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Valery Gergievs gewagter Tanz mit der Politik

Wenn ein höchst erfolgreicher Dirigent Nähe zu Putin zeigt, wirkt das irritierend – auch in Zürich.

In Zürich war der Protest einiges moderater: Demonstration bei einem Gergiev-Konzert am 12. Mai in London. Foto: Keystone
In Zürich war der Protest einiges moderater: Demonstration bei einem Gergiev-Konzert am 12. Mai in London. Foto: Keystone

Valery Gergiev plagt ein Problem: Er wird derzeit nicht als wichtigster russischer Dirigent wahrgenommen, sondern eher als politischer Aussenposten Russlands und Bannerträger seines Freundes Wladimir Putin. Sein Verhältnis zum russischen Präsidenten, schrieb die «London Times», kenne in der Musikgeschichte nur ein Äquivalent: die Freundschaft zwischen Richard Wagner und Bayerns König Ludwig II.

Bekannt ist das schon seit längerem. Doch seit Gergiev die Krim-Annexion ausdrücklich begrüsst hat und auch noch seiner Sympathie für das russische Gesetz zur Antihomosexualitätspropaganda Ausdruck gab, wird er im Westen von einer Welle des Protests begleitet. In München, wo sonst nur leere Bierkrüge zu wirklichem Aufstand führen, wird seine Absetzung als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker diskutiert, bevor er überhaupt die Stelle im Jahr 2015 antritt. Und in New York werden seine Aufführungen von lauthals vorgetragenen ukrainischen Hymnen begleitet. Nur in der Schweiz geht es wieder mal etwas moderater zu und her: ein paar Protest-Flyer vorgestern vor dem Eingang der Tonhalle. That’s it.

Handgreiflicher wird es erst in der Musik. Denn Gergiev versucht bei seinem Zürcher Konzert erst gar nicht, Rimski-Korsakows sinfonische Suite «Scheherazade» analytisch und schlank auf ihre musikalische Substanz zurückzuführen. Hier brodelt im Mariinsky-Orchester die russische Leidenschaft, trumpft das Pathos auf, da wühlt ein Romantiker in seinen Gefühlen. Das riesige Accelerando und die gefürchteten Bläserrepetitionen in der Schiffbruchszene etwa gelingen so überschäumend wie aggressiv. Gergiev öffnet gekonnt die Schleusen des finalen Sturzbaches und überlässt das Mariinsky-Orchester seinem Temperament. Ein grosser Rausch wird daraus, ein Fest. Es ist dies ein starkes Argument für den Dirigenten, für seine Musik, für seine Aura. Es ist seine persönliche Demo.

Hört man die Gesinnung?

Aber wie ist es, wenn einer die geschützte Insel der Kunst verlässt und sich in die Tiefen oder Untiefen der Macht stürzt: Hört man das seiner Musik an? Darf ein Dirigent laut sagen, was er politisch denkt, oder ist die Musik immer auch eine Frage der Moral? Wird hier gar vom Westen moralisches Judo betrieben, indem von jemandem etwas erwartet wird, das dieser gar nicht leisten kann? Gehört es nicht dazu, dass die grossen Dirigenten auch mit den Mächtigen ein bisschen kuscheln, um ihre Ziele zu erreichen?

Auf solche Fragen gibt es keine abschliessenden Antworten. Eines scheint aber klar: Man wird Gergievs Musik nicht mehr unvoreingenommen zuhören können. Seine politischen Verlautbarungen ragen in seine Interpretationen hinein. Oder umgekehrt: In seiner Musik hängt immer etwas raus, was ihn angreifbar macht. Hat die Schärfe des Blechbläserklangs nicht auch etwas Gewalttätiges? Kippt das Pathos im Finale nicht in einen Patriotismus um? Solche Gedanken schleichen sich in den Hinterkopf. Auch wenn Gergiev öffentlich beklagt, dass nun das Politische so im Vordergrund steht und nicht das Künstlerische – ändern kann er diesen Umstand mit Klagen nicht, und momentan wohl auch nicht mit Musik.

Noch brisanter wird Gergievs Verheddern in der Politik, wenn er Tschaikowsky dirigiert: den wohl tragischsten Homosexuellen unter den Komponisten. Nach Ansicht von Putin «lieben wir Tschaikowsky nicht aufgrund seines Schwulseins, sondern wegen seiner Musik.» Doch das eine bedingt das andere, möchte man ihm zurufen. Denn einen Teil seiner Musik macht eben auch das Versteckspiel aus, unter dem Tschaikowsky aufgrund des Andersseins zeit seines Lebens litt. Doch wenn es um Tschaikowsky geht, scheint Nationalität vor Gesinnung zu stehen.

Alles andere als Versteckspiel gibt es dann bei der Interpretation von Tschaikowskys zweitem Klavierkonzert mit dem Pianisten Denis Matsuev. Er lässt es gewaltig donnern. Die nötige Pranke, um Tschaikowkys Werk zum Klingen zu bringen, hat Matsuev allemal. An pianistischen Primärqualitäten tut es ihm derzeit kaum einer gleich. Aber zu viel ist manchmal auch zu wenig: Trotz rasend schneller Tempi und manch tollem Tastenfeuerwerk bleiben die Spannungskurven oft farblos. Ein gutes Beispiel ist der Beginn des zweiten Satzes: Statt hier gemeinsam mit Gergiev eine geheimnisvolle Atmosphäre zu schaffen und die Neugier durch das Spiel mit den verdeckten Flöten- und Fagotteinsätzen zu schüren, reihen die beiden Effekte aneinander und spielen zu vordergründig.

Voller Effekte ist auch «Core», das 2002 entstandene Orchesterwerk des Schweizers Dieter Ammann, das neben dem beschriebenen romantischen Repertoire an diesem Abonnementskonzert aufgeführt wird. Eine herbe, raue Anmut vermittelt schon die einleitende Betriebsamkeit – vertrackte Rhythmen lassen hier das Melodische zurücktreten. Der romantisch veranlagte Gergiev stürzt sich deswegen vor allem auf die immer wieder auftauchenden blockartigen Ballungen der Instrumentenregister. So gespielt klingt dieses Werk dann plötzlich auch ein bisschen wie Rachmaninow. Eine musikalische Annexion, um im politischen Kontext zu bleiben.

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