Was Musik erst möglich macht

«Macht» ist das Thema des laufenden Lucerne Festival. Es weist auf Mechanismen hin, die den Musikbetrieb prägen – im Guten wie im Schlechten.

Macht hat sich schon immer auf Pracht gereimt: Flötist und Preussenkönig Friedrich der Grosse (1712–1786), posthum gemalt von Adolph Menzel. Foto: PD

Macht hat sich schon immer auf Pracht gereimt: Flötist und Preussenkönig Friedrich der Grosse (1712–1786), posthum gemalt von Adolph Menzel. Foto: PD

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Eine Geige zickt gegen ihr Echo an, Bässe blubbern, Tonschlaufen wickeln sich ums Publikum. Aber wer sich an diesem Samstagabend umschaut im Luzerner Saal des KKL und nach einem Mischpult sucht, findet keines: Denn das radikale Live-Elektronik-Experiment des 81-jährigen Baslers Thomas Kesslers findet ohne Klangregie statt. Die Musikerinnen und Musiker der Lucerne Festival Academy haben alle ihre eigene Steckdose, ihr iPad, ihren Lautsprecher – und damit die Macht über ihren Klang. «Utopia III» heisst das Stück des diesjährigen Composer-in-Residence, weil so viel elektronische Demokratie ungewöhnlich ist. Aber auch, so Kessler, weil er nie geglaubt hätte, dass jemand so etwas aufführen würde.

Ein paar Stunden davor hatte man im grossen KKL-Saal dagegen die üblichen Machtverhältnisse studieren können. Riccardo Chailly hatte sein Lucerne Festival Orchestra dirigiert, das er seit 2016 nach seinen Vorstellungen formt. Auf den Pulten lag Mahlers Sinfonie Nr. 6, in der detaillierteste Vortragsbezeichnungen dafür sorgen, dass der Wille des Komponisten über seinen Tod hinaus respektiert wird.

Weiss strahlten die Wände im Saal, weil Chaillys Vorgänger Claudio Abbado einst das Farbkonzept des Architekten Jean Nouvel gebodigt hat. Und im Publikum sah man wie immer etliche, die in ihrem Alltag anderen sagen, was sie zu tun haben; aber hier sassen sie still, weil die Musik und die Konzertrituale das verlangen. Höchstens hustend leisteten die einen oder anderen Widerstand.

Tatsächlich, man nimmt die Konzerte an diesem Lucerne Festival anders wahr als sonst. Das Thema «Macht» lenkt die Aufmerksamkeit auf Mechanismen, die den Konzertbetrieb zwar immer prägen – aber so konstant und selbstverständlich, dass sie einem normalerweise gar nicht mehr auffallen.

Handy schlägt Beethoven

Da war etwa jenes Konzert, das nur zur Hälfte gestreamt werden durfte, weil ein Plattenlabel, bei dem der Solist der anderen Hälfte unter Vertrag steht, sein Veto eingelegt hatte. Da war das Handy, das es mit einem einzigen Klingeln schaffte, über tausend Menschen plus einen Pianisten aus der Atmosphäre einer Beethoven-Sonate zu reissen. Und da waren Werke von Rachmaninow und Schostakowitsch, die in jedem Konzertsaal der Welt gespielt werden – aber hier expliziter als sonst von der Frage begleitet wurden, wie sich Exil und Unterdrückung in dieser Musik niederschlugen.

Auch die positiven Aspekte der Macht kommen zum Vorschein bei diesem Festival. Wie viele bedeutende Werke sind entstanden, weil die Komponisten an den Höfen durchgefüttert wurden! Wie viele Projekte sind nur möglich dank Geldgebern, die auch mal Nischiges, Verrücktes, Utopisches unterstützen! Wie grossartig kann es sein, wenn eine Solistin ihre Tasten oder Saiten bis in die letzte Nuance im Griff hat!

Und dann ist da noch die viel beschworene Macht der Musik selbst, die uns rühren und irritieren, beruhigen und aufputschen kann. Nicht nur im Konzert: Babys lassen sich in den Schlaf singen, Primarschülerinnen lernen das kleine Einmaleins am besten mit Liedern zu den einzelnen Reihen, Fussballfans feuern ihre Mannschaften singend (oder brüllsingend) an. Die Behauptung, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie Mozart hören, hat sich zwar als falsch erwiesen; aber nur schon, dass man daran geglaubt hat, ist ein deutliches Zeichen dafür, was man der Musik alles zutraut.

Noch eine andere Illusion ist in den letzten Wochen und Monaten geplatzt, glücklicherweise: jene, dass Musiker sich vieles erlauben können, wenn sie nur berühmt und mächtig genug sind. Mit Placido Domingo wurde ein weiterer Superstar von der #MeToo-Welle erfasst, nicht besonders heftig zwar, weil die meisten Vorwürfe anonym geäussert wurden; sie waren auch nicht allzu dramatisch. Aber er wird sie nicht mehr loswerden.

Viele Aspekte des Themas werden verschwiegen an einem Festival, das seine Stars, Sponsoren und Zuhörerinnen nicht vergrätzen darf.

Auch Daniel Barenboim musste Kritik einstecken, weil er Musiker unter Druck gesetzt und blossgestellt haben soll. Als er nun am Lucerne Festival dirigierte, ging es in den offiziellen Publikationen allerdings nur um sein israelisch-palästinensisch besetztes West-Eastern Divan Orchestra, mit dem er seit zwanzig Jahren gegen die zerstörerische Nahostpolitik anspielt – und um Beethovens Sinfonie Nr. 7, die schon immer als Appell zur Völkerbefreiung verstanden wurde.

Zum Thema Musik und Macht gehört nun mal auch Diplomatie. Viele Aspekte werden verschwiegen an einem Festival, das seine Stars, Sponsoren und Zuhörerinnen nicht vergrätzen darf. Sie sind höchstens unterschwellig vorhanden, in Pausengesprächen, in den Köpfen, da und dort in den Medien.

Man mag das bedauern, schlimm ist es nicht: Es ist schon viel, wenn ein Festival Fragen anregt – beantworten kann sie dann jeder und jede für sich. Etwa am vergangenen Freitag im Konzert des Dirigenten Long Yu, der im chinesischen Musikbetrieb mehrere Schlüsselpositionen besetzt und von westlichen Veranstaltern, die gerne in China Fuss fassen möchten, entsprechend umworben wird. Oder im noch bevorstehenden mit Valery Gergiev, der wegen seiner Nähe zu Wladimir Putin immer wieder angegriffen wird, aber dennoch eine prallvolle Konzertagenda hat.

Auch Bill Clinton hätte man einladen können, der einst Wahlkampf machte mit seinem Saxofon.

Nun sind solche musikalisch-politischen Verbandelungen keineswegs neu, und sie kamen oft beiden Seiten zugute. Macht hat sich schon immer auf Pracht gereimt, am schönsten wohl am Hof Friedrichs des Grossen, der ein begabter Flötist und Komponist war. Eines seiner Werke hätte bestens ins Luzerner Programm gepasst, der Flötist Emmanuel Pahud hätte auch mehrere im Repertoire gehabt, aber man hat ihn dann doch lieber für Mozart verpflichtet.

Auch Bill Clinton hätte man einladen können, er hat einst Wahlkampf gemacht mit seinem Saxofon und zeigte als US-Präsident gern, wie locker er neben der Welt auch die Töne beherrschte. Aber so viel Macht – sprich: Geld –, um ihn zu engagieren, hat nicht einmal das grösste Schweizer Klassik-Festival.

Doch noch eine Dirigentin

Zurück also ins reale Programm. «Utopia III» ist verklungen, nun steht Thomas Kesslers «...said the shotgun to the head» an. Er hat es 2003/04 aus einer Textaufnahme des schwarzen Slammers Saul Williams entwickelt, und es fährt ein: dank der Heftigkeit von Williams’ Stimme; dank der rhythmischen Wucht von Kesslers Musik. Und dank der Dirigentin Ruth Reinhardt, die mit Furor und Präzision durchs Werk führt – und einen daran erinnert, dass vor drei Jahren, als das Lucerne Festival unter dem Motto «Primadonna» stand, ganz viele Frauen aufs Podium stiegen.

Dieses Jahr ist Reinhardt die einzige. Late Night, im kleinen Saal. Schöner hätte man nicht zeigen können, wie viel es braucht, bis sich Machtstrukturen wirklich ändern.

An den Rändern des Lucerne Festival tut sich etwas: Der Slammer Saul Williams und die Dirigentin Ruth Reinhardt bei der Aufführung von Thomas Kesslers «...said the shotgun to the head».

Erstellt: 25.08.2019, 17:56 Uhr

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