, und nach der Premiere galt der grösste Jubel ihr. Zu Recht: Dass einen die doch recht eigenartige Vierecksgeschichte mit mythologischem Personal berührt, hat sehr viel mit der Musik zu tun. Mit der Art, wie Haïm die Kühnheiten dieser Partitur ausreizt, mit der Rameau 1733 im reifen Alter von 50 Jahren die Bühne für sich entdeckt hat. Und mit der Intensität, die das Orchestra La Scintilla unter ihrer Leitung entwickelt.

Bittersüsse Klänge

Ganz ohne Schnickschnack wird hier musiziert. Das Continuo: essenziell besetzt mit Kontrabass, Violoncello und Cembalo. Das Schlagwerk: sparsam, aber effektvoll. Und alles andere wirkt so lebendig und frei, wie man es sich nur wünschen kann. Da gibt es bezaubernd melancholische Flötenquartette, Oboenquartette, Fagottquartette; auch die Streicher spielen mit Vorliebe bittersüss. Die Ballettszenen fügen sich ganz selbstverständlich ins Ganze. Und jede Szene, jede Figur hat ihre eigene Farbe.

Die Bühne dagegen hält sich diesbezüglich zurück, klugerweise. Regisseurin Jetske Mijnssen setzt auf Bilder, die zwar barocke Pracht ausstrahlen – aber in gedämpften Tönen. Gideon Daveys Kostüme und Perücken, der von Ben Baur entworfene runde Säulengang und das spärliche Mobiliar sehen aus wie auf einer leicht vergilbten Schwarzweissaufnahme. Umso stärker die Wirkung, wenn Kerzen flackern oder Stühle brennen. Oder wenn Phèdre auftaucht in einem roten Kleid: als eine, die nie ihren Platz finden wird in einer weiss-beige-dunkelgrauen Welt.

Dass da etwas schiefläuft in dieser göttlich-königlichen Familie, zeigt Mijnssen schon während der Ouvertüre. Da sitzen sie alle um einen Tisch, steif, wortlos, mit vollendeten Manieren: Thésée, der König von Athen. Seine Eltern, die Götter Diana und Neptun. Phèdre, seine zweite Frau. Sein Sohn Hippolyte aus erster Ehe. Aricie, die als Fremde an den Hof kam. Und niemand von ihnen verliert die Contenance, als ein junger Mann hereinstürmt, sich auf Thésées Schoss setzt und ihn küsst, bis er von priesterlichen Gestalten weggezerrt und umgebracht wird. Was nicht sein darf, das gibt es nicht an diesem Hof.

Die Hölle im Palast

Auch in Rameaus Stück gibt es diese Szene nicht. Aber sie erklärt, was danach kommt: Warum die schöne, vernachlässigte Phèdre sich in ihren Stiefsohn verliebt. Und warum Thésée im zweiten Akt in die Unterwelt steigt, um seinen Geliebten (im Original: seinen Freund) Perithous zurückzuholen. Auch diese Unterwelt findet sich in seinem Palast, die Rabenmenschen, die dort herrschen, passen bestens ins Dekor. Die Hölle, die ist «chez toi»: So heisst es im Stück, so sehen wir es auf dieser Bühne.

Und, immer wieder: So hören wir es in der Musik. Dass Rameau diesen zweiten Akt komponiert hat, dass er dieser Nebengeschichte so viel Raum gab – das hatte wohl akustische Gründe. Sangen im ersten Akt nur Frauen, ist dies der Moment der Männer, der tiefen Instrumente, der rabenschwarzen Klanglichkeit. Selbst die Parzen, die Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie, sind hier männlich besetzt; noch ungeheuerlicher ist nur ihr zweites Trio, das scheinbar haltlos durch die Harmonien rutscht und in der Uraufführung gestrichen wurde, weil sich die Sänger weigerten, es zu singen.

Die Zürcher Parzen (Nicholas Scott, Spencer Lang, Alexander Kiechle) schaffen das Stück mühelos. Auch der von Janko Kastelic vorbereitete, durch hohe Männerstimmen ergänzte Chor findet seinen eigenen Klang. Die junge Hamida Kristoffersen gibt die altehrwürdige Göttin Diana mit dem durchaus ironisch grundierten Pathos einer King’s Mum. Und bei den Hauptrollen weiss man gar nicht, wo man anfangen soll mit Schwärmen.

Starke Debüts

Bei Cyrille Dubois vielleicht, der erstmals im Zürcher Opernhaus singt und Hippolyte einen hellen, geschmeidigen, leidenschaftlichen Tenor verleiht. Auch Edwin Crossley-Mercer als Thésée gibt ein starkes Hausdebüt: mit einem Bass, der tatsächlich nach innerer Hölle klingt.

Stéphanie d’Oustrac dagegen kennt man inzwischen hier, sie stand schon als Charpentiers Médée und Monteverdis Ottavia auf dieser Bühne. Nun gibt sie als Phèdre erneut eine Figur, die ihren masslosen Gefühlen ausgeliefert ist, die Böses tut und sich selbst verdammt dafür – und deren Stimme so sehr glüht, dass sie einem tatsächlich nahekommt. Was nach ihrem Selbstmord noch folgt, muss notgedrungen lauer wirken.

Aricie dagegen ist die jugendliche Unschuld, der Mélissa Petit nicht nur die strahlende Reinheit ihres Soprans, sondern auch emotionale Tiefe verleiht. Man würde ihr das Happy End gönnen, das Rameau ihr und Hippolyte zugedacht hat. Aber Glück ist an diesem Hof nicht vorgesehen, oder nur in der Musik. Immerhin: Dort ist es vollkommen.

Erstellt: 20.05.2019, 18:07 Uhr

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