Tschaikowsky, die volle Dröhnung

Paavo Järvi dirigiert die Werke, als wären sie neu, entfesselte Solisten bringen das Publikum in der Tonhalle Maag zum Toben.

Paavo Järvi kann mit dem Tonhalle-Orchester Zürich einen Höllenlärm veranstalten – wenn es zum Werk passt. Foto: Keystone

Paavo Järvi kann mit dem Tonhalle-Orchester Zürich einen Höllenlärm veranstalten – wenn es zum Werk passt. Foto: Keystone

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«Bitte Ruhe!» steht auf den Schildern vor dem Eingang in den Saal der Tonhalle Maag. Sie gilt dem Publikum, das sich das Husten verklemmen soll während der Liveaufnahme. Sie gilt dagegen naturgemäss und in diesem Fall sehr ausdrücklich nicht fürs Tonhalle-Orchester, das einen Höllenlärm veranstaltet in Tschaikowskys «Francesca da Rimini» – passend zu einem Stück, das sich an einer Episode aus Dantes «Inferno» orientiert.

Tschaikowsky also: Der neue Tonhalle-Chefdirigent Paavo Järvi widmet diesem Komponisten sein erstes Zürcher Grossprojekt. Alle Sinfonien werden live eingespielt in dieser Saison, dazu einzelne andere Orchesterwerke. Järvi ist aufgewachsen mit dieser Musik, Estland war damals Teil der Sowjetunion, da wurde viel Russisches gespielt.

Die Konzerte der letzten und der laufenden Woche zeigen nun vor allem eines: dass er nicht einfach die damalige Tradition fortführt, sondern sich ebenso energisch wie konzentriert mit ihr auseinandersetzt. Laut, wenn es sein muss, Järvi bewegt die Tonhalle-Musiker nicht nur in «Francesca da Rimini», sondern auch in den Sinfonien Nr. 4 und 6 zu ungewohnt rohen, herben Klängen. So scharf er die Konturen der Musik formt, so präzis er Farben mischt, Gesten zuspitzt und Strukturen klärt – es klingt kein bisschen gepützelt.

Die Pianissimi sind auf denkbar vielfältige Weise leise: bedrohlich oder verängstigt, unruhig oder zärtlich. 

Und kein bisschen harmlos. Generalpausen klaffen wie Abgründe in der Musik, man erschrickt, wenn der erste Satz der Sechsten vom Adagio ins Allegro umschlägt, und die Pianissimi sind auf denkbar vielfältige Weise leise: bedrohlich oder verängstigt, unruhig oder zärtlich. Tschaikowskys Werke werden da nicht als Hits gespielt, sondern als höchst aufregende Entdeckungen.

Klezmer und finnische Volksmusik

Dass Järvi eine neue Energie nach Zürich bringt, hat sich in diesen beiden Konzerten damit eindrücklich bestätigt. Dass er auch noch gute Leute hierherholt, kommt dazu: «Sow the Wind…» seines ehemaligen Schulkollegen Erkki-Sven Tüür, der dieses Jahr den Creative Chair besetzt, war zwar tatsächlich vor allem laut. Aber da waren auch zwei der drei Fokus-Interpreten: Der schwedische Klarinettist Martin Fröst spielte Copland, und schon das war grossartig; mit seiner Klezmer-Zugabe brachte er den Saal definitiv zum Brodeln.

Und gestern nun präsentierte sich der finnische Geiger Pekka Kuusisto. Herzerwärmend skurril und frisch klangen die Sibelius-Humoresken, die eine Tonhalle-Premiere waren, genau wie seine gegen jegliche Rituale verstossende Geste, den Blumenstrauss ins Publikum zu schmeissen. Danach gabs noch finnische Volksmusik, «die ist älter als die Werke von Bach». Das Publikum reagierte, als wolle es gerade sofort einen Kuusisto-Fanclub gründen.

Weitere Aufführungen in der Tonhalle Maag: Heute Donnerstag und morgen Freitag, 19.30 Uhr. Sonntag, 17 Uhr, Tonhalle Maag: Kammermusik mit Pekka Kuusisto und Tonhalle-Musikern.

Auch bei den Proms gab Pekka Kuusisto (nach einer Aufführung von Tschaikowskys Violinkonzert) eine ziemlich ungewöhnliche Zugabe. Video: Youtube

Erstellt: 31.10.2019, 14:00 Uhr

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