Wer ist «Bartók»?, fragte die Gestapo

Der Dirigent Claudio Abbado (1933–2014) wird in einer neuen Biografie als «stiller Revolutionär» gewürdigt.

Claudio Abbado 1972 in London. Foto: Jeremy Fletcher (Redferns/Getty Images)

Claudio Abbado 1972 in London. Foto: Jeremy Fletcher (Redferns/Getty Images)

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Die schönste Anekdote findet sich auf Seite 21 von Wolfgang Schreibers Abbado-Biografie: Sie erzählt vom zehnjährigen Claudio, der damals Stücke aus Béla Bartóks Klavierzyklen übte und vor lauter Begeisterung über diese Musik «Viva Bartók!» an die Mauer seines Mailänder Elternhauses schrieb. 1943 war das, Mailand war von den Nazis besetzt – und die deutsche Gestapo versuchte in Ermittlungen und Verhören herauszufinden, welcher Partisan sich hinter dem Decknamen «Bartók» verberge. Gut möglich, dass diese Episode Abbados Politisierung beschleunigt hat.

Musizieren unter Freunden

Auch sonst war vieles, was diesen aussergewöhnlichen Dirigenten später ausgemacht hat, in seiner Kindheit angelegt. Abbados Vater war Geiger, die Mutter Pianistin, und dank den vier Kindern und vielen Gästen gehörte Hausmusik zum Alltag. Die Familie Abbado, so formulierte es der Dirigent Gianandrea Gavazzeni, war «die ordentlichste und organisierteste, die mir je begegnet ist. Aber es ist eine Ordnung, die keine Schwere kennt… ohne Strenge und ohne Posen.» Wenn Abbado viele Jahre später, als Gründer und Chefdirigent des Lucerne Festival, vom «Musizieren unter Freunden» sprach – dann tat er das in jenem Geist, der seine Kindheit geprägt hatte.

Luzern war Abbados vorletztes grosses Projekt, später gründete er noch das Orchestra Mozart in seiner Wahlheimat Bologna: auch dies ein «Orchester von Freunden». Wolfgang Schreiber, der Abbados Wirken als Musikredaktor der «Süddeutschen Zeitung» während Jahrzehnten verfolgt hat, sieht hier das verwirklicht, was der «stille Revolutionär» Abbado schon immer gesucht hatte: nicht den Machtrausch eines Pultdiktators, sondern die musikalische Begegnung mit Gleichgesinnten.

Claudio Abbado 2008 beim Lucerne Festival. Foto: Keystone

Begonnen hatte diese ungewöhnliche Karriere einst mit Wettbewerben, die der junge Abbado gewann, und mit einer Stelle als Kammermusiklehrer in Parma, mit der er seinen Sprung auf die grossen Podien hinauszögerte. Er tat ihn dann als 35-jähriger Chefdirigent der Mailänder Scala, die er zusammen mit dem Pianisten Maurizio Pollini und dem Komponisten Luigi Nono auch für Studenten und Arbeiter öffnete.

Später, beim London Symphony Orchestra, entdeckte er Mahlers Sinfonien für sich. Und er gründete sein erstes Jugendorchester: Das leidenschaftliche Interesse für die Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs gehörte zu den Konstanten in dieser Karriere, die durchaus auch ihre Tiefpunkte kannte. An der Wiener Staatsoper etwa, wo Abbado im Intendanten Helmut Drese einen Verbündeten traf, aber den Absprung nicht fand, als dieser abgesetzt wurde. Abbado sei «umgefallen», hat Drese damals kritisiert: «Dabei nimmt er Personen in Kauf, mit denen er um keinen Preis zusammenarbeiten will. Und verleiht der neuen Direktion das Charisma, das sie so dringend braucht.»

Bei den Berliner Philharmonikern wollte Abbado nicht Maestro genannt werden, sondern Claudio.

In dieser verfahrenen Situation kam die Wahl als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gerade recht. Nicht Maestro wollte Abbado dort von den Musikern genannt werden, sondern Claudio: ein Schock nach der Ära Karajan. Auch die Proben fanden die Berliner ungewohnt, Abbado habe oft nur sehr vage Anweisungen gegeben und geradezu ziellos gewirkt – und blühte dann im Konzert auf. Vielleicht sei das sein Weg gewesen, sagte ein Musiker, «dieses Zögerliche, dieses Immer-wieder-Überlegen, dieses Denken und Hören in anderen Möglichkeiten, einzig und allein mit dem Ziel, am Abend die schönste Musik der Welt zu machen».

In solchen Passagen zeigen sich die Stärken von Schreibers Biografie: Er glorifiziert Abbado nicht, sondern beschreibt möglichst genau, was er tat, wie er es tat, wie er dabei wahrgenommen wurde. Auch der private Abbado wird nicht verklärt. Die Tatsache, dass er die schwangere Geigerin Viktoria Mullova verliess, weil er kein weiteres Kind aufziehen wollte, wird genauso selbstverständlich thematisiert wie seine Begeisterungsfähigkeit, seine Abneigung gegen grosse Worte oder sein soziales Engagement.

Der Ton passt

Die Kehrseite dieser wohltuend nüchternen Haltung ist, dass Schreibers Darstellung zuweilen ins Buchhalterische kippt. Störend sind auch die vielen Wiederholungen, die ein aufmerksames Lektorat leicht hätte verhindern können. So erfährt man etwa im Abstand von wenigen Seiten zweimal, dass der Geiger Enrico Polo Abbados Patenonkel war. Auch seine Vorliebe für Verdis «Simon Boccanegra» oder Mussorgskys «Boris Godunow» wird mehrfach als Neuigkeit verkündet.

Aber das sind nur Schönheitsfehler in einem Buch, das dem Dirigenten in vielerlei Weise gerecht wird: im Ton, der stets diskret bleibt. Und in der Sympathie für einen, dem die Musik stets wichtiger war als sein eigener Ruhm.

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – der stille Revolutionär. C.H. Beck, München 2019. 320 S., ca. 40 Fr.

Erstellt: 14.07.2019, 15:08 Uhr

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