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Wenn Töne aus dem Lot geraten

Das Berner Ensemble Les Passions de l’Ame macht mit originellen Barockprogrammen und ungestümen Interpretationen Furore. Nun tritt es gleich zweimal in Zürich auf.

Das Ensemble Les Passions de l’Ame sucht die Herausforderung auch jenseits der barocken Hitparade. Foto: PD
Das Ensemble Les Passions de l’Ame sucht die Herausforderung auch jenseits der barocken Hitparade. Foto: PD

Der Philosoph René Descartes hat sich ja durchaus für Musik interessiert. Aber er hätte wohl nie gedacht, dass es einmal ein Alte-Musik-Ensemble geben würde, das als Namen den Titel eines seiner Traktate wählt: «Les Passions de l’Ame», publiziert im Jahr 1649.

Noch mehr hätte er sich wohl gewundert, wenn er dieses Berner Ensemble gehört hätte. Da hatte er doch in seinem «Compendium Musicae» argumentiert, dass jede berührende Musik nach einfachen mathematischen Proportionen funktioniere. Und jetzt produziert dieses Ensemble eine CD mit dem Titel «Schabernack», auf der die Dinge gründlich aus dem Lot geraten sind: Da werden Regeln über den Haufen gespielt, Systeme unterspült, Balancen gestört.

Aber eben, das Ensemble hat sich ja nicht «Compendium Musicae» genannt, sondern Les Passions de l’Ame – und wer die Leidenschaften und die Seele im Namen führt, hat anderes als klingende Mathematik im Sinn. Aber eben auch mehr als nur Leidenschaften: Der philosophische Bezug ist bewusst gewählt. Es wird in diesem Ensemble nicht nur gespielt, sondern auch gedacht und hinterfragt. Bis das, was verschoben wurde, ein neues Gleichgewicht findet.

«Schabernack» (CD-Teaser) von Les Passions de l'Ame. Video: Youtube/lespassionsdelame

So gerät denn auch der musikalische Schabernack nie zur Blödelei. Manche Hörer hätten sich gewundert, dass diese Musik «gar nicht so lustig» sei, sagt die Barockgeigerin Meret Lüthi, die das Ensemble 2008 mitbegründet hat und leitet. Es gibt zwar Pointen, dafür haben Komponisten wie Johann Heinrich Schmelzer oder Heinrich Ignaz Franz Biber mit Kuckuckimitationen oder herzhaft schrägen Akkorden gesorgt. Aber sie dominieren nicht – und verleiden einem deshalb auch nicht. Während man bei Witzen beim zweiten Mal nicht mehr lacht, hört man hier auch beim x-ten Mal noch gerne zu: Die Tricks der Stücke sind dann zwar bekannt, aber ihre Schönheit, ihre Farben, ihre Energie lassen einen dennoch nicht los.

«Heinrich Ignaz Franz Biber, La Battalia» von Les Passions de l'Ame. Video: Youtube/lespassionsdelame

Man kann, wenn man will, in dieser Musik durchaus die sechs Grundleidenschaften erleben, die Descartes einst ausgemacht hat: Verwunderung, Liebe, Hass, Traurigkeit, Freude und Begierde. Oder auch noch ein paar mehr, die Neugierde etwa. Die Komponisten hatten sie damals, als sie neue Klanggebiete erkundeten. Und die Musikerinnen und Musiker von Les Passions de l’Ame haben sie heute, wenn sie Stücke jenseits der barocken Hitparade ausfindig machen – oder die Top Ten neu entdecken.

«Mit offenen Flügeln spielen»

Schon immer haben sie das Besondere gesucht, auch auf ihren früheren CDs. Unter dem Titel «Spicy» servierten sie Werke, die mit exotischen Anleihen, Tierlauten und umgestimmten Instrumenten kräftig gewürzt waren. Und auf «Bewitched» begaben sie sich in verzauberte Wälder und andere magische Welten.

Sie taten es virtuos und präzis, aber auch frei und ungestüm – und wer sich von dieser Spielweise an das Freiburger Barockorchester erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Meret Lüthi ist zeitweise mit diesem Orchester unterwegs, auch andere Musiker von Les Passions de l’Ame sind mit ihm verbunden. Aber das Berner Ensemble ist doch weit mehr als ein Ableger des Freiburger Vorbilds. Die Musikerinnen und Musiker sind alle freischaffend und sammeln ihre Erfahrungen in verschiedenen Ensembles, als Gastmusiker da und dort, als Dozentinnen und Coaches.

«Georg Philipp Telemann, Tanz der Tritonen» aus der Kantate «Ino». Video: Youtube/lespassionsdelame

Es ist eine bunte, teils internationale, teils in Bern verwurzelte Truppe, die sich jeweils in einem Zunfthaussaal für die Proben trifft. Seit Jahren ist die Besetzung konstant – man kennt sich, man funktioniert im Team. Wobei Meret Lüthi betont, dass die individuellen Sichtweisen entscheidend seien: Jede und jeder im Ensemble solle «mit offenen Flügeln spielen können»; nur so könne die Musik wirklich abheben.

Dass Lüthi der Kopf – und vor allem: die Seele – des Ganzen ist, ist dennoch klar. Die Bernerin dirigiert das Ensemble von der Geige aus, sie bestimmt die interpretatorische Richtung. Sie wolle immer möglichst viel wissen über die Stücke, ihre Machart und die Zeit ihrer Entstehung, sagt sie; das helfe ihr, «die perfekte Gastgeberin» sein zu können.

Wobei «perfekt» hier auch heissen kann, dass man die Gäste einmal so richtig raffiniert und vergnügt auf die Schippe nimmt.

Soirée classique im Zürcher Kaufleuten: Donnerstag, 28. September, 20 Uhr. Moderation: Susanne Kübler

Festival Alte Musik: Freitag, 29. September, 19.30 Uhr, Kirche St. Peter.

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