Vergesst die Ewigkeit, schreibt für den Tag!

Wie holt man die zeitgenössische E-Musik aus der Spezialisten-Nische? Indem man die Werke unwiederholbar macht. Eine Polemik.

Geiger Felix Gargerle probt in einem Helikopter Stockhausens «Helikopter-Streichquartett». Foto: Johannes Simon (SZ Photo)

Geiger Felix Gargerle probt in einem Helikopter Stockhausens «Helikopter-Streichquartett». Foto: Johannes Simon (SZ Photo)

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Das Migros-Kulturprozent hat kürzlich sein CD-Label eingestellt: Eine schlechte Nachricht für all jene, die zwar nicht gerade vom Tonträgerverkauf leben, für die Bestreitung ihres Lebensunterhalts jedoch auf die Dokumentation ihrer Arbeit angewiesen sind. Förderbeiträge von Stiftungen und Staat erhält nur, wer Qualität und Resonanz des künstlerischen Strebens belegen kann. Und eine CD hilft dabei enorm.

Am stärksten betroffen von dieser ­Entscheidung ist die Neue Musik. Das ­Nischenprodukt zeitgenössische Kunstmusik wurde im 20. Jahrhundert an den Rand der gesellschaftlichen Wahrnehmung gedrängt und ist hochgradig von finanzieller Unterstützung abhängig.

Um dem beschriebenen Pakt mit der Subventionierung zumindest teilweise zu entkommen, bräuchte es mehr ­Publikum. Deshalb werden öfters Künstler programmiert, die nur «mässig modern» schreiben und das Publikum nicht durch allzu ungewohnte Klänge vergraulen. Bislang blieb die Wirkung solcher Kompromisse jedoch bescheiden.

Abgehängte Avantgarde

So kann das Problem also nicht behoben werden. Immerhin ermöglicht der Schritt der Migros nun wenigstens, die Sache in einem anderen Licht zu betrachten. Begründet wird die Entscheidung nämlich damit, dass CD-Porträts von Komponisten und Interpreten nicht mehr zeitgemäss seien. Man muss dies eine Ironie der Geschichte nennen: Ausgerechnet die Szene, die Zeitgenossenschaft und Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben hat, wird von technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bedroht. Statt diese zu antizipieren, hinkt sie ihnen hinterher. Etwas im Selbstverständnis der Avantgarde hindert ihre Protagonisten daran, mit der Zeit Schritt zu halten. Das Medium der CD liefert einen Hinweis darauf, was das sein könnte.

Tonträger dienen nicht zuletzt der Dokumentation und der Archivierung. Es soll damit etwas festgehalten und an die Nachwelt weitergereicht werden. Dieses Ansinnen entspringt einem Kunstverständnis, das in der Musik während der Klassik mit Haydn, Mozart und Beethoven aufgekommen ist: Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird zum grossen Komponisten nur erklärt, wer vor dem Urteil nachfolgender Generationen besteht. Eine Doktrin, die ihre Gültigkeit bis heute bewahrt hat und auch von den Komponisten unserer Zeit verinnerlicht worden ist. Die Gegenwart ist vernachlässigbar, es zählt nur das Urteil der Geschichte. Obwohl in der Neuen Musik also viele traditionelle Vorstellungen über die Tonkunst zur Disposition gestellt wurden, halten die meisten ihrer Vertreter an der Vorstellung der die Zeiten überdauernden Meisterwerke fest – wohl in der Hoffnung, selbst einen Beitrag zum Kanon beizusteuern.

Diesen alten Zopf gilt es abzuschneiden. Wie das gehen könnte, zeigt ein Blick auf den Mainstream-Pop: Auch er steckt in der Krise, das bisherige Geschäftsmodell zerfällt. Die Tonträgerindustrie wurde durch Gratisdownloads ihres Absatzmarktes beraubt, Geld verdient man höchstens noch mit Konzerten. Immer aufwendigere Live-Inszenierungen versprechen ein einzigartiges Spektakel.

Einzigartige Erlebnisse

Nun ist nicht gemeint, dass sich zeitgenössische Komponisten aus der E-Musik am Pop orientieren sollen. Die Rolling Stones verkaufen mit den teuren ­Tickets weder Einblicke in die Zukunft noch in die Gegenwart. Sie zelebrieren lediglich ihre Vergangenheit und bedienen damit die Sentimentalität ihres älter und wohlhabend gewordenen Publikums. Die Event-Industrie zeigt aber auf, womit man die Leute noch bewegen kann: mit einzigartigen Erlebnissen.

Selbstverständlich versucht auch die Klassikbranche, diese Schiene zu fahren. Starinterpreten reisen um die Welt und spielen schon hundert Mal gehörte Stücke aus längst vergangenen Epochen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, doch dabei steht nicht die Musik, sondern die Person des Virtuosen im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Konsequent weiterdenken

Den heutigen Komponisten muss diese Art von Konzertbetrieb Unbehagen bereiten. Der klassische Konzert­kalender räumt ihnen immer weniger Platz ein, obwohl man das Leben als Musiker nur noch mit Liveauftritten bestreiten kann. Um dieser Bredouille zu entkommen, gilt es, den Trend hin zum Konzert als aussergewöhnliches Ereignis aufzugreifen und konsequent weiterzudenken. Statt zu versuchen, Meisterwerke für die Ewigkeit zu schaffen, könnte man die Not zur Tugend machen – und Stücke schreiben für den Augenblick, für genau eine Aufführung, unwiederholbar. In Zeiten der Reproduzierbarkeit und digitalen Verbreitung von Musik kann die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit eines Konzerts zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. Diese Entwicklung zu antizipieren, ist die Herausforderung, aber auch die Chance gerade der neuen Musik.

Freilich bedingt ein solches Konzept, die Musik entsprechend anzupassen. Da die Wiederholung eines Stücks ausgeschlossen ist, sollte es bei einmaligem Hören zu verstehen sein. Es sollte schnell konsumierbar sein und keiner umfangreichen Erklärungen bedürfen. Doch widerspricht das nicht dem Selbstverständnis der neuen Musik? Gewiss – doch der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass man anspruchsvolle Musik auch schreiben kann, wenn man weder auf wiederholte Aufführungen noch auf eine verständnisvolle Nachwelt schielt.

Bach schrieb für den Moment

Komponisten wie Georg Philipp Telemann oder Johann Sebastian Bach hätten es sich nicht träumen lassen, dass ihre Musik über ihren Tod hinaus weiter aufgeführt würde. Tote Tonsetzer, auch die bekanntesten, besassen höchstens historischen Wert. Dennoch verwandten sie ihr ganzes Können darauf, Werke höchsten Anspruchs zu schaffen. Selbst ein Werk wie Telemanns «Tafelmusik», per definitionem ein Stück Gebrauchsmusik, lässt die Kunst ihres Autors erkennen. Um den Zweck einer Musique de table nicht zu verfehlen, also ein höfisches Mahl nicht durch übermässige Expressivität zu stören, liegen die Raffinessen der Partitur auf einer anderen Ebene. Die virtuose Beherrschung unterschiedlichster Genres und Besetzungen ist es, die Telemann darauf hoffen liessen, mit Hintergrundmusik Ruhm bei den Zeitgenossen zu erlangen.

Als weiteres Beispiel können Bachs Kantaten herangezogen werden: Jede Woche musste nicht nur eine neue geschrieben, sondern auch gleich einstudiert und aufgeführt werden. Dennoch schaffte es der Komponist, den spezifischen Ausdrucksgehalt jedes Textes aufzunehmen und in Musik zu fassen. Solche Mühen nahm er im Glauben auf sich, dass es beim einmaligen Erklingen dieser Werke bleiben wird.

Höchste ästhetische Ansprüche

Zugegeben, diese zwei Beispiele entstammen einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem die Musik Funktionen einnahm, die sie heute nicht mehr erfüllen kann. Denn herrschaftliche Repräsentation und die Lobpreisung Gottes zählen nicht mehr zu den Hauptaufgaben der Neuen Musik. Trotzdem vermögen sie zu zeigen, dass die Qualität der Musik nicht unter den Alltagsanforderungen zu leiden braucht. Auch auf Anhieb erfassbare Stücke oder Konzepte können höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen.

Es ist also durchaus möglich, dass die neue Musik auch ohne das CD-Label des Kulturprozents eine prosperierende Zukunft hat. Sie ist in der Vergangenheit, im Musikverständnis der vorklassischen Epochen zu suchen.

Erstellt: 03.05.2017, 18:49 Uhr

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